Zwischen Scheinheiligkeit und Homofeindlichkeit

epd Bild/Thomas Lohnes
Jens Spahn
Rücktritt Jens Spahn
Zwischen Scheinheiligkeit und Homofeindlichkeit
Der Fall Jens Spahn ist eine Geschichte über Doppelmoral, Glaubwürdigkeit und homofeindliche Reflexe. Ein Kommentar von Katharina Payk

Jens Spahn ist von seinem Amt als Fraktionsvorsitzender zurückgetreten, und das ist auch gut so. Jahrelang unterstrich er die Linie seiner Partei, die Leihmutterschaft strikt ablehnt. Gleichzeitig nahm er genau diese Möglichkeit zur Elternschaft, die er anderen in Deutschland verwehren wollte, im Ausland in Anspruch. Als queerer Mensch möchte man freilich feiern, dass ein schwules Paar seinen Kinderwunsch erfüllen konnte. Aber dieser Mitfreude steht das, was sich Spahn über die Jahre geleistet hat, entgegen.

Das größte Problem ist wohl, dass Jens Spahn die Freiheit für sich selbst beansprucht, die er anderen nicht zugestehen wollte, und für deren Rechtsgrundlage er sich in seinem Land als Politiker nicht eingesetzt hat. 

Wie kann eine solche Diskrepanz zwischen der politischen und der privaten Person Spahn gerechtfertigt werden? Gar nicht.

Leihmutterschaft wird in der queeren Szene nicht erst seit Spahns Rücktritt diskutiert: Viele schwule, aber auch lesbische Paare sehen in ihr eine Möglichkeit, eine Familie mit genetisch oder biologisch eigenen Kindern zu gründen. Doch Jens Spahn betonte immer wieder, er sei „nicht queer“, obwohl er mit einem Mann verheiratet ist. Das ist seine persönliche Selbstbeschreibung, die man natürlich so stehen lassen kann. Sie reiht sich ein in die salonfähig gewordene Queerfeindlichkeit anderer öffentlicher Personen, die gleichgeschlechtlich lieben. Gleichzeitig profitiert Jens Spahn von gesellschaftlichen und rechtlichen Errungenschaften, die über viele Jahrzehnte von der LGBTIQ-Bewegung hart erkämpft wurden – so etwa die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in der Gesellschaft und im Standesamt sowie die Möglichkeit, Familie abseits heteronormativer Formen zu leben. Wer nun diese emanzipatorischen Meilensteine für sich nutzt, sich aber gleichzeitig von den Kämpfen der LGBTIQ-Gemeinschaft distanziert und queeren Menschen politische Solidarität verweigert, muss sich den Vorwurf der Doppelzüngigkeit gefallen lassen.

Schon vor dieser Affäre wurde Spahns Integrität infrage gestellt: aufgrund seiner Verbindungen zum Milliardär und Trump-Unterstützer Peter Thiel oder wegen des Masken-Skandals, bei dem ihm als Gesundheitsminister Alleingänge und Vetternwirtschaft vorgeworfen wurden. Doch nichts davon brachte ihn politisch zu Fall.

Der Rücktritt von Jens Spahn sollte also auch zu der Frage führen, warum ausgerechnet die Leihmutterschaft sein politisches Ende an der Fraktionsspitze markiert – und nicht seine vorigen Entscheidungen, die ihn Vertrauen und Professionalität haben einbüßen lassen.

Die Antwort soll weder von Spahns politischer Inkonsequenz ablenken noch Leihmutterschaft einseitig als unproblematisch bewerten. Denn Leihmutterschaft als Konzept moderner Reproduktion ist umstritten und braucht kritische medizin- und sozialethische Perspektiven. Was nämlich einerseits queeren Menschen dienlich ist, muss andererseits nicht zwangsläufig zur Selbstbestimmung aller marginalisierten Menschen beitragen. Ein intersektional-feministischer Blick auf dieses Thema ist deshalb unverzichtbar.

Doch wer behauptet, Homofeindlichkeit spiele in dieser Debatte überhaupt keine Rolle, macht es sich zu einfach. Dass die Familiengründung eines schwulen Politikers ein solches Konfliktpotenzial entfaltet, verweist auch auf gesellschaftliche Vorbehalte gegenüber queeren Lebensformen und vor allem Elternschaft von LGBTIQ-Personen. Vor allem auf Social Media wird der Fall Spahns für untergriffige homofeindliche Verbalattacken genutzt. Auch die Vermutungen, das Wohl des Kindes von Spahn und seinem Ehepartner könne per se beschädigt sein, zeugen aus meiner Sicht von homofeindlichen Einstellungen. Dazu zählen Einlassungen des Passauer Bischofs Stefan Oster, der auf seiner Webseite betont, dass Kinder "aus der Liebesverbindung der Eltern hervorgehen", dabei jedoch einseitig bilogistisch über heterosexuelle Familien philosophiert, während etwa Regenbogen- oder Patchworkfamilien ignoriert werden.

Meine Solidarität mit Jens Spahn, der für seine „christlich demokratische“ Partei steht, hält sich aber stark in Grenzen. Ihm sei zur Option der persönlichen Umkehr die Geschichte des biblischen Jakobus ans Herz gelegt: Für Jakobus reicht es nicht, den Glauben nur zu bekennen. Worte und Taten müssen miteinander in Einklang sein. Persönliches Handeln und öffentliches Eintreten müssen übereinstimmen. Um es mit Jakobus zu sagen: Glaube ohne Werke bleibt leer. Und politische Überzeugungen ohne persönliche Folgerichtigkeit ebenso.

weitere Blogs

Rekordhitze, Klimawandel: Der Sommer hat seine Unschuld verloren.
In den USA gibt es nun einen „christlichen“ Mobilfunkanbieter. Was soll das sein?
Unpopuläre Nachrichten für die, die ihre Macht auf Angstgespenster bauen