Wir Juden haben gerade Shawuot gefeiert. Das sogenannte Wochenfest - wie es allgemein eher bekannt ist. Es ist das Fest der Tora, die Moses am Sinai empfangen hat. Und somit der Beginn des Bundes Gottes mit den Israeliten. Und so feiert man an diesem Tag einerseits die gegenseitige Liebe und Treue zwischen Gott und uns, aber andererseits auch die Tora selbst, die als allererstes Moralgesetz in der Geschichte der Menschheit bis heute unser ethisches Rechtsverständnis prägt. Meines Wissens gibt es im Christentum kein einzelnes, zentrales Fest, das allgemein die „Bibel als Buch“ zelebriert, dafür habt Ihr mit Pfingsten ein Fest für den heiligen Geist, eine richtige Ruach-Party, die wir nicht haben. So kann man voneinander lernen.
In der ersten Nacht des Fests ist es üblich, eine Lernnacht zu machen, Tikun Leijl Schawuot. Dabei werden unter anderem Verse aus allen Wochenabschnitten (Paraschot), aus jedem Buch der Tora, das gesamte Buch Ruth, sowie Traktate aus der Mischna (Talmud), die 613 Ge- und Verbote (Mizwot), und ausgewählte Stellen aus der Kabbala gelesen und diskutiert. Denn nur durch das Lesen und den Austausch über die Worte wird die Nachricht lebendig.
Im Schir ha-Schirim (Hohelied Salomos) wird die Tora mit Honig und Milch verglichen. Deshalb werden an diesem Feiertag, den man scherzhaft auch als Käsekuchenparty bezeichnet, nur milchige Speisen zu sich genommen. Damit man isst, womit die Tora verglichen wurde. Hinzu kommt: Das hebräische Wort für Milch – Chalaw – hat einen Zahlenwert von vierzig, was an die vierzig Tage erinnert, die Moses auf dem Berg Sinai verbrachte, bis er die Steintafeln mit den Zehn Geboten erhielt.
Während Pessach die physische Befreiung aus der Sklaverei darstellt, steht Schawuot für die geistige und seelische Freiheit. Wahre Freiheit ist demnach nicht nur das Fehlen von Zwang, sondern die Möglichkeit, das eigene Leben mit Sinn und Werten zu füllen. Schawuot erinnert daran, dass das Studium der Tora – und auch ganz allgemein das Streben nach Wissen, Weisheit und Lernen selbst – ein zentraler Bestandteil des Lebens ist. Es ist eine Aufforderung, sich kontinuierlich mit ethischen Prinzipien auseinanderzusetzen, wobei ein bekannter Spruch lautet: „Je mehr Tora, umso mehr Leben. Je mehr Lernen, umso mehr Weisheit“.
Shawuot ist eines meiner Lieblingsfeste - nicht nur, weil es mir persönlich kulinarisch entgegenkommt und die Synagogen mit Blumen und ersten Früchten geschmückt sind - sondern vor allem, weil es ein Fest des Buches ist. Ein Fest, das nicht nur ein Ereignis feiert, sondern das uns Fragen stellt. Das uns auffordert, immer wieder neu nachzudenken über unser ethisches Handeln, über Verantwortung und soziale Regeln im täglichen Miteinander. Die zehn Gebote sind ein Geschenk, eine Grundlage, aus der man schöpfen kann. Und damit kann es auch nichtjüdische Menschen inspirieren. Denn wir leben alle gemeinsam in einer Welt, auf einem kleinen blauen Planeten, und sollten deshalb tunlichst voneinander lernen, einander zuhören und miteinander diskutieren.
Am besten tut man dies übrigens bei Kaffee und Käsekuchen.
Letzterer ist nämlich noch massenhaft übrig vom Fest :)
In diesem Sinne: Setzt Euch mal wieder zusammen und lest gemeinsam. Und redet miteinander. Und handelt entsprechend. Oder beherzigt zumindest das, was Rabbi Hillel sagt: „Was dir verhasst ist, das tue deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Tora, alles andere ist Auslegung. Geh, lerne!“




