Europaweit 250.000 vermisste Kinder jährlich

Trauriges Kind steht an offenem Fenster
Getty Images/iStockphoto/Pablo Rodrigo Sanchez Remorini
Kinder fühlen sich immer mehr gestresst und überfordert mit Problemen in der Schule. Viele von ihnen laufen daher von zu Hause weg und werden von ihren Eltern als vermisst gemeldet.
Tag der vermissten Kinder
Europaweit 250.000 vermisste Kinder jährlich
Die Zahl der Vermisstenmeldungen von Kindern steigt seit 2023 stetig an, mittlerweile geht der europäische Verband für vermisste und sexuell ausgebeutete Kinder (MCE) von 250.000 vermissten Kindern jährlich aus. Die Hauptgründe: Probleme zu Hause und in der Schule aufgrund von Mobbing und Missbrauch. Dabei haben auch Stress und Versagensängste zugenommen. evangelisch.de-Redakteurin Alexandra Barone geht in ihrem Beitrag auch darauf ein, wie Gesellschaft und Kirche präventiv auf das wachsende Problem reagieren können.

"Jedes Jahr werden in Europa über 250.000 Kinder als vermisst gemeldet", so lautete der Facebook- Post der Missing Children Europe (MCE). In einem Reel übermittelt MCE-Generalsekretärin, Aagje Leven, eine wichtige Botschaft zum Start der europäischen Bewegung #BlueForHope. "Gemeinsam können wir dafür sorgen, dass die Suche nach vermissten Kindern nicht aufhört. Mit ihrer Hilfe färbt sich die Welt der sozialen Medien blau!", erklärt Leven heute, am Tag der vermissten Kinder. 

Aus dem Jahresbericht der MCE geht hervor, dass bereits im Jahr 2024 mehr als 124.000 Kinder in der EU als vermisst gemeldet wurden - nun hat sich die Zahl verdoppelt. Bei 67 Prozent der registrierten Fälle handele es sich um Kinder, die entweder weggelaufen sind oder aus ihrem Zuhause oder einer Betreuungseinrichtung vertrieben wurden. 

"Das Weglaufen ist häufig ein Hinweis auf negative Kindheitserfahrungen im Leben eines Kindes, wie beispielsweise Missbrauch, psychische Erkrankungen der Eltern, Veränderungen in der Familiendynamik oder Spannungen im Lebensumfeld", heißt es in der Pressemeldung der MCE. Untersuchungen im Rahmen des RADAR-Projekts der MCE zeigen, dass Kinder, die von zu Hause weglaufen, im Vergleich zu anderen Gruppen vermisster Kinder in hohem Maße Gewalt und Missbrauch ausgesetzt sind, und zwar in den wichtigsten Bereichen ihres Lebens: zu Hause, in der Schule und in den Pflegeeinrichtungen, in denen sie leben.

Zu den häufigsten Gründen der Vermisstenfälle gehören Probleme zu Hause und in Heimen sowie Drogen- und Alkoholmissbrauch. Ein erschreckendes Bild zeigen auch die Erfahrungen der Initiative "Vermisste Kinder". In Deutschland handele es sich bei bis zu 98 Prozent der Vermisstenfälle um Kinder und Jugendliche, die aus eigenem Antrieb ihr familiäres Umfeld und ihre gewohnte Umgebung verlassen. 

Mobbing, Stress in der Schule und Missbrauch

Viele Kinder und Jugendliche, laufen auch aufgrund von Problemen in der Schule weg, da sie Opfer von Mobbing oder auch Missbrauch geworden sind. Sehr häufig stellt auch das Unglücklichsein an sich einen Beweggrund zum Weglaufen dar. Wenn ein Kind von zu Hause wegläuft, schläft es oft auf der Straße, ohne ausreichenden Zugang zu Nahrung, Wasser und einem vertrauenswürdigen Erwachsenen, der ihm helfen könnte. Diese Umstände setzen es einem erhöhten Risiko von Gewalt, sexueller Ausbeutung, Menschenhandel und Obdachlosigkeit aus. 

Zwar werden laut der Initiative "Vermisste Kinder" zwei von drei Kindern, die von zu Hause weglaufen, innerhalb einer Woche wiedergefunden, doch über 56 Prozent laufen erneut weg. Dies zeige, dass sich die Umstände, vor denen die Kinder fliehen, nach ihrer Rückkehr allzu oft nicht verbessere, heißt es. Dies beträfe vor allem die schulische Situation, aber auch eine psychische Belastung an sich. Laut einer im April erschienen forsa-Umfrage sind Kinder aufgrund hoher Erwartungen, Mobbing und Problemen zuhause bereits im Grundschulalter gestresst und seelisch angeschlagen.

Bereits kleine Kinder sind überfordert 

Insgesamt 42 Prozent der Eltern gaben an, dass der Druck bzw. die psychische Belastung in den vergangenen ein bis zwei Jahren zugenommen hat. Aber was genau hat sich geändert in den vergangenen Jahren? Warum stehen bereits kleine Kinder unter Druck? Größte Herausforderung ist den befragten Eltern zufolge die Erwartung des eigenen Kindes an sich selbst und damit einhergehende Versagensängste, es folgen Probleme mit anderen Kindern wie Mobbing, Streit oder Gruppenzwang sowie die Erwartungen an den Nachwuchs von außen, etwa in der Schule oder beim Sport.

Aber warum stehen die Kinder unter Druck? Sind sie einfach überlastet durch die vielen visuellen Angebote? Welche Rolle spielen Social Media, Computer und Handys? Und wie können Gesellschaft und Kirche auf präventiv das wachsende Problem reagieren? Dr. Karolin Wetjen vom Referat Schule, Religionsunterricht und Kindertageseinrichtungen der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und Oberkirchenrätin Sabine Dreßler vom Referat für Menschenrechte, Migration und Integration haben meine Fragen beantwortet.

Früher gab es nur Festnetz, jetzt Computer, Handy, Spiele, Chats, KI. Rutschen Kinder und Jugendliche ins Digitale ab? Verlieren sie immer mehr den Bezug zur Realität? 

Karolin Wetjen: Diese Gegenüberstellung greift eigentlich zu kurz. Digitale Räume gehören heute selbstverständlich zur Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen – sie ersetzen nicht die Realität, sondern sind Teil davon. Entscheidend ist, ob junge Menschen darin begleitet werden. Deshalb gibt es auch im Netz bewusst seelsorgliche Angebote, etwa die Chat-Seelsorge. Für viele ist das ein erster, niedrigschwelliger Ort, um über Sorgen zu sprechen. Gleichzeitig zeigen Studien, dass sich viele junge Menschen trotz – oder gerade wegen – intensiver digitaler Vernetzung einsam fühlen. Denn digitale Kommunikation kann reale Begegnung nicht einfach ersetzen. 

"Gemeinsame Erfahrungen sind wichtig für Selbstwahrnehmung"

Zahlreiche kirchliche Angebote versuchen deswegen, diese Begegnungen bewusst zu ermöglichen. In Konfi-Camps, Jugendfreizeiten oder Gruppen vor Ort erleben Kinder und Jugendliche Gemeinschaft unmittelbar – sie werden gesehen, reagieren aufeinander, machen prägende Erfahrungen, die sich nicht digital ersetzen lassen. Gerade solche leiblichen, gemeinsamen Erfahrungen sind wichtig für Selbstwahrnehmung, Vertrauen und Orientierung. Es geht also nicht um ein "Abrutschen", sondern darum, beides zusammenzubringen: digitale Räume, in denen junge Menschen erreichbar sind und reale Begegnungen, in denen sie sich als Teil einer Gemeinschaft erfahren.

Fehlt etwas in der Erziehung der Kinder? Wie kann präventiv entgegengewirkt werden?

Karolin Wetjen: Kinder und Jugendliche brauchen gezielt Begleitung durch Erwachsene, um sich die Fähigkeit einer reflektierten Medienkompetenz anzueignen. Die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen ist durch die Digitalität hyper-komplex geworden, deshalb brauchen sie gerade auch bei religiösen und ethischen Fragen eine verlässliche Orientierungshilfe

Der Religionsunterricht ist ein guter Ort, um gezielt an solchen Fragen zu arbeiten: Wie entstehen Wahrheiten im Netz? Was bedeutet Verantwortung im digitalen Raum? Wie gehe ich mit Bildern, Rollen und Erwartungen um? Diese Themen sind heute fester Bestandteil des Unterrichts und werden nicht abstrakt, sondern an konkreten Medienerfahrungen der Schülerinnen und Schüler verhandelt. Kinder und Jugendliche sollen lernen, digitale Angebote einzuordnen, statt ihnen nur auszuweichen. 

Ergänzend entstehen Räume, in denen solche Fragen persönlich besprochen werden können: in der Schulseelsorge, aber auch in der Konfirmandenarbeit. Prävention geschieht hier vor allem durch Beziehung, Gespräch und die Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu deuten.

Was muss in Politik, Gesellschaft und Kirche geschehen?

Karolin Wetjen: Junge Menschen dürfen nicht allein gelassen werden. Politisch braucht es klare Regeln für Plattformen und einen wirksamen Schutz vor problematischen Dynamiken – zugleich aber auch eine konsequente Stärkung von Medienbildung.

Gesellschaftlich kommt es darauf an, Kinder und Jugendliche zu begleiten. Aus kirchlicher und sozialer Perspektive liegt ein Schwerpunkt darauf, genau solche Räume zu schaffen und weiterzuentwickeln. Dazu gehören digitale Zugänge wie Seelsorgeangebote ebenso wie konkrete Orte der Begegnung in Jugendgruppen, auf Freizeiten oder im schulischen Alltag.

Gleichzeitig werden Projekte der Familienbildung gestärkt, die Eltern im Umgang mit digitalen Herausforderungen unterstützen und Austausch ermöglichen. Entscheidend ist am Ende, dass junge Menschen nicht nur mit digitalen Angeboten konfrontiert sind, sondern Orte haben, an denen sie Erfahrungen machen, Fragen stellen und Orientierung finden können.

Durch die vielen Migrationsströme sind auch viele Kinder unterwegs, die alleine reisen. Wie kann man sie schützen?

Oberkirchenrätin Sabine Dreßler: Flucht und Vertreibung aus Regionen, die von Armut, Gewalt und Krieg beherrscht sind oder von den Folgen der Klimakatastrophe, etwa von Dürren, betroffen, sind für Kinder und junge Menschen mit besonderen Gefahren verbunden: Die, die am meisten Schutz und Geborgenheit brauchen, um sich zu entwickeln zu können, sind am schutzlosesten auf den verschiedenen Fluchtrouten, zumal, wenn sie ihre Familie verloren haben oder gewaltsam von ihr getrennt wurden. 

"In Deutschland sind die Jugendämter für über 40.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zuständig; etwa 10 Prozent von ihnen sind als vermisst gemeldet", so Oberkirchenrätin Sabine Dreßler vom Referat für Menschenrechte, Migration und Integration der EKD.

Derzeit sind 40 Prozent aller geflüchteten Kinder oder Jugendliche unter 18 Jahren. Viele von ihnen haben nie ein sicheres Zuhause kennengelernt, viele sind auf der Flucht zur Welt gekommen. Gemäß der UN-Kinderrechtskonvention stehen ihnen angemessener Schutz und humanitäre Hilfe zu. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Hunger und Gewalt, Ausbeutung und Versklavung, Folter und Drogen bestimmen den grausamen Alltag so vieler Kinder der Welt. 

In Deutschland sind die Jugendämter für über 40.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zuständig; etwa 10 Prozent von ihnen sind als vermisst gemeldet. Die Gründe dafür sind vielfältig; die Gefährdung der Kinder entsprechend. Seit 2010 gilt die UN-Kinderrechtskonvention auch in Deutschland, d.h. alle unbegleiteten minderjährige Flüchtlinge haben Anspruch auf besonderen Schutz, auf Förderung und Beteiligung – unabhängig von Herkunft oder Aufenthaltsstatus.

Darauf hinzuweisen und diese Rechte durchzusetzen bleibt eine Notwendigkeit im Sinne von Menschenrechten und Kindeswohl. Für die Kirche ist die Familie ein hohes Gut; die EKD setzt sich beim Flüchtlingsschutz deshalb insbesondere für die Familienzusammenführung bzw. den Familiennachzug ein.

Der Tag der vermissten Kinder wird seit 1983 am 25. Mai begangen. US-Präsident Ronald Reagan wählte den Tag zum Gedenken an den sechsjährigen Etan Patz, der am 25. Mai 1979 auf dem Weg zur Schule verschwand und dessen Schicksal Jahrzehnte ungeklärt blieb. Erst im Mai 2015 wurde ein Beschuldigter verhaftet und im Februar 2017 verurteilt. 2002 wurde der Gedenktag in Europa eingeführt. Seit 2003 wird er in Deutschland von der Elterninitiative vermisste Kinder ausgerichtet, zurzeit gemeinsam mit dem Weißen Ring.