Am 22. und 23. April 2026 luden Studienleiter:innen der Evangelischen Akademie Bad Boll in Kooperation mit der Katholischen Akademie der Erzdiözese Stuttgart-Rottenburg zu einer Tagung ein. Titel: „Unverzichtbare Vielfalt – gestern, heute, morgen. Queere (Kirchen-)Geschichte sichtbar machen“. Die Fachtagung war eine Folgeveranstaltung zur Tagung „Queere Menschen und die Kirchen“ an der Akademie in Stuttgart-Hohenheim im November 2024. In beiden Tagungen war ich als Vortragende und Teilnehmerin dabei.
Die aktuelle Tagung hatte es sich zur Aufgabe gemacht, queere Lebensgeschichten als selbstverständlichen und wertvollen Bestandteil kirchlicher und gesamtgesellschaftlicher Geschichte sichtbar zu machen. Sie hat Wege aufgezeigt, wie Biografiearbeit, Dialogräume und intergenerationale sowie institutionelle Austauschformen zur Erinnerung und Anerkennung queerer (Kirchen-)Geschichte beitragen können.
Im Zentrum stand, queeres Leben als selbstverständlichen Bestandteil sozialer, spiritueller und institutioneller (kirchlicher) Räume zu begreifen und lebendig zu machen. Dafür gab es Vorträge und eine Podiumsdiskussion, in denen queere Personen zu Wort kamen und ihre lebensgeschichtliche und berufliche Expertise teilten. Die Anwesenden konnten erkennen, dass das Sichtbarmachen queerer (Kirchen-)Geschichte keinen „Sonderbereich“ der Kirchengesichte betrifft, sondern die alltägliche Arbeit in Gemeindebüros, (Kirchen-)Verwaltungen, Archiven, Bibliotheken und geschichtlichen Forschungsbereichen bereichert und Verfälschungen durch Tabuisierung und Auslassung korrigiert.
Herausforderungen
Die Tagung hat allerdings auch aufgezeigt, dass bisherige historische Werkzeuge der Datensuche und Verschlagwortung queere Lebensgeschichten an kirchlichen Orten kaum wahrnehmen. Queere Lebensgeschichten fanden und finden noch oft versteckt statt. Gerade in einigen (frei-)kirchlichen Kreisen werden queere Personen immer noch tabuisiert, ausgegrenzt oder leben Doppelleben aus Angst vor Repressalien und beruflichen Nachteilen. Das hat sich in den letzten dreißig Jahren durch die veränderte (kirchen-)rechtliche Situation queerer Menschen zwar stark verändert. Dennoch greifen klassische historische Instrumente der Sichtbarmachung und Dokumentation ohne queersensiblen Spürsinn immer noch oft zu kurz.
Wie kann die Dokumentation und Aufarbeitung queerer (Kirchen-)Geschichte gelingen, wenn kaum Berichte über queere kirchliche Zeitgeschichte vorhanden sind? Wie können quantitative und qualitative Quellen queersensibel gesammelt, systematisiert und ausgewertet werden, wenn es kaum Zahlen, Daten, Fakten gibt oder diese nicht mit dem Begriff queer verschlagwortet sind? Wie können vorhandene Daten queersensibel in den Gesamtkontext eingeordnet und ausgewertet werden, ohne hetero- und cis-normative Kriterien anzulegen? Die Tagung zeigte deutlich, dass die Herausforderungen vielfältig waren und immer noch sind.
Oral History
Mündliche Quellen ("Oral History") in Form von narrativen Interviews und Selbstzeugnissen, flankiert von Briefen, Fotomaterial, Plakaten, Flyern aus der queeren Subkultur, etc. können entscheidende Daten, Inhalte und Dokumente liefern, die bisher noch zu wenig gesammelt wurden. Weiterhin sind Tagebücher und autobiografische Notizen hilfreich und als queersensible Quellen unabdingbar. Queersensible Erzählcafés und „Oral-History-Projekte“, in denen queere Personen mithilfe von Audiodateien oder Videos interviewt werden, sind ebenfalls wertvoll.
Forschungsarbeiten und Fachpersonen
Es gibt mittlerweile außerdem auch im kirchlichen Bereich Dissertationen und Forschungsarbeiten, in denen queere Pfarrpersonen, queere kirchliche Mitarbeitende oder ehrenamtlich Aktive mithilfe von narrativen Interviews befragt werden und diese Interviews in empirischen Verfahren ausgewertet und queersensibel interpretiert werden. Solche Forschungsprojekte braucht es auch in Zukunft, und sie müssen mit Stipendien und wissenschaftlichen Stellen finanziert werden.
Verschiedene theologische und historische Fachpersonen, queer und queerfreundlich, waren für Vorträge, eine Podiumsdiskussion und Workshops geladen. Dabei waren römisch-katholische, altkatholische, evangelische, freikirchliche und auch säkulare Perspektiven vertreten. Diese Vielfalt ist für eine queersensible (Kirchen-)Geschichtsschreibung einerseits unumgänglich. Andererseits macht sie die Forschungsarbeit aufgrund der unterschiedlichen kirchenrechtlichen, theologischen und sexualethischen Positionen noch komplexer. Die gegenseitige Wertschätzung und Offenheit aller Beteiligten auf der Tagung waren sehr hoch, die Arbeitsatmosphäre fehlerfreundlich und unterstützend. Queere Personen unterschiedlicher Altersklassen erzählten von ihren Erfahrungen und Herausforderungen in kirchlichen Debatten und Entscheidungen.
Queering des Landeskirchlichen Archivs von Baden und Württemberg
Das Projekt „Queering des Landeskirchlichen Archivs von Baden und Württemberg" in Stuttgart war für mich besonders spannend. Es wurde deutlich, was durch eine queersensible Archivarbeit an Quellen zutage treten kann und was nicht. Auf der Tagung wurde dafür ein Quellenkorpus anhand eines Fallbeispiels vom Archivar Bertram Fink und dem Geschichtswissenschaftler Karl-Hein Steinle bearbeitet. Hier wurde besonders der Frage nachgegangen, wie historisches Material queeres Leben sichtbar machen kann, ohne Persönlichkeitsrechte und Datenschutzkriterien zu verletzen.
Bedeutung kirchenleitender Ebene
Darüber hinaus waren einige interessierte Vertreter:innen kirchlicher Leitungsebenen vertreten, um zuzuhören und zu verstehen, wie kirchenleitendes Handeln Einfluss darauf hat, ob kirchliche Zeitgeschichtsschreibung auch queere Perspektiven beinhaltet oder nicht. Die etwa 50 Anwesenden waren motiviert und neugierig, voneinander zu hören und zu lernen.
Dank
Zum Schluss bleibt mir der Dank an die Veranstalter:innen der Tagung der beiden Akademien, der Landeszentrale für Politische Bildung in Baden-Württemberg (Fachbereich Frauen und Politik) und dem Büro für Chancengleichheit der Württembergischen Landeskirche. Alle waren sich einig, dass es auch zukünftig darum gehen muss, queersensible Forschende zu vernetzen und weiterhin qualitative und quantitative Daten über eine queersensible Zeitgeschichte zu suchen, zu dokumentieren und auszuwerten. Queering kirchliche Zeitgeschichte bleibt eine wichtige Aufgabe!
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