Gemeinden strahlen mit digitalen Angeboten aus

Zahnputzandachten mit Lena Mueller

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Die "Zahnputzandachten" mit Vikarin Lena Müller aus dem brandenburgischen Luckenwalde sind auch überregional erfolgreich.

Gemeinden strahlen mit digitalen Angeboten aus
Weil Gottesdienste wegen der Corona-Pandemie nicht möglich waren, haben zahlreiche Kirchengemeinden digitale Angebote zur Verkündung gesucht und gefunden. Vieles davon wird auch nach der Krise bleiben.

Kirchen und Gemeindezentren geschlossen, Gottesdienste fallen aus, Begegnungen zwischen Menschen sind verboten. Die Coronapandemie hat die Kirchengemeinden Mitte März zumeist unvorbereitet getroffen. Was also tun, um Gottes Botschaft unter die Leute zu bringen? Viele Gemeinden haben den Sprung ins kalte Wasser gewagt und sich auf digitale Verkündigungsformen verlegt.

Vom im Internet übertragenen oder aufgezeichneten Gottesdienst über Andachten bis hin zu sogenannten andachtsähnlichen Formaten: Die Anzahl der Angebote ist förmlich durch die Decke gegangen. Dies belegt unter anderem die Ad-hoc-Studie "Digitale Verkündigungsformate während der Coronakrise . Im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)  hat ein Team der Evangelischen Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung (midi) und des Evangelischen Werks für Diakonie und Entwicklung untersucht, was die Pandemie ausgelöst hat. "Die Corona-Krise hat in der evangelischen Kirche einen Digitalisierungsschub ausgelöst", heißt es darin. Und: "78 Prozent der Teilnehmenden gaben an, dass sie vor der Corona-Krise keine digitalen Verkündigungsformate angeboten hatten und dies durch die Corona-Krise getan haben."

Die Nordkirche stellt auf ihrer Webseite Tools für die Gemeinden bereit.

Diese Art der digitalen Revolution haben die Macher der Studie um Teamleiter Daniel Hörsch anhand von vier Landeskirchen nachvollzogen, um repräsentative Aussagen machen zu  können: Kurhessen-Waldeck, Mitteldeutschland, Württemberg und der Nordkirche. In der Studie ist unter anderem nachzulesen, dass es allein bei den Gottesdiensten einen "Nachfrageboom" gegeben habe. Und: Rund 60 Prozent der Gemeinden, die sich an der Untersuchung beteiligt haben, geben an, vor allem Andachten beziehungsweise andachtsähnliche Verkündigungsformate gewählt zu haben. Und zwei Drittel möchten diese digitalen Angebote beibehalten. Ebenso ist zu erfahren, dass dies alles mit einem hohen Maß an Beteiligung von Engagierten und Ehrenamtlichen möglich sei.

Schock schnell überwunden

Dass die Gemeinden sich sehr viel flotter auf Neues einlassen können als ihnen allgemein zugetraut wird, hat die Coronakrise gezeigt. Erste Schockzustände hatten die Verantwortlichen ziemlich schnell überwunden - innerhalb von zwei bis drei Wochen standen die ersten digitalen Angebote. Zwar habe es zuerst Berührungsängste gegeben, doch die seien schnell überwunden gewesen, ist immer wieder zu hören. Im Gegenteil, je mehr sich die Menschen in den Gemeinden damit befassen, desto mehr Spaß macht es ihnen. Und mehr Engagierte gibt es auch.

Einen Eindruck davon vermittelt Christoph Breit von der Projektstelle Kirche Digital der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) : "Von unseren 1537 Gemeinden sind 25 Prozent aktiv geworden." Ralf Peter Reimann, Internetbeauftragter der Evangelischen Kirche im Rheinland und Pfarrer, der auch unter www.theonet.de bloggt, attestiert den Engagierten in den Gemeinden "viel kreatives Potenzial". Aber natürlich bedeute es auch mehr Aufwand, sich neue Zielgruppen zu erschließen.

Erfrischend wie das Zähneputzen

Wie so etwas gehen kann, zeigt die Gemeinde Luckenwalde in Brandenburg. Dort hat Lena Müller, Vikarin zur Gemeindepädagogin, das Format "Zahnputzandacht" angeschoben. Ihr Credo: "Es soll ein kleines regelmäßiges Format für unsere Gemeindeglieder und andere Interessierte sein." Der Slogan: "Regelmäßig, kurz, sinnvoll und erfrischend wie das Zähneputzen." Das vierköpfige Team mit Pfarrerin Julia Daser, Pfarrer Jonathan Steinker, Diakonin Christina Conrad und Lena Müller veröffentlicht auf dem gleichnamigen Youtube-Kanal jeden Tag eine Andacht - die eben so lange dauert, wie das morgendliche Zähneputzen.

Lena Müller ist auf Youtube und WhatsApp unterwegs.

Wer sich seine Erbauung für den Tag holen möchte, muss allerdings nicht den Kanal abonnieren. Die Videos hätten so eine geringe Datenmenge, dass sie sich auch über Messenger wie WhatsApp verschicken ließen, erklärt die Vikarin. Genau das geschehe auch, und zwar ziemlich schnell. Sie ergänzt: "Wir haben sehr positive Rückmeldungen aus ganz unterschiedlichen Gruppen." Viele Menschen meldeten sich von außerhalb des Gemeindegebietes zu Wort - auch aus dem Ausland - und sogar nicht Kirchenzugehörige. Lena Müller weiß inzwischen: Die Zahnputzandacht sei für viele ein Teil des Alltags. Und: "In bestimmten Lebenssituationen passt der zweiminütige Impuls besser als zum Beispiel ein Gottesdienst."

Anderes Arbeiten

Was für die User nach einer Produktion mit wenig Aufwand aussieht, ist in Wirklichkeit mit viel Arbeit verbunden. Das weiß auch Pfarrerin Sabine Schlagbauer von der Evangelischen Kirchengemeinde Burgsinn. Die Theologin mit Bogart-Hut veröffentlicht inzwischen einmal monatlich auf ihrem Youtube-Kanal eine Andacht. Außerdem hat der Kirchenvorstand beschlossen, dass es jeweils am ersten Sonntag im Monat einen digitalen Gottesdienst geben soll. An den drei anderen Sonntagen halte die Gemeinde normale Kirche, sagt die Pfarrerin. Ihre Erfahrungen sind ebenso positiv wie die von Lena Müller. Einerseits werde sie auf ihr Angebot oftmals im Ort angesprochen. Reaktionen gebe es aber auch aus Norddeutschland und dem Ausland. Der Grund: Sabine Schlagbauers Andachten werden auch über die sozialen Netzwerke wie Facebook und Instagram verbreitet.

Pfarrerin Sabine Schlagbauer hält monatlich eine "Sonntagsandacht", die auf Youtube, Facebook und Instagram verbreitet wird.

Wie in der EKD-Studie nachzulesen ist, erreicht das Angebot aus Burgsinn über Youtube erheblich mehr Menschen: Im gewöhnlichen Gottesdienst seien 20 bis 30 Besucher, erläutert die Theologin. Ihre Andachten verzeichneten jeweils rund 600 Klicks und die Verweildauer betrage durchschnittlich zweieinhalb Minuten. Für sich selbst hat Sabine Schlagbauer festgestellt: Digitales Arbeiten ist anders als im Gottesdienst vor der Gemeinde zu stehen.

Zu denen, die sich erst seit Beginn der Coronakrise mit digitalen Angeboten befasst, gehört die Kirchengemeinde Köthen. "Die Entwicklung hat uns überfallen", blickt Pfarrer Martin Olejnicki zurück. Er und alle Beteiligten wollten von Anfang an Brücken zwischen analogen und digitalen Angeboten zu bauen. "Die nicht-digitalen Menschen müssen abgeholt werden", sagt Martin Olejnicki.

Erleuchtung beim Joggen

Die Gemeinde nutzt dafür ebenso wie viele andere Youtube. Auf ihrem Kanal bieten die Mitarbeitenden Impulse und Andachten an. Diesen sind 10 bis 15 Minuten lang. Dahinter steht das Ansinnen, dass sich die Nutzer bewusst Zeit nehmen, um über das Gesagte nachzudenken - mit Erfolg, wie Pfarrer Olejnicki weiß: "Von den 100 Abonnenten kommen 50 bis 70 sonst nie zu uns."

Anders als in Köthen und anderen Gemeinden ist der Weg in die digitale Welt der Matthäus-Gemeinde Augsburg. Pfarrer Thomas Bachmann berichtet, dass die Gemeinde schon seit längerem Neues ausprobiere. Dies sei bislang im Rahmen der "Church Night" geschehen - mit aufgezeichneter und ins Internet gestellter Predigt. Für dieses digitale Angebot habe sich sogar ein Film- und Lichtteam zusammengefunden, sagt Bachmann. Und im "Strategieausschuss" der Gemeinde sei das Thema Digitales zwei, drei Wochen vor dem Lockdown ebenfalls besprochen worden. Dabei ging es zum Beispiel um liturgische Fragen, das Persönlichkeitsrecht der Besucher und die Zukunft der Online-Kirche generell.

Das Studio der Matthäus-Gemeinde Augsburg ist für digitale Gottesdienste professionell gerüstet.

Als das gesellschaftliche Leben zum Erliegen gekommen war, hatte Bachmann beim Joggen die Erleuchtung. Die Augsburger boten in der Folge ein ganz anderes Format an: ein offenes Gottesdienstforum mit einem Talk. Ein nicht gerade kleiner Aufwand, meint der Augsburger Pfarrer schmunzelnd: "Unser Team hat aus der Kirche ein Filmstudio gemacht."

Aber gelohnt hat es sich allem Anschein nach. Denn aus den 100 bis 150 Nutzern des Online-Angebots vom Lech sind laut Bachmann inzwischen 200 bis 250 geworden. Für ihn geht es denn auch darum, Menschen zur Kirche zurückzuholen. Dass es funktionieren kann, hat Bachmann nach eigenen Worten durch die offene Gottesdienstform erlebt: "Wir erreichen Leute, die sonst nicht in den Gottesdienst gehen." Für sie und alle anderen nutzt auch Matthäus-Gemeinde Youtube.

Auf in die Zukunft

Inzwischen sind analoge Gottesdienste wieder möglich. Einige Gemeinden sind in ihren alten Trott zurückgefallen und haben ihre digitale Präsenz wieder eingestellt. Genau das ist es aber, was etwa die Augsburger Aktiven nicht wollen. Dort geht es auch digital weiter. "Das war sowieso schon in Planung", sagt Pfarrer Bachmann.

Nun gelte es indes, eine Brücke zum Traditionellen zu bauen. Die sieht an der Lech so aus: Wer keinen Internetzugang hat, kann die Predigt übers Telefon abrufen oder sich eine gebrannte CD schicken lassen. Mittlerweile gibt es in Augsburg um 10 Uhr einen Präsenzgottesdienst liturgisch mit Livestream sowie um 18 Uhr die Church Night mit anschließendem Talk. Bachmann sagt: "Für manche Menschen ist es ein Gewinn: Zuhause und doch verbunden sein."

Technik und Theologie

Dass Kirche digitaler werden muss als sie es in der Vergangenheit war, ist inzwischen angesichts der Coronapandemie vielen Menschen in der EKD und den Landeskirchen klar. So haben sich fünf Gemeinden der Lippischen Landeskirche zum Label "Kirche.plus" zusammengeschlossen. "Wir wollen nicht nur eine Kamera stumpf draufhalten, wir wollen mehr machen", nennt Wolfgang Loest das Ziel. Er ist Social-Media-Pfarrer der Lippischen Landeskirche und für das Projekt "Kirche.plus" verantwortlich. "Gemeinsam möchten wir die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen, um Menschen aus unseren Gemeinden neu anzusprechen, um Teilhabe an unseren Gottesdiensten zu ermöglichen und Fernstehende durch neue Formate für den christlichen Glauben zu begeistern", ist außerdem auf der Internetseite nachzulesen.

Auch wenn einige Gemeinden ihre digitalen Angebote wieder eingestellt haben und der Wunsch zurück zur vermeintlichen Normalität bei nicht wenigen Menschen vorhanden ist, so hat sich doch das durchgesetzt, was die Berliner Pfarrerin Theresa Brückner, die unter dem Label "Theresa liebt" eine große Fangemeinde auf Youtube und Instagram hat, auf den Punkt bringt: "Die vorherige Normalität gibt es aber nicht." In die gleiche Kerbe schlägt Maike Neumann, Gemeindepfarrerin in Kaarst. "Es gibt kein ,Back to normal'", überschreibt sie ihren "Erfahrungsbericht zu digitalen Gottesdiensten" auf Theonet.de.

Digitaler Erstkontakt

Ralf Peter Reimann aus der rheinischen Kirche hat überdies Anfang März den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Kirchenrechtskurses "Digitale Kommunikation als Herausforderung für ethisches Handeln im Pfarrberuf" in seiner Präsentation mit auf den Weg gegeben: "Erstkontakt zur Pfarrperson wird zunehmend digital - und Social Media ist persönlich."

Allerdings gibt es durchaus ein Gefälle zwischen Stadt und Land. Wegen der fehlenden Netz-Infrastruktur in ländlichen Gebieten lassen sich nämlich nicht alle digitalen Formate so umsetzen, wie in urbanen Bereichen. Davon kann Gudrun Nicolaus ein Lied singen. Sie ist Vikarin in den Gemeinden Neustadtgödens und Horsten und vielfältig in der digitalen Welt unterwegs. Jedes Format lasse sich da nicht umsetzen, weiß die 26-Jährige. Bestätigung gibt es von Andreas Erdmann, Landesonlinepfarrer für Kirche im digitalen Raum der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz: "Der Geist ist willig, aber das Netz ist schwach."

Schwächung von Institutionen

Bis zum Ausbremsen des gesellschaftlichen Lebens durch das Coronavirus trafen zwei Welten aufeinander. Dass etwa der Gottesdienst und vielleicht sogar die Casualien via Stream zu den Gemeindemitgliedern kommen, erschien bis dato unmöglich. Was in den USA, in Großbritannien oder Südkorea seit Jahren völlig normal ist, war bei vielen Gemeinden der deutschen Landeskirchen bislang nicht angekommen.

Darauf wies Christian Grethlein, Professor für Praktische Theologie in Münster, bereits in seinem Impulsvortrag auf der EKD-Synode 2014 hin. Er zitierte dort unter anderem die Einschätzung der Hamburger Agentur "Fürst von Martin": "Die Kirche hat den kommunikativen Anschluss verloren, die Sprache der Netzgemeinde ist ihr nicht bekannt." Dazu machte Grethlein darauf aufmerksam, dass die Digitalisierung der Kommunikation mit einer Schwächung traditioneller Institutionen verbunden ist, eben auch der staatsanalog verfassten deutschen Landeskirchen.

Demgegenüber eröffne die Netzkommunikation positiv neue Chancen für die Realisierung des allgemeinen Priestertums aller Getauften. Es gehe also bei einer Aufnahme digitaler Kommunikation in den Kirchen nicht nur um ein Instrument, sondern auch um eine langfristig tief greifende Umgestaltung von Kirche: weg von einer hierarchisch strukturierten Institution, hin zu einem Netzwerk, an dem viele beteiligt sind.

Ähnlich sieht es Christoph Zeuch. Der Leiter für digitale Kommunikation der beiden Kirchenkreise Hamburg Ost und Hamburg-West/Südholstein mahnt das "Einstellen auf Kommunikationsgewohnheiten einer ganz neuen Generation" an. Die evangelische Kirche müsse nicht in Altersgruppen, sondern in Milieus denken. "Zehnjährige und Achtzigjährige nutzen hochmotiviert digitale Medien", sagt Zeuch.