Als Mensch auf Menschen zugehen

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Arbeitshilfe Queer und Gender
Als Mensch auf Menschen zugehen
Die neue Publikation der Hannoverschen Landeskirche "Ich möchte einfach Mensch sein" erweist sich als praktische Hilfe sowie kirchliches Statement. Katharina Payk hat die "Arbeitshilfe für eine gendersensible und queerfreundliche christliche Praxis" unter die Lupe genommen.

Die Arbeitshilfe "Ich möchte einfach Mensch sein" der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, die Ende letzten Jahres erschienen ist und innerhalb der Landeskirche verschickt wurde, erweist sich als ein vielschichtiges und zugleich praxisnahes Instrument für eine gendersensible und queerfreundliche kirchliche Arbeit. Herausgegeben vom Landeskirchenamt und redaktionell verantwortet von Theodor Adam, Cornelia Dassler, Susanne Paul und Sonja Thomaier – selbst Blogger:in bei kreuz & queer – bringt sie eine Vielzahl theologischer, pädagogischer und liturgischer Stimmen zusammen.

Rund fünfzig Beiträge unterschiedlicher Autor:innen eröffnen Perspektiven auf sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, Liebe und Zusammenleben, die sich bewusst nicht auf eine einzige Deutung reduzieren lassen – und damit dem wissenschaftlichen und aktivistischen Diskurs und Lebenskonzept "Queer" alle Ehre machen. Zu den Mitwirkenden gehören unter anderem Dr. Ruth Heß mit theologischen Grundüberlegungen, Susanne Paul mit einem niedrigschwelligen Zugang zur Frage "Was ist Geschlecht?" und Jenny Rump, die Fragen queerer Jugendlicher dokumentiert. 

Besonders innovativ ist die Synthese von Analyse, Reflexion und Praxis. Die Arbeitshilfe bietet konkrete Beispiele, die unmittelbar in kirchlichen und schulischen Kontexten erprobt werden können. So finden sich etwa ausgearbeitete liturgische Elemente wie das Tauflied "Bunt ist Gott dein guter Segen" von Hanna Dallmeier, das die Vielfalt menschlicher Identität poetisch und kindgerecht ins Zentrum stellt. Ebenso werden andere alternative liturgische Bausteine vorgeschlagen, etwa ein "VaterMutterunser", das traditionelle Gottesbilder erweitert und sprachlich öffnet.

Auch im Bereich der Gemeindearbeit überzeugt die Publikation durch ihre Anschaulichkeit: Fallbeispiele zur gendersensiblen Sprache laden zur Reflexion konkreter Situationen im Alltag ein, so etwa der Beitrag "Gut gemeint, aber verletzend" von Dr. José Calvo Tello. Materialien wie ein Konfi-Steckbrief über Pronomen können direkt in die (kirchliche) Bildungsarbeit integriert werden. Solche Beispiele im Buch zeigen, dass gendersensible Praxis nicht abstrakt oder abgehoben ist, sondern im kirchlichen Kontext jederzeit umgesetzt werden kann.

Ein weiteres geglücktes Moment der Publikation ist die theologische Tiefe, mit der queere Perspektiven entfaltet werden. Sonja Thomaier stellt queere Theologie als konstruktiv-kritischen Blick für jede theologische Arbeit vor. Interreligiöse Perspektiven, etwa von Dr. Ursula Rudnick und Dr. Wolfgang Reinbold, erweitern den Horizont zusätzlich. Damit wird deutlich: Queerfreundlichkeit bedeutet hier nicht nur Inklusion, sondern ein produktives Stören und Weiterentwickeln theologischen Denkens.

Auch kreative Zugänge zum Thema lassen sich finden. Gedichte, künstlerische Beiträge und musikalische Impulse – etwa von Michael Kählke zur queerinklusiven Kirchenmusik – betonen emotionale und ästhetische Bezüge zu Queer und Gender. 

Hilfreiche Hinweise zur Seelsorge mit queeren Personen, etwa von Theodor Adam und Sonja Thomaier, Einblicke in konkrete Praxisprojekte von Haupt- und Ehrenamtlichen sowie Impulse zur Gestaltung queerer Gottesdienste machen deutlich: Diese Arbeitshilfe will nicht nur sensibilisieren, sondern auch ermutigen und befähigen. 

Die Publikation ist jeder Person in theologischen, kirchlichen und pädagogischen Tätigkeitsfeldern absolut zu empfehlen. Mit knapp 200 Seiten und teils komplexen Inhalten ist sie allerdings kein übersichtliches Nachschlagewerk oder gar „leichte Kost“. Die Texte und Materialien variieren in Umfang und Tiefe, manche sind für den sofortigen Gebrauch gedacht. Inwieweit die Arbeitshilfe auch für "Queer-Einsteiger:innen" gut lesbar ist, müssen freilich andere als ich beurteilen. Manche fach- und communitysprachliche Ausdrücke sind vielleicht nicht für jede:n Lesende:n unmittelbar zugänglich. Das Glossar in einfacher Sprache wirkt hier wiederum entgegen und ermöglicht das Verstehen von Begriffen aus dem Bereich Gender und Queer auch für "Anfänger:innen". 

Gewünscht hätte ich mir von einem so umfangreichen Werk ein wenig mehr Ausgewogenheit im LGBTIQ+-Spektrum: So kommen etwa Pansexualität/Bisexualität und Intergeschlechtlichkeit auffallend wenig vor und polyamore Lebensweisen werden gar nicht erst erwähnt. Sehr ausführlich und vielschichtig hingegen ist die Behandlung von trans und nichtbinären Themen – was ohnehin erfreulich und wichtig ist. Das weite Verständnis von Queer wird zusätzlich deutlich in der Thematisierung wichtiger Diskurse wie etwa Disability oder Demokratieförderung. Unerwartet und sehr hilfreich ist die Beschäftigung mit Queerness in evangelikalen Glaubenszugängen, denen ein eigener Beitrag von Dr. Daniel Rudolphi gewidmet ist.

Insgesamt ist "Ich möchte einfach Mensch sein" ein herausragendes Beispiel dafür, wie kirchliche Transformationsprozesse gestaltet werden können: multiperspektivisch, praxisnah und theologisch fundiert. Die Arbeitshilfe lädt dazu ein, Kirche als Raum zum Lernen und Wachsen zu verstehen – als Raum, in dem Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit und mit ihren Bedürfnissen nicht nur Platz finden, sondern als theologische Ressource und eben einfach Menschen ernst genommen werden. Der Landeskirche Hannover kann zu dieser Veröffentlichung nur gratuliert und den Mitwirkenden gedankt werden.

Die Arbeitshilfe finden Sie hier als pdf zum freien Download.

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