This is me - queer und religiös

Kreuz & Queer
This is me - queer und religiös
Am 28. Mai wird in Hamburg St. Georg die Fotoausstellung "This is me - queer und religiös"eröffnet. Tash Hilterscheid ist eine der Protagonist*innen und berichtet von der persönlichen Erfahrung im Rahmen der Entstehung dieser Ausstellung.

Anfang 2021 - noch im Lockdown - erreichte mich eine Mail vom Jüdischen Museum in Rendsburg. Ich wurde gefragt, ob ich Teil einer Ausstellung zum Thema „Queer und religiös" werden möchte. Es würden insgesamt 15 Personen interviewt und von der Berliner Fotokünstlerin Ceren Saner fotografiert werden. Die teilnehmenden Protaginist*innen gehören unterschiedlichen Glaubensrichtungen und Religionen an und sind alle queer. Ziel der Ausstellung soll es sein, unterschiedliche Lebensgeschichten abzubilden, denen gemeinsam ist, dass sie vermeintlich zwei Welten in sich vereinen. Denn Religion und Queerness ist auf den ersten Blick nicht immer leicht vereinbar. Deshalb lautete der Titel zunächst „queer und religiös - geht das?!“

Ich war von Anfang an begeistert von diesem Projekt und glücklich über die Möglichkeit Teil dieser Ausstellung sein zu können. Deshalb habe ich sofort zugesagt. Das Interview hat via Zoom stattgefunden. Miriam Gläser vom Jüdischen Museum Rendsburg war für die Kontakte zu den Teilnehmenden und die Interviews zuständig. Ich erinnere mich daran, wie respektvoll und achtsam sie mir ihre Fragen gestellt hat. Was Queerness für mich bedeute. Und was für eine Rolle meine Glaube in diesem Kontext spielt. Und wie ich meinen Weg innerhalb der Institution beschreiben würde.

Ich habe schnell gemerkt, dass die Teilnahme an dieser Ausstellung für mich auch eine Aufarbeitung werden würde. Denn auch wenn ich im Großen und Ganzen „gut durchgekommen“ bin, habe ich mich im religiösen und auch im queeren Kontext jeweils oft allein gefühlt, weil der je andere Anteil in mir nicht immer gleichermaßen willkommen geheißen wurde. Und daher konnte ich diese innere Spannung nie teilen und habe ihr auch sicherheitshalber keinen all zu großen Raum gegeben.

Nun hatte ich den Raum dafür. Und dieser Raum hat mir ungeahnte Möglichkeiten eröffnet und mich an Empfindungen erinnert. Denn zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich gefragt, welche Pronomen ich für mich verwende. Ich durfte selbst entscheiden, wie ich bezeichnet werden möchte. Und diese Frage klang nicht aufgesetzt, nicht wie eine Fangfrage, sondern entsprang schlicht dem ehrlichen Wunsch, dass ich mich gesehen fühle. Ich sollte einen Text zu mir verfassen und dieser sollte mit meinem Namen und meiner Berufsbezeichnung überschrieben sein.

Es war sicher auch der besonderen Situation des Lockdowns geschuldet, dass ich mich selbst in besonderer Weise gespürt und zugleich mit all dem Abstand zur Öffentlichkeit geschützt und sicher gefühlt habe. Aus dieser Deckung heraus tippte ich zum ersten Mal das Wort „Pastor*in" als Selbstbezeichnung. Es war nur ein kleines Zeichen. Kein Verweis auf Pronomen oder explizite Bezeichnung der geschlechtlichen Identität. Nur ein Sternchen.

Ein paar Wochen später war der Lockdown aufgehoben und Begegnungen mit Maske waren wieder möglich. Und so besuchten mich Miriam Gläser und Ceren Saner bei mir zuhause, um die Fotos zu machen. Ceren erklärte mit, dass sie mit einer „Overlay-Technik“ arbeiten möchte, bei der sie verschiedene Bilder übereinander legt. Das Endergebnis würde ich also erst später sehen. Am liebsten würde sie einen Gegenstand oder Ort, der mir viel bedeutet abbilden und eben mich als Person, um diese Bilder dann zusammenzuführen. Wir haben unzählige Bilder gemacht und eine entspannte Zeit miteinander gehabt.

Im Sommer war dann die Vernissage im Jüdischen Museum in Rendsburg. Endlich konnte ich all die anderen Teilnehmenden kennenlernen. Und tatsächlich hat es sich ein bisschen wie ein Familientreffen angefühlt. Bei aller Unterschiedlichkeit und Fremdheit war unser Miteinander von Respekt und Wärme getragen. Ich lernte Kadir kennen, Schriftsteller und Aktivist aus Hannover. Und Helene, Rabbinatsstudentin aus Berlin. Und ich lernte Marco kennen, trans Mann und Imam aus Frankfurt a.M., mit dem ich ein Jahr später einen Interreligiöser queeren G*ttesdienst gefeiert habe. Und Julia, trans Frau und Aktivistin mit einem bewegenden Lebensweg und einer großartigen Ausstrahlung! Ich könnte jetzt alle aufzählen, denn ich persönlich habe jede Person gefeiert!

Nachdem wir uns kurz alle beschnuppert hatten, sind wir durch die Ausstellung gegangen und haben erstmals die Bilder in voller Größe gesehen. Unter den Bildern stand jeweils ein Zitat der jeweiligen Person und eben die jeweilige Bezeichnung. Sprich: mein kleines Sternchen prangte überdeutlich und groß unter dem Bild von mir. Und erst da wurde mir klar, was ich da gemacht hatte. Es war der Beginn meines zweiten Coming Outs. Inzwischen verwende ich das Wort „Parrperson“ und trage einen anderen Namen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Festzuhalten bleibt, dass diese interreligiöse und queere Ausstellung Menschen sichtbar macht, deren Geschichten unbedingt weitererzählt werden müssen. Queere Menschen aus dem Judentum, Christentum, Islam und Buddhismus. Gerade jetzt ist es so wichtig, dass wir uns zeigen. Und scheinbare Grenzen überwinden, indem wir miteinander reden, Fragen stellen und einander achtsam und respektvoll zuhören. Denn dann wird oft ungeahntes sichtbar!

Wenn Sie diese Ausstellung sehen wollen, können Sie das in der Zeit zwischen dem 28. Mai und 24. Juni in der Hl. Dreieinigkeitskirche in Hamburg St. Georg. Am 28. Mai um 18:00 Uhr findet die Vernissage statt, bei der die Fotografin Ceren Saner und Kadir Özdemir, Protagonisten der Ausstellung, zu Gast sein werden. Die Eröffnung findet durch die Präses der Landessynode der Nordkirche Anja Fährmann statt. Und im Laufe der sechs Wochen gibt es unterschiedliche Veranstaltungen, bei der Sie die Gelegenheit haben, spannende Begegnungen zu erfahren.

Ich lege Ihnen diese Ausstellung sehr ans Herz!

Und hier geht es zum Programm.
 

 

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