Die Kirche sollte mehr gegen Queerfeindlichkeit tun

Christian Höller
"Versendet Liebe" - so das Motto auf einem Wagen beim CSD.
Keine Diskriminierung mehr
Die Kirche sollte mehr gegen Queerfeindlichkeit tun
Nach dem Anschlag auf CSD möchte evangelisch.de-Blogger Christian Höller nicht zur Tagesordnung übergehen. Er fordert alle Landeskirchen in der evangelischen Kirche auf, die Diskriminierung von queeren Menschen zu beenden.

Die Nachrichten beschäftigen sich längst mit anderen Themen als mit dem Anschlag auf den Berliner CSD. Doch wir queere Menschen tragen den Schmerz weiter in uns. Die vielen Zeichen des Mitgefühls wie die Kerzen, die tröstenden Worte und die Regenbogenfahnen vor den Kirchen zeigen, dass wir nicht alleine gelassen werden. Danke dafür. Doch Solidarität alleine ist zu wenig. Es braucht auch in der evangelischen Kirche einen Aktionsplan, wie die Diskriminierung von queeren Menschen in allen Landeskirchen beseitigt werden kann.

Zwar hat sich in den vergangenen Jahren in der Kirche einiges getan. Doch wenn wir ehrlich sind, zeigt der Blick in der Geschichte vor allem eines: Bei queeren Themen hinkte die Kirche der gesellschaftlichen Realität fast immer hinterher. Die Fortschritte sind eine überfällige Korrektur von historischem Versagen.

Über Jahrzehnte hinweg war die Kirche kein Zufluchtsort, sondern viele Kirchenvertreter:innen haben sich aktiv an der Ausgrenzung von queeren Personen beteiligt. Bis weit in die 1990er-Jahre hinein bedeutete ein Coming-out für Pfarrer:innen in fast allen Landeskirchen ein Berufsverbot. Erst in den letzten Jahren hat ein schmerzhafter Prozess der Aufarbeitung, der institutionellen Entschuldigung und der rechtlichen Gleichstellung begonnen. Die Veränderungen sind meist nicht von der Kirchenleitung ausgegangen, sondern sie wurden von mutigen queeren Menschen und Netzwerken an der Basis erkämpft. Ich möchte mich ausdrücklich bei allen Menschen, die uns dabei unterstützt haben, bedanken. Es gibt noch einiges zu tun.

Diskriminierung in Landeskirchen

Erst im Vorjahr hat sich die Synode der evangelischen Landeskirche Württemberg erneut gegen die Trauung von gleichgeschlechtlich liebenden Menschen ausgesprochen. Damit werden Lesben und Schwule als Menschen zweiter Klasse behandelt. Württemberg ist kein Einzelfall. Auch in den Landeskirchen in Sachsen, in Anhalt und in Schaumburg-Lippe können sich gleichgeschlechtlich liebende Menschen nur segnen, aber nicht trauen lassen. Das sind klare Fälle von Diskriminierung. Wo bleibt hier der Protest von Kirchenvertreter:innen?

Auch in Landeskirchen, welche die Trauung erlauben, gibt es sogenannte „Gewissensvorbehalte". Das bedeutet, dass Pfarrer:innen sich weigern können, gleichgeschlechtlich Liebende zu trauen. Ich höre immer wieder, dass nicht wenige Pfarrer:innen davon Gebrauch machen. Manche behaupten allen Ernstes in der Öffentlichkeit, dass Menschen, die homosexuell leben, nicht ins Reich Gottes kommen können. Mit Verlaub, aber solche Pfarrer:innen, sollten sich an die Worte von Jesus in der Bergpredigt halten: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ (Matthäus 7,1)

Wir sind wütend und frustriert

Seit dem Anschlag auf den CSD habe ich von Politiker:innen und Kirchenvertreter:innen viele schöne Worte gehört. Doch manche Phrasen wie der Appell von Bundeskanzler Friedrich Merz („Lassen Sie sich, lassen wir uns nicht einschüchtern“) wirken hohl. Auch Binsenweisheiten wie „Hass darf nicht gewinnen“ kann ich nur noch schwer hören. Denn solche Slogans blenden aus, dass sich in Deutschland die Zahl der Straftaten gegen queere Personen seit dem Jahr 2010 nahezu verzehnfacht hat. Wenn wir uns als queere Menschen sichtbar auf der Straße zeigen, besteht die Gefahr, angegriffen zu werden. Die Angst, die wir empfinden, ist real und begründet. Sie kann nicht wegdiskutiert werden. Das Bundeskriminalamt registrierte im Vorjahr pro Tag in Deutschland durchschnittlich fast sechs Straftaten gegen queere Personen. Die tatsächliche Zahl dürfte viel größer sein, da viele Betroffene keine Anzeige erstatten.

Bundeskanzler Merz (CDU) nannte den islamistischen Terrorakt einen „Angriff auf unsere offene Gesellschaft“. Laut Merz wollte der Attentäter „uns das Wichtigste nehmen, nämlich unsere Offenheit und unsere Freiheit“. Mit Verlaub, Herr Kanzler, aber der Terrorakt war kein Angriff auf alle, sondern der Attentäter hat sich ganz gezielt den CSD ausgesucht. Er wollte queere Menschen töten. Es hätte auch mich treffen können. Und überhaupt: Wie glaubwürdig sind Sie, Herr Kanzler, bei queeren Themen? Die queere Community hat nicht vergessen, dass sich Merz in der Vergangenheit über Regenbogenfahnen herabwürdigend äußerte (der Bundestag sei kein „Zirkuszelt“) und Homosexuelle in die Nähe zu Pädophilie rückte („solange es nicht Kinder betrifft“). Ich wünsche mir, Herr Kanzler, dass Sie sich einmal ernsthaft mit queerem Leben, unseren Ängsten und Sorgen auseinandersetzen.

Kürzungen statt mehr Unterstützung

Ich frage mich auch, wie viel Substanz hinter den Unterstützungserklärungen der vergangenen Tage steckt. Wir queere Menschen haben nicht vergessen, dass die Bundesregierung vor Kurzem den Aktionsplan „Queer leben“ beendet hat. Dabei handelte es sich um einen Pakt von Maßnahmen, die für mehr Schutz und Akzeptanz queerer Personen sorgen sollen. Ein wichtiger Schwerpunkt war auch der Kampf gegen Hasskriminalität.

Es frustriert mich, dass Familienministerin Karin Prien (CDU) entschieden hat, Fördergelder für das bundesweite queere Jugendnetzwerk Lambda mit Jahresende auslaufen zu lassen. Lambda hilft queeren Jugendlichen mit Suizidgedanken und Gewalterfahrungen. Rund 200 Organisationen rufen dazu auf, die Streichung zurückzunehmen. Es geht um eine Förderung von zuletzt 380.000 Euro jährlich. Ich frage mich, was mit Deutschland los ist, wenn sich das Land nicht einmal 380.000 Euro für queere Jugendliche in schwerer Notlage leisten kann.

Mitten ins Herz getroffen

Auch für mich persönlich war der Anschlag auf den Berliner CSD ein Schock. Seit meinem Coming-out ist Berlin für mich ein Sehnsuchtsort. Denn ich bin in einem kleinen Dorf auf dem Land aufgewachsen. Ich habe in der Vergangenheit oft überlegt, nach Berlin zu ziehen. Im Regenbogenkiez um den Nollendorfplatz fühle ich mich sicher und wohl. Dort gibt es queere Läden, eine tolle queere Buchhandlung, Lokale, Clubs, Vereine und Beratungszentren. Auch historisch gesehen spielte Berlin in der queeren Emanzipation eine wichtige Rolle. Schon in den „Goldenen Zwanzigern“ (1919 bis 1933) war die Stadt mit 170 einschlägigen Clubs, Bars und Kneipen für Menschen aus ganz Europa ein wichtiger „Safe Space“. Der CSD in Berlin knüpft an diese Tradition an. Hunderttausende Menschen nehmen jedes Jahr daran teil. Der islamistische Terrorakt hat uns mitten ins Herz getroffen.

Es ist daher Zeit zu handeln, um queeres Leben wirksam zu schützen. Auch alle Landeskirchen in der evangelischen Kirche sollten ein diskriminierungsfreier Ort sein. Ich wünsche mir, dass alle Christ:innen gemeinsam - unabhängig von der jeweiligen sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität - die Vielfalt der Schöpfung feiern. 
 

weitere Blogs

Rekordhitze, Klimawandel: Der Sommer hat seine Unschuld verloren.
In den USA gibt es nun einen „christlichen“ Mobilfunkanbieter. Was soll das sein?
Unpopuläre Nachrichten für die, die ihre Macht auf Angstgespenster bauen