Mitten in den Pride-Monat hinein platzt am vergangenen Wochenende die Nachricht, dass einem queeren Kreuzfahrtschiff das Anlegen in der Türkei verweigert worden ist: "Es komme 'absolut nicht infrage', dass das Schiff 'Scarlet Lady' im Hafen von Kuşadası anlege, erklärte das Gouverneursamt der westtürkischen Provinz Aydın in einer auf X veröffentlichten Mitteilung. Es sei von Gruppen gechartert, 'die für Verhaltensweisen bekannt sind, die mit dem Gefüge unserer Gesellschaft und unseren moralischen Werten unvereinbar sind', hieß es. Provinzgouverneure werden in der Türkei direkt vom Büro des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ernannt." (Welt-online vom 5.7.2026)
Auch eine queere Bar in Istanbul, die als örtlicher Kooperationspartner der Kreuzfahrt aufgetreten ist, wurde von den Istanbuler Behörden kurzerhand geschlossen. Die türkischen Behörden machen mit dieser Aktion also einmal mehr deutlich, wie sie es mit den Freiheitsrechten queerer Menschen halten. Pride-Veranstaltungen und -Paraden, wie sie in Deutschland gerade an jedem Wochenende selbst in Kleinstädten stattfinden, sind seit mehr als 10 Jahren in der Türkei ohnehin kaum mehr möglich.
Umso erfreulicher ist es für mich, dass zumindest von allen großen Pride-Veranstaltungen in Deutschland derzeit ein deutliches politisches Signal ausgeht: "Solidarisch queer. Haltung zeigen – für eine Zukunft ohne Angst!", lautet das Motto des Hamburg Prides, der Anfang August traditionell den Pride-Monat abschließt. "FÜR QUEERRECHTE - Viele. Gemeinsam. Stark!", war der Aufruf der Kölner Pride-Parade am vergangenen Wochenende - zeitgleich zu den Vorfällen im Mittelmeer. Hinter dem Slogan "Unsere Vielfalt. Unsere Stärke." des München Prides standen in diesem Jahr sechs ganz konkrete politische Forderungen.
Zentral: Die Forderung nach einem mit personellen und finanziellen Ressourcen hinterlegten queeren Aktionsplan Bayern. Der bayerische Ministerrat hat rechtzeitig vor dem Pride-Monat einen Aktionsplan Queer Bayern verabschiedet, verschiedene queere Verbände kritisieren allerdings, dass es sich hier vor allem um unverbindliche Absichtserklärungen handelt. Die bayerische Sozialministerin, Ulrike Scharf, sieht den beschlossenen Aktionsplan gleichwohl als wichtigen Schritt: „Die Zeit ist reif für einen Aktionsplan in Bayern. Jeder Mensch soll so sein, wie er ist, unabhängig von der geschlechtlichen Identität und von der sexuellen Orientierung. Ich kämpfe dafür, dass sich alle Menschen in Bayern frei entfalten können.“, sagt sie. Worte, die dem Gouverneur von Aydın so wohl nicht über die Lippen kämen.
Die Münchner Forderungen gehen weit über Bayern hinaus. Sie haben die Diskriminierung in anderen Ländern deutlich im Blick: „In 60 UN-Mitgliedsländern ist Homosexualität illegal und steht unter Strafe, in zwölf Ländern droht die Todesstrafe. Wir fordern ein Recht auf Asyl für verfolgte LGBTIQ*.“
Auch die veränderte Stimmung in Deutschland wird deutlich adressiert, unter anderem durch die Forderung, Hasskriminalität und Hatespeech wirksam zu bekämpfen und eine effektive Gegenstrategie unter Beteiligung der Community zu entwickeln. Dass (queere) Vielfalt fest zu München und Bayern gehört, wurde in diesem Jahr allein schon durch die Vielzahl der Gruppen deutlich, die sich aktiv an der Parade beteiligten: Unter mehr als 200 Gruppen- und Wagennummern beteiligten sich rund 30.000 Menschen aktiv an der Parade – von der Dragqueen über die Dykes on Bikes bis hin zum Lederkerl. Und dass bayerisches Brauchtum auch von queeren Menschen gepflegt wird, machen seit fast 30 Jahren die Schwuhplattler sichtbar, ohne deren ur-bayerischen Tänze ein München Pride nicht zu denken ist.
Der Call to Action des München Prides gilt über den Pride-Monat hinaus: „Seid sichtbar, solidarisch, laut, empathisch, politisch, unangepasst, menschlich.




