In den nächsten Wochen wird der „Christopher Street Day“ (CSD) gefeiert. Dabei handelt es sich um eine bunte und friedliche Demonstration für die Rechte von queeren Menschen. Ich lade alle Christ:innen und evangelische Gemeinden zur Teilnahme ein. Denn die Situation hat sich für queere Menschen nicht gebessert. Innerhalb weniger Jahre ist auch in Deutschland die queerfeindliche Hasskriminalität massiv gestiegen. Ein wichtiger Bestandteil vieler CSD-Paraden ist eine Schweigeminute beziehungsweise ein „Moment des Gedenkens“. Dabei wird jener Menschen gedacht, die an den Folgen von HIV/Aids verstorben oder die Opfer von Hasskriminalität und Gewalt geworden sind. Die psychischen und physischen Folgen von Ausgrenzung und Diskriminierung sind tiefgreifend. Sie führen zu massivem Stress, Angstzuständen, Panikattacken und einem starken Gefühl der Hilflosigkeit.
In diesem Zusammenhang halte ich es für wichtig, auch über die Suizide von queeren Menschen zu sprechen. Viele Studien zeigen, dass queere Menschen im Vergleich zur Mehrheitsgesellschaft häufiger Suizidgedanken und ein erhöhtes Risiko für Suizidversuche haben. Besonders hoch ist das Risiko bei queeren Jugendlichen und trans Personen. Früher galt das Thema Suizid als Tabu. Es herrschte die Angst vor, dass die bloße Erwähnung Nachahmungstaten auslösen könnte. Doch die moderne Suizidforschung und Praxis zeigen, dass Schweigen die Situation verschlimmern kann. Es wird daher ein offener und verantwortungsvoller Umgang mit dem Thema empfohlen.
Über Suizidgedanken zu sprechen, senkt den Leidensdruck der Betroffenen. Menschen, die sich in einer schweren psychischen Krise befinden, erleben meist eine tiefe Scham und Isolation. Sie sollen sich in dieser Situation nicht allein gelassen und unverstanden fühlen. Wenn wir mit ihnen offen und behutsam über ihre Suizidgedanken sprechen, signalisieren wir: „Deine Not darf sein. Du musst dich nicht dafür schämen.“
Auch ich hatte früher Suizidgedanken
Ich spreche beim Thema Suizidgedanken aus eigener Erfahrung. Ich hatte früher Suizidgedanken. Ich bin dankbar, dass ich Freund:innen habe, mit denen ich darüber reden konnte und die mich unterstützt haben. Neben meiner gleichgeschlechtlichen Identität tat ich mich als junger Mensch schwer, meine Mehrfachbehinderung anzunehmen. Denn ich wurde gemobbt und hatte es nicht immer einfach. Ich war schon relativ früh in Psychotherapie, was mir geholfen hat. Daher möchte ich allen Menschen in einer Notsituation raten: Bleiben Sie nicht alleine. Suchen Sie das Gespräch mit einer Person, der Sie vertrauen. Es gibt Wege aus der Krise, auch wenn es sich gerade nicht so anfühlt.
Je offener wir über Suizidalität sprechen, desto eher können wir Warnsignale erkennen. Oft werden Rückzug oder scheinbar beiläufige Äußerungen über Hoffnungslosigkeit übersehen. Wer mehr über das Thema weiß, kann Veränderungen bei Freund:innen, Familie oder Kolleg:innen sensibler wahrnehmen und dann das direkte, empathische Gespräch suchen. Ein konkretes Nachfragen („Denkst du daran, dir das Leben zu nehmen?“) erhöht das Risiko für einen Suizid nicht, sondern kann einen Weg aus der Not öffnen. Ich habe viele Jahre lang für die Telefonseelsorge gearbeitet und habe immer wieder erlebt: Wenn wir zuhören und den Betroffenen ohne Vorurteile begegnen, schaffen wir ein Umfeld, in dem Menschen in Not aufgefangen werden können.
Rechtliche Gleichstellung reduziert Suizidrisiko
Nicht zu vergessen ist auch die gesellschaftliche und kirchliche Ebene. Eine volle rechtliche Gleichstellung und die Akzeptanz von queeren Personen in der Gesellschaft wirken sich positiv auf die psychische Gesundheit aus. Dazu liegen wissenschaftliche Erkenntnisse vor. Studien in den USA und in Skandinavien zeigen, dass nach der vollen rechtlichen Gleichstellung wie der „Ehe für alle“ die Suizidversuche unter queeren Jugendlichen deutlich zurückgegangen sind. Vor allem jungen queeren Menschen gibt die rechtliche Gleichstellung Hoffnung und das Gefühl, einen akzeptierten Platz in der Gesellschaft zu haben, selbst wenn sie aktuell noch gar nicht heiraten können. Daher ist es notwendig, dass in Deutschland alle evangelischen Landeskirchen die „Trauung für alle“ erlauben und konsequent alle Diskriminierungen von queeren Menschen beseitigen.
Genauso wichtig ist es, dass sich die evangelischen Kirchen mehr mit den Sorgen und Nöten von queeren Menschen auseinandersetzen. Laut Daten des Bundeskriminalamtes (BKA) hat sich die offizielle Zahl der Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung“ und „Geschlechtsbezogene Diversität“ seit dem Jahr 2010 nahezu verzehnfacht. Die Polizei und queere Organisationen gehen von einer enormen Dunkelziffer aus. So werden bis zu 80 und 90 Prozent der queerfeindlichen Vorfälle und Hassverbrechen nicht angezeigt.
Tragischer Tod eines jungen schwulen Mannes
Beim Thema Suizid darf auch die Unterstützung für die Hinterbliebenen nicht vergessen werden. Auch hier gilt es, das Gespräch zu suchen. Denn über einen Suizid eines nahen Menschen zu sprechen, fällt vielen schwer. In der queeren Community löste vor Kurzem die Nachricht über den Tod eines jungen schwulen Mannes namens Farbod Bestürzung und Trauer aus: Farbod stammt aus dem Iran. Wegen der gleichgeschlechtlichen Identität flüchtete er nach Europa, denn im Iran wird Homosexualität mit dem Tod bestraft. Wie die Unterstützungsorganisation Queer Base jüngst mitteilte, starb Farbod in Österreich. Viele Menschen drückten in den sozialen Medien ihre Trauer über seinen Tod aus.
Laut Angaben von Queer Base ist der Partner von Farbod im Jänner dieses Jahres im Iran bei den Protesten gegen das Regime ermordet worden. Farbod litt seitdem unter psychischen Problemen. Der andauernde Iran-Krieg und die Schwierigkeiten, eine queere geflüchtete Person in einem zunehmend restriktiveren Asylsystem in Österreich zu sein, haben ihn weiter destabilisiert. Laut Queer Base habe das österreichische Sozialsystem nicht genug Unterstützung für eine queere geflüchtete Person in einer Krisensituation wie Farbod angeboten. Seine Eltern sind arm. Sie möchten, dass ihr einziges Kind im Iran bestattet wird. Doch die Überführung der Leiche kostet 7000 Euro. Daher wird in der queeren Community Geld gesammelt, damit dieser Wunsch erfüllt werden kann.
Der tragische Tod von Farbod zeigt, wie schwer es geflüchtete Menschen haben. Wenn in diesem Jahr bei den CSD-Paraden die Teilnehmenden im Zuge der Schweigeminute innehalten, werden viele Menschen an ihn und seinen Partner denken. Ihr Tod darf nicht vergessen werden.
Hilfsangebote, für Menschen, die sich in einer Krisensituation befinden:
In Deutschland:
https://www.telefonseelsorge.de/sorgen-themen/suizidpraevention/
https://www.deutsche-depressionshilfe.de/wissen/suizidalitaet
In der Schweiz:
https://www.reden-kann-retten.ch/
In Österreich:
https://www.gesundheit.gv.at/leben/suizidpraevention/betroffene/krisentelefonnummern.html



