Was gehört zu christlichen Kirchen fast unweigerlich dazu? Genau: Kerzen. Die kleinen Flammen haben auf uns Menschen eine ganz besondere Wirkung. Beruhigend. Berührend. Ein Zeichen des Lebens. Der Auferstehung. Ein Zeichen des Gebets. In vielen Kirchen gibt es die Möglichkeit, an der einen oder anderen Stelle selbst Kerzen anzuzünden. Ganze Kerzenmeere flackern da vor sich hin und zeugen von denen, die mit einem besonderen Anliegen hierher gekommen sind. Mit einem Wunsch, einer Klage, manchmal auch mit einem Dank an Gott. Besonders berührend ist es für mich, wenn bei unserem Schweinfurter Motorradgottesdienst Menschen zu leiser Musik nach vorne kommen, eine Kerze anzünden und mehr oder weniger laut den Namen eines Menschen rufen, den sie vermissen.
Niemand will wohl den Menschen diese Kerzen, diese Form der kleinen Andacht in der Kirche nehmen. Und doch gibt es da ein Problem: Den Ruß. Selbst „rußfreie“ Kerzen helfen da nur bedingt. Mit der Zeit werden Wände und Decken schwarz und unansehnlich. Und ganz abgesehen davon, bleibt natürlich noch die Feuergefahr.
So folgen immer mehr Kirchen einem weltweiten Trend: Sie steigen um von fossilen Brennstoffen auf Elektro. Ja, zugegeben: Das ist nicht so heimelig wie das flackernde Licht einer echten Kerze. Es ist irgendwie halt viel technischer. Und doch – macht es das Gebet weniger wert, wenn ich, statt einen Verbrennungsvorgang zu initiieren, irgendwo ein elektrisches Lichtlein einschalte? Eigentlich nicht.
Auch der Petersdom in Rom hatte sicherlich mit dem Problem der rußenden Kerzen zu kämpfen. Ich vermute mal: auch mit einem ungeheuren Verbrauch an Kerzenmaterial. Vielleicht sogar mit schlechter Luft, angesichts der vielen brennenden Dochte. Und, ja, der Brandschutz, außerordentlich wichtig in diesem unersetzlichen historischen Gemäuer, das täglich von Tausenden Touristen besucht wird.
Jedenfalls finden sich heute an den vielen Seitenaltären kleine Ständer mit, genau: elektrischen Kerzen. Aber wenn schon elektrisch, dann richtig: Sie können hier zwar weiterhin auch mit Münzen zahlen, in der Mitte der Installation prangt aber auch, ausgesprochen praktisch für alle Touristen, ein modernes Kartenlesegerät, das Ihre Spende gerne entgegennimmt.
Das wollte ich doch gerne einmal ausprobieren! 3 Euro (wenn ich mich recht erinnere) für ein bisschen Strom für eine Elektrokerze ist natürlich schon eine Menge Geld, aber das war es mir wert. Einige Lichtlein brannten noch nicht im Meer der Lichter, woraus ich messerscharf schloss: Hier ist noch Platz für mein ganz persönliches Anliegen. Bezahlen mit dem Handy – kein Problem. Und nun? Keine neue Kerze leuchtete auf! Erst jetzt, muss ich gestehen, fiel mir die Reihe von Kippschaltern auf, die ausnahmslos alle auf „ein“ standen. Einige von ihnen führten schlicht zu ausgefallenen Elektrokerzen. Welch eine Enttäuschung! Für mich aber auch eine interessante Selbsterfahrung: Da ich mich nun schon so darauf eingestellt hatte, eine Kerze anzuzünden, wollte ich das auch unbedingt tun. Mit schlechtem Gewissen schaltete ich also tatsächlich das Gebetsanliegen eines anderen Menschen ganz kurz aus, um es sofort wieder einzuschalten. Aber so richtig befriedigend war das auch nicht und fühlte sich nicht an wie „meins“. Später kam ich an einem Kerzenständer vorbei, an dem definitiv noch welche aus waren. Nochmal bezahlen wollte ich nicht, also wartete ich, bis vermutlich niemand hinsah, und legte dort heimlich nochmal einen Schalter um.
Warum hängen wir so an diesem „Kerzen anmachen“? Vielleicht, weil so ein kleines Lichtlein für uns ein ganz großes Symbol ist: „Christus, Licht der Welt“ – mit diesen Worten tragen wir in der Osternacht die Osterkerze in die dunkle Kirche. An Weihnachten brennen sie überall, erwärmen unsere Herzen und Seelen. Auf den Friedhöfen flackern „ewige Lichter“ trotzig in die dunkle Nacht. Und bei jedem Verkehrsunfall und anderen Katastrophen stellen Menschen Kerzen am Unfallort auf, als Zeichen der Hoffnung und der Anteilnahme.
Nicht jede Kerze ist immer ein Zeichen des Gebets. Diesen Text schreibe ich im Garten in einer lauen Sommernacht und auf dem Tisch neben mir brennen drei Kerzen, einfach nur, weil’s gemütlich ist und ein schönes Licht bringt.
Aber: Jede Kerze bringt ein kleines Licht in die Dunkelheit. Und das sollten wir nicht unterschätzen. Probieren Sie’s doch mal aus – in einer Kirche Ihrer Wahl. Oder einfach zu Hause in einem ruhigen Moment.
Übrigens: Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich konnte keine Buchung auf meinem Konto den Kerzen im Petersdom zuordnen. Vielleicht war also nicht nur die Kerze defekt, sondern auch der Kartenleser. Mein Gebet, glaube ich, hat Gott trotzdem erreicht.



