Von Vertuschvokabeln...

geistvoll in die Woche
Von Vertuschvokabeln...
Die Kluft zwischen arm und reich wird immer größer in diesem Land. Aber arme Menschen haben keine echte Lobby...- dabei wäre genau das UNSER Job....

Befürworter des Genderns sagen , dass sie Gerechtigkeit und Inklusion mit der Sprech- und Schreibweise fördern wollen und Frauen, nicht-binäre oder diverse Menschen auf diese Weise sichtbar machen wollen.
Gendern - das ist geschlechtersensible Sprache. 

Sowas würde ich mir für eine andere stark benachteiligte Gruppe auch wünschen. 
Aber da ist es deutlich schwieriger umzusetzen als mit einem einfachen Sternchen oder neuen Wortkreationen. Vor allen Dingen scheitert es aber wohl daran, dass Leute, die sich mit Sprache beschäftigen, eher selten davon betroffen sind. Und deshalb hat diese Gruppe keine (Sprach-)Lobby.

Gemeint sind  Menschen, die zu wenig Einkommen haben. 
Menschen ohne Moneten. 
Arme eben.
Früher nannte man sie böswillig auch gern mal Habenichtse. 
Diese Menschen sind nicht nur von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen, sondern sie werden auch sprachlich diskriminiert, indem man sie zum Beispiel als "sozial schwache Personen" deklariert.  Wie unverschämt diese Formulierung ist, fällt nur wenigen auf. Jedenfalls hält sich die Bezeichnung seit Jahrzehnten.
Manchmal heißt es auch einkommensschwach. 
Aber das ist auch so eine Vertuschvokabel. 
Warum sagt man nicht einkommensbenachteiligt?
Oder einfach: ungerecht bezahlt? 
Warum sagt man Geringverdiener und nicht Zugeringbezahlte?
Warum wälzt man sprachlich die ganze Verantwortung auf denjenigen ab, der ohnehin schon benachteiligt wird? 
Ich kenne nicht wenige Familien, mit mehreren Jobs, die fleißig arbeiten, aber dennoch am Existenzminimum leben. 
Die sind nicht schwach (!), sondern ungeheuer stark und tapfer!
Und sie würden mehr verdienen, als sie verdienen.

Am liebsten würde ich diese Vertuschvokabeln verbieten. 
Tacheles reden wär gut. 
Aber Sprache ist ja nicht nur, wie man ÜBER jemanden spricht, sondern auch, wie man mit den Menschen spricht. 
Die Frage: "Wohin fahrt Ihr in Urlaub?" zum Beispiel wirkt völlig harmlos - es sei denn, man muss antworten: "Nirgendwohin, wir können uns das nicht leisten". 
Dann löst es Scham auf allen Seiten aus. 
Das gilt auch für die Frage nach Hobbys, Schwimmbadbesuche, Freizeitaktivitäten. Ein "Wollen wir Eis essen gehen?" wird zur Bedrohung, wenn sich die arme Familie aus Scham nicht traut, Nein zu sagen. Was essen sie dann in der letzten Woche des Monats? Aber wenn sie Nein sagen, sind sie die Spielverderber... 
Armutssensible Sprache wäre also immer ein Mit- Denken.   
Ein Vorfühlen. 
Ein empathisches Antasten...
Noch besser als armutssensible Sprache wäre natürlich, wenn wir uns alle endlich zusammentun und für eine gerechtere Welt sorgen würden. Mischlej (Sprüche Salomos) 22, Vers 16 besagt, dass sowohl die Ausbeutung der Armen zur eigenen Bereicherung als auch das Schenken an Reiche (um sich Vorteile zu erschleichen) am Ende zu Mangel und Verlust führt. Darüber sollte vielmehr gesprochen werden. Und zwar in möglichst radikaler und gleichzeitig sensibler Weise. Denn Armut tut weh. Und beschämt. Und zwar uns alle. 
 

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