Mut-Ausbruch

Regenbogen Beffchen und Klangschale
Kerstin Söderblom
Trotz aller Sorgen und Ängste
Mut-Ausbruch
Ein ermutigender und stärkender Regenbogengottesdienst an einem ganz normalen Sonntag Morgen.

Letzten Sonntag habe ich in der evangelischen Christuskirche in Dietzenbach in der Nähe von Frankfurt am Main gepredigt. Es war ein bunter CSD-Gottesdienst im Rahmen eines ganz normalen Sonntagsgottesdienstes. Und es war eine ermutigende und bestärkende Erfahrung.

Ich wusste nicht so recht, was mich dort erwarten würde. Ich war für eine Predigt in einem Regenbogengottesdienst angefragt. Einige Male hatte ich mich mit dem Vorbereitungsteam digital getroffen und alles Wichtige abgesprochen. Aber wer zum Gottesdienst da sein wird und wie die Gemeinde tickt, das wusste ich nicht. Entsprechend aufgeregt bin ich letzten Sonntag mit Freundinnen zur Verstärkung nach Dietzenbach gefahren.

Die Kirche war rappelvoll. Über 100 Besucher:innen waren da. In den ersten Reihen saßen viele ältere Menschen. Zahlreiche Rollatoren waren vor der ersten Reihe geparkt. Viele Konfis waren da. Und Pfadfinder:innen, die die Nächte vorher gemeinsam weg waren. Sie saßen übernächtigt, aber neugierig in den hinteren Reihen und schauten mich mit großen Augen an. Zwischen den Reihen flitzten Kinder herum. Jüngere und ältere Jugendliche und Erwachsene saßen dazwischen und daneben und lachten und unterhielten sich, bevor es losging. Die Jugendband „Faith & Musik“ war aus einem benachbarten Ort angereist und spielte sich mit Percussion, Piano, Klarinette und Posaune ein. Sie sorgten für peppige Musik zum Mitsingen und Mitswingen. Selbst der Landrat und einige Vertreter:innen aus der Politik waren da. Es war eine bunte und multigenerationale Gemeinde, die da zusammen gekommen war. Die Stimmung war fröhlich, erwartungsvoll und gut.

Und ich dachte: Ich habe schon bei so vielen Regenbogengottesdiensten und CSD-Gottesdiensten im In- und Ausland mitgemacht. Aber in der Regel sind es anlassbezogene Gottesdienste, die abends stattfinden. Aber einen Regenbogengottesdienst mit dem ganz „normalen“ Sonntagsgottesdienst zu verbinden, habe ich erst selten erlebt. Und es hat mir gut gefallen. 

Der Dekan, zwei Pfarrerinnen und ein schwuler Kirchenvorsteher waren für die Liturgie verantwortlich, die aus verschiedenen Orten im Kirchraum erklang und das Thema diversitätssensibel und klug eingeleitet und begleitet hat. Die Jugendband hat mächtig Stimmung gemacht. Und es gab bunte Regenbogenkarten für die Fürbitten. Alle Anwesenden konnten etwas schreiben, einiges wurde vorgelesen, alles wurde danach an eine Wand gepinnt. Die Wand war voll mit ganz verschiedenen Gebetsanliegen und Wünschen, und lange noch standen nach dem Gottesdienst Leute davor und lasen das Geschriebene aufmerksam.

Es ging vor allem um Respekt und Achtsamkeit im Miteinander. Menschen baten um Kraft und Zivilcourage, um sich für Minderheitenrechte einzusetzen. Andere baten um Gottes Segen, dass in Gemeinden und an kirchlichen Orten sichere Orte geschaffen werden können für queere Personen und alle, die sich liebevolle Begegnungsorte wünschen. Es wurden aber auch Klagen vor Gott gebracht, dass so viel Hass und Häme gegen queere Personen und Menschen geäußert wird, die anders anders sind.

Und dazwischen kam meine Predigt zum Thema Mut-Ausbruch. Sie kann hier nachgelesen werden. Zum Teil konnte ich trotz der vollen Kirche und der vielen Kinder eine Stecknadel fallen hören. Die Menschen waren aufmerksam, haben zugehört und haben am Schluss sogar applaudiert. Ich war so berührt und fühlte mich gestärkt. Wow! Ich wusste nicht, was da auf mich zukommt. Und dann habe ich so viel Gastfreundschaft, Zustimmung und Ermutigung erfahren.

Ich dachte bei mir: Wir müssen noch viel häufiger Regenbogengottesdienste und diversitätssensible Gottesdienste in ganz „normalen“ Sonntagsgottesdiensten feiern. Diese Leute sind offen und wollen zu den Themen etwas hören. Wenn sie immer nur die Echokammern von rechtspopulistischen und rechtsnationalen Stimmen hören, ist es kein Wunder, dass das so viele nachplappern. 

Viele Menschen sehnen sich nach einem friedlichen und respektvollen Miteinander und brauchen Seelennahrung und klare Impulse, die sie ermutigen und erleben lassen, dass sie nicht allein sind. Das ist wichtig. Denn Sorgen und Ängste angesichts von Hass und Gewalt, die online und offline zunehmen, werden für viele immer bedrohlicher.

Nach dem Gottesdienst haben wir im Innenhof noch Sekt, Orangensaft und Wasser getrunken und aufs Leben angestoßen und dazu Kleinigkeiten gegessen. Kinder flitzten dabei um unsere Beine, Ältere rollten mit ihren Rollatoren durch die Gegend, Sektgläser wurden gereicht. Es wurde viel erzählt und gelacht. So standen viele noch lange zusammen und sie haben sich gegenseitig bestärkt: Christliche Gemeinden sind bunt und vielfältig, genauso wie G:tt die Welt vielfältig und ganz unterschiedlich geschaffen hat. Und genau so soll es sein.

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