Es gibt queere Theologien seit gut 30 Jahren, vor allem im englischsprachigen Raum. Nun kann man natürlich vortrefflich darüber debattieren, wann SchwuLesBische Theologien aufhören und queere Theologien anfangen bzw. wann aus einer feministischen eine queerfeministische Theologie wird. Die Übergänge sind fließend. Aber spätestens seit Mitte der 1990er Jahre lässt sich von einer queeren Theologie sprechen.
Auch hier im deutschsprachigen Raum wird das Interesse an dieser Art theologischer Reflexion und Praxis größer. Die Gründe, warum ich das für eine kluge Entwicklung halte, sind vielfältig: Erstens sind queere Theologien als Befreiungstheologien immer schon Ausdruck eines Ringens und Kämpfens um Rechte und Ressourcen. Damit sind sie eng verknüpft mit gesellschaftlichen Gerechtigkeitsfragen, die bis heute nicht an Gültigkeit und Dringlichkeit verloren haben. Zweitens vertrete ich fest die These, dass queere Theologien keine Sondergruppentheologien sind. Natürlich gibt es immer wieder Momente queertheologischen Schaffens oder queersensibler Seelsorge, die ganz explizit von Queers für Queers gedacht ist.
Die grundlegende Bewegung und Programmatik queerer Theologien sind anders gelagert. Es geht ihnen um eine grundsätzlich kritische Perspektive für jede Theologie: Geschlecht und Begehren, sowie deren Verknüpfung mit Leben und Arbeit sind gesellschaftliche Querschnittsthemen, die uns alle betreffen. Drittens halte ich es in dieser Zeit und der aktuellen politischen Landschaft für unabdingbar sich fundiert mit queeren Theologien zu beschäftigen und hier sprachfähig zu werden. Wir leben in Zeiten einer erstarkenden (extremen) Rechten – besonders greifbar in den USA.
Aber auch hier in Deutschland gewinnen (extrem) rechte Akteure und Netzwerke an Zuspruch. Zudem sind sie sind gut vernetzt mit ihren amerikanischen Pendants. Nicht nur linke Medien und Analysen sprechen daher von einer zunehmenden Faschisierung, sondern auch USA-Korrespondent*innen, wie etwa Klaus Brinkbäumer. Dieser Zusammenhang ist deswegen wesentlich, da antifeministische und queerfeindliche Rhetorik und Politik nicht nur der Kitt einer globalen Rechten sind (so die These von Antje Schrupp), sondern auch Türöffner für (extrem) rechte Vordenker*innen in ein konservatives (christliches) Milieu.
Sich mit queeren Theologien zu beschäftigen, heißt also auch, wach und wortstark zu bleiben gegenüber theologisch-politischen Vereinnahmungsversuchen. Denn, dass Themen von rechts besetzt werden, liegt nicht in unserer Kontrolle. Die „rechte Versuchung“ (Sonja Strube) zu erkennen und ihr klar und angemessen zu begegnen, ist Aufgabe einer starken Zivilgesellschaft und kann nicht auf den Schultern queer lebender und liebender Menschen und anderer marginalisierter Gruppen allein lasten. Eine besonnene christlich-theologische Reflexion ist hier gefragt. Ich schließe mich anderen kritischen Denker*innen und Arbeiten an und möchte einen kleinen Beitrag dazu leisten. Mein Forschungsschwerpunkt sind queere Theologien aus dogmatisch-theologischer Perspektive. Ich werde daher in den von mir verantworteten Blogbeiträgen einen möglichst niedrigschwelligen Einstieg in das Feld queerer Theologien anbieten. Es ist mir ein Anliegen, eine Brücke in die englischsprachige Theologie zu bauen und diese auch an unseren Hochschulen, in unseren Gemeinden, Schulen und an anderen Orten "besprechbar" zu machen.
Der Plan ist wie folgt: Am Anfang steht eine Einführung in das Genre der Einleitungen. Es ermöglicht uns eine Vogelperspektive über das gesamte Feld einzunehmen und uns grundsätzlich zu orientieren (Beitrag geplant am 10. Juni). Sodann soll es um den doppelten Anfangspunkt queertheologischer Reflexion gehen (geplant am 15. Juli) – wann wurde aus einer SchwuLesBischen Theologie eine queere und welche Akzente wurden damit gesetzt? Im Anschluss (ab dem 19. August) stelle ich Meilensteine und wegweisene Personen und zentrale Themen vor. Ich hoffe somit, einen kleinen Beitrag dafür zu leisten, dass queere Theologien auch in Deutschland kritisch diskutiert und fortgeschrieben werden können.




