Was macht Diskriminierung mit der Psyche?

Portrait Thomas Mann
Los Angeles Daily News/digital.library.ucla.edu/catalog/ark:/21198/zz0027z6q9/CC BY 4.0
Der homosexuelle Schriftsteller Thomas Mann in Los Angeles 1950.
Queere Rechte sind Menschenrechte
Was macht Diskriminierung mit der Psyche?
In einigen Landeskirchen werden queere Menschen diskriminiert. Solche Ausgrenzungen können schlimme Folgen auf die psychische Gesundheit der Betroffenen haben, wie Psychotherapeut Christian Höller am Beispiel des Schriftstellers Thomas Mann zeigt.

Wir sind im Jahr 2026 angekommen. Leider gibt es in einigen evangelischen Landeskirchen noch immer keine vollständige Gleichberechtigung von queeren Menschen. Das tut weh. Solche und ähnliche Diskriminierungen können schlimme Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von queeren Menschen haben. Ich möchte das am Beispiel des Schriftstellers Thomas Mann aufzeigen. Mann zählt zu den prägendsten Erzähler:innen des 20. Jahrhunderts. Er wurde oft gefeiert. Doch es gibt auch Menschen, die sich schwer mit ihm zu. Tatsache ist, dass Thomas Mann noch immer viel gelesen wird. Im Vorjahr wurde sein 150. Geburtstag gefeiert. Anlässlich des Jubiläumsjahres sind viele Beiträge über ihn erschienen.

Die Familie Mann zählt mit ihren Verlusten und Traumata zu den interessantesten literarischen Figuren in Deutschland. Auch aus queerer Perspektive ist Thomas Mann aufschlussreich. Denn sein Leben zeigt, was passieren kann, wenn Personen in einer queerfeindlichen beziehungsweise schwulenfeindlichen Welt aufwachsen und ihre Gefühle unterdrücken müssen.

Zu Lebzeiten von Mann war gleichgeschlechtliche Liebe nicht nur in Deutschland strengstens verboten. Homosexualität galt als abscheulich und verachtenswert. Gleichgeschlechtlich liebende Menschen hatten große Angst, entdeckt zu werden. Zehntausende Männer wurden in Deutschland wegen Homosexualität zu Haftstrafen verurteilt. Die Gerichtsverfahren waren öffentlich. Die Zeitungen berichteten darüber. Diese führte zu einer massiven sozialen Ächtung. Viele Betroffene verloren nicht nur den Job, sondern auch das soziale Umfeld. Nicht wenige queere Menschen nahmen sich das Leben.

Unterdrückung kostet viel Kraft

Auch die Evangelische Kirche grenzte damals Homosexuelle aus. Die Kirche hat daher viel Schuld auf sich geladen. Noch immer leben in Deutschland viele schwule Männer, die damals zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurden. Sie können bis 2027 eine staatliche Entschädigung beantragen (siehe Bild). Die Beträge sind lächerlich angesichts des Leids, das diese Menschen erlitten haben.

Mit diesen Flyern ruft das Justizministerium verfolgte homosexuelle Menschen dazu auf, eine staatliche Entschädigung zu beantragen.

Homosexuelle Menschen taten früher alles, um ihr gleichgeschlechtliches Begehren zu bekämpfen. Dies zeigte sich im Leben von Thomas Mann. Lange Zeit wurde nur hinter vorgehaltener Hand über die unterdrückte Homosexualität des Schriftstellers gesprochen. Doch jetzt sind Biografien erschienen, in denen auch auf dieses Thema eingegangen wird. Thomas Mann hatte einen Schulfreund namens Otto Grautoff, der ebenfalls Männer begehrte. Mit Grautoff konnte sich Mann in vertraulichen Briefen über das gleichgeschlechtliche Verlangen austauschen. Die Briefe an Grautoff sind erhalten geblieben. Damit bekommen wir einen Einblick, wie sich homosexuelle Menschen in der damaligen Zeit gefühlt haben. Grautoff war die einzige Person, dem sich der Schriftsteller anvertrauen konnte. So schrieb Mann einmal an Grautoff, es gebe keine Person, bei der er sich so aussprechen konnte.

Grautoff und Mann taten alles, um ihr gleichgeschlechtliches Begehren zu bekämpfen. So schrieb Mann an seinen Schulfreund: "Es ist ein langsames, behutsames Schwächen und Abdorrenlassen des Triebes nötig." Mann rät Grautoff, nicht zu verzweifeln. Es gehe darum, den Trieb zur Ruhe zu bringen und die "Hunde im Souterrain" an die Kette zu bringen." Mann schrieb Grautoff, er dürfe den Unterleib verachten. Denn er, so Mann, mache es auch. In anderen Briefen heißt es: "Ich sage: Trennen wir den Unterleib von der Liebe." Mann erklärte, dass er sich "nahezu zum Asketen entwickelt" habe. Er sei im Stande, seine "Anomalien" in Kunst zu verwandeln. Doch das kostete viel Kraft.

Mann war "voller Nervosität"

Eine wichtige Methode, um gegen das Begehren anzukämpfen, war für Thomas Mann: Baden im kalten Wasser. Doch das Ganze hatte seinen Preis. Psychisch ging es Mann nicht gut. Der Schriftsteller litt an Depressionen. So schrieb Mann, er sei "voller Nervosität".

Sein Schulfreund Grautoff besuchte in Berlin den Arzt und Psychiater Albert Moll. Dieser veröffentlichte 1889 ein Buch, wie Homosexuelle angeblich in Heterosexuelle umgewandelt werden. Er war in seiner Praxis darauf spezialisiert. Grautoff übergab dem Arzt seine persönliche Notizen. Daraufhin wurde Mann panisch, weil er Angst hatte, dass darin sein Name auftauchen könnte. Zum Glück ist es heute wissenschaftlicher Standard, dass solche Umpolungs- und Konversionstherapien nicht funktionieren, sondern zu Depressionen, Suizidgedanken und psychischen Schäden führen. Es ist daher notwendig, dass solche Therapien gesetzlich verboten werden.

Thomas Mann entschied sich, zu heiraten. Das Paar bekam sechs Kinder. Die Ehe war für ihn anstrengend. So schrieb er seinem Bruder: "Die Verlobung - auch kein Spaß." In einem anderen Brief hieß es: "Ohne Frau und Kind und Anhang wäre mir wohler." Es quäle ihn der Gedanke, dass er sich nicht hätte menschlich binden dürfen.

Neuer Blick auf die Werke von Mann

In sozialen Medien wird darüber diskutiert, ob es legitim sei, die geheimen Briefe von Mann an Grautoff zu veröffentlichen. Schließlich hat Mann zu Lebzeiten alles getan, um sein gleichgeschlechtliches Begehren geheim zu halten. Tilmann Lahme, ein Biograf von Thomas Mann, hält die Veröffentlichung für vertretbar, weil wir dadurch einen weiteren Blick auf die Publikationen des Schriftstellers bekommen. So geht es in den Werken von Mann oft um eine innere Zerrissenheit. Hinzu kommen Liebesgeschichten, die unglücklich enden. Auch durchziehen homoerotische Aspekte Teile seines Werks.  

Leider werden queere Menschen noch immer diskriminiert - auch in Teilen der Evangelischen Kirche. Die Ausgrenzung kann krank machen. Viele Untersuchungen zeigen, dass queere Menschen häufiger an psychischen Erkrankungen leiden. In der Psychologie wird dabei vom Minderheitenstress gesprochen. Dieser Stress entsteht durch externe Diskriminierungserlebnisse wie Ablehnung oder mangelnde soziale Unterstützung. Hinzu kommen interne Stressfaktoren. Das bedeutet, dass queere Menschen gesellschaftliche Diskriminierung nicht nur äußerlich erleben, sondern die negativen Einstellungen auch in sich selbst aufnehmen und internalisieren. Das äußert sich unter anderem in Selbsthass, Selbstablehnung, Scham und in einem geringen Selbstwertgefühl.

Werden in evangelischen Landeskirchen und Gemeinden queere Menschen weiterhin ausgegrenzt wie beispielsweise mit einem Trauungsverbot und einem diskriminierenden Gleichstellungsgesetz, sollen die Verantwortlichen auch an die Folgen ihres Handelns denken. 

Biografien über Thomas Mann mit dem Thema Homosexualität:

Oliver Fischer: "Man kann die Liebe nicht stärker erleben" - Thomas Mann und Paul Ehrenberg. Rowohlt Verlag, Hamburg 2024.

Tilmann Lahme: Thomas Mann. dtv-Verlag, München 2025. 

 

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