Das deutsche Feuilleton hat lange strikt unterschieden zwischen E wie Ernsthaft und U wie Unterhaltung, zwischen Hochkultur und Popkultur. So richtig und echt sind Kunst und Kultur in dieser Tradition nur dann, wenn sie weh tun (wie die harten Holzsitze in Bayreuth), wenn sie anstrengend sind und bitte keinen Spaß machen (und am besten als Buch mindestens so viele Seiten haben wie Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, nämlich 5200).
In diesem Sinne ist das Dschungelcamp, im folgenden auch #ibes genannt, nun endgültig in der Hochkultur angekommen: es war anstrengend und schmerzhaft, diese Staffel zu sehen. Sie war kein Zufluchtsort vor der bedrohlichen politischen Wirklichkeit, kein übersichtlicher Safer Space, in dem man sich wie früher auf eine grundlegende Moral, einen ähnlichen Wertekompass und die Weisheit des Publikums, der Moderation und des Schnitts verlassen konnte.
Ja, auch dieses Jahr gab es die tiefen Gespräche am Lagerfeuer: über den Tod von geliebten Haustieren, von Eltern und sogar den Tod der eigenen Kinder. Über Freund:innen, die sich nach Schicksalsschlägen nicht mehr für einen interessieren. Über zerbrochene Familien, abwesende Väter und Liebende. Über Engel, Sex, Energien und fragile Männlichkeit.
Es gab unterhaltsame, sich selbst entlarvende Pick-me-Girl-Offenbarungen und über die faule Jugend schimpfende Boomer-Bemerkungen, wie sie Friedrich Merz nicht besser hätte machen können. Es gab echte Tränen, Reis, Bohnen, Schweineanus und Kakerlaken.
Vor allem aber gab es Gil und Ariel. Und eine Produktion, einen Schnitt und eine Moderation, die den einen zum stillen, leidenden Helden und die andere zur nervigen, bösartigen Teufelin machten - mit deren jeweiligem Zutun natürlich.
Zur Erinnerung: Gil Ofarim, einst Teeniestar, dann Let's-Dance-Gewinner, hatte im Oktober 2021 auf Instagram ein Video gepostet, in dem er behauptete, ein Mitarbeiter eines Hotels in Leipzig hätte ihn antisemitisch diskriminiert. Erst wenn Ofarim seine Kette mit Davidstern wegpacke, könne er einchecken. Eine beispiellose Welle der Solidarität mit Ofarim folgte darauf, selbst der Bundesjustizminister äußerte sich und stellte sich hinter ihn. Der Name des Hotelmitarbeiters wurde öffentlich gemacht, er wurde mit dem Tod bedroht und musste zeitweise untertauchen. Die Buchungszahlen des Hotels brachen dramatisch ein. Zwei Jahre lang erzählte Ofarim in zahllosen Interviews seine Version der Geschichte.
Ein Gerichtsverfahren ergab schließlich: Gil Ofarim hatte gelogen. Um einer Verurteilung zuvor zu kommen, gestand er. Gegen Zahlung einer Geldstrafe wurde das Verfahren gegen ihn eingestellt.
Danach war seine Karriere beendet. Er wurde nicht mehr gebucht, stürzte gesundheitlich und finanziell ab.
Der Fall hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Wer noch mehr wissen will, höre den Podcast „Ehrenwort“, Folge „Kettenreaktion“.
#ibes sollte Gils Rückkehr ins Showgeschäft werden. Ein Ort der Rehabilitation. Und eine Möglichkeit, mit einer Gage von über 200.000 Euro (plus einem evtl. Gewinner-Preisgeld von 100.000 Euro) seine Prozess- und seine Schmerzensgeld-Schulden (letztere dem Vernehmen nach 20.000 Euro) zu bezahlen. Im Gegenzug erwartete das Publikum wohl: eine Erklärung für seine Lüge, Reue, eine öffentliche Entschuldigung - all das, was es nie bekommen hatte. Es sind relevante Fragen: Was führt dazu, dass jemand, der sicher oft Antisemitismus erlebt hat, diesen Vorwurf dort erhebt, wo er nicht zutrifft? Was hätte passieren müssen, damit er sich schneller hätte korrigieren können? Glaubt man sich irgendwann seine eigenen Lügen? Wie geht man um damit, dass ein anderer wegen des eigenen Fehlers bis heute psychologische Hilfe braucht? Überdeckt der eigene Absturz das Leid des Gegenübers?
Sie alle blieben unbeantwortet. Weder Ariels tägliches aggressives Insistieren, ihre Beschimpfungen als „Verbrecher“ und anderes, noch die ruhigen Nachfragen von so unterschiedlichen Charakteren wie Nicole, Stephen, Simone oder Patrick führten zu irgendeinem klaren Satz von Gil.
Mit sonorer Baritonstimme mit vielen Pausen, immer ruhig, immer ein wenig gramgebeugt verwies er erst auf eine Verschwiegenheitserklärung, dann raunte er von „nicht Originalvideos“, einem nicht genug gehörten Zeugen und seinen „Fragen ans Justizsystem“. Er streute so Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Hotelmitarbeiters, aber immer gerade in dem Maße, dass es eventuell auch noch ganz anders gemeint hätte sein können.
Offensichtlich war etwas wie eine Entschuldigung bei der Öffentlichkeit, die er jahrelang getäuscht hatte, aus ihm ebensowenig herauszupressen wie Saft aus einer versteinerten Zitrone oder ein eindeutiges Wort aus Johannes Hartl zum Lob für ihn durch die vom Verfassungsschutz beobachtete neurechte Vordenkerin Ellen Kositza. Oder eine konkrete Übernahme von konkreter Verantwortung für die Vertuschung von sexualisierter Gewalt durch irgendeine beliebige kirchliche Leitungsperson.
Die eine Hälfte der Zuschauer:innen belohnte Gil mit Anrufen und bestrafte Ariel mit Verachtung. Moderation, Schnitt, Produktion taten es ihnen augenscheinlich gleich. Andere verstiegen sich teilweise in absurde Verschwörungsmythen zu RTL, weil sie es nicht wahr haben wollten, dass Gil von Tag zu Tag ohne Wackeln weiterkam und es schließlich bis ins Finale schaffte.
Wieder andere - ich zum Beispiel - saßen fassungslos vor dem Livestream, lasen zu den Hintergründen etwa so viele Artikel und hörten so viele Podcasts wie „Die Suche nach der verlorenen Zeit“ Seiten hat - und fühlten sich allein gelassen von einer Produktion, die lieber eine wütende 22-Jährige dauer-kritisierte als auch nur einen einzigen Faktencheck zu den Worten des ostentativ ruhigen, überlegten Mannes zu senden oder seine Performance als der große Leidende durch Schnitt und Moderation zu hinterfragen.
Am Ende wurde Gil Dschungelkönig. Vor Hubert, dessen wohl berührendster Moment im Camp eine Entschuldigung und Wiedergutmachung bei einer Mitcamperin war. Und vor Samira, die souverän und klar mit Eva umgegangen war, die sie belogen hatte. Gil hatte bei allen Votings ab Tag eins Woche zwei vorne gelegen.
Zurück bleibt der bittere Eindruck, dass ein ruhiges, kontrolliertes Auftreten, eine sonore Stimme und vielleicht auch die Tatsache, ein Mann zu sein, genügen, um auch ohne eine Spur von Reue wieder aufgenommen zu werden in eine wohlmeinende Gemeinschaft. Dass gut dosiert gestreute Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Rechtsstaates und der Presse, in Kombination mit einer lauten gegnerischen Frau die öffentliche Meinung komplett drehen können. Dass im Zweifel der Lüge geglaubt wird, wenn sie mit der richtigen Musik unterlegt ist. Während die Opfer dieses Mannes vergessen werden und seine Kritiker:innen bestraft - die leisen, höflichen übrigens ebenso wie die aggressiven, lauten, anstrengenden.
Damit ist der Dschungel endgültig deckungsgleich mit vielem, was in den letzten Jahren in der evangelischen Kirche zu Tage trat. Wir dürfen gespannt auf die Re-Union sein. Und darauf, wie es weitergeht mit Gil Ofarim.
P.S.: Ich weiß, man kann das alles auch ganz anders sehen als ich. Obwohl - nein, doch.
Eins verbindet wohl aber alle Lager: Diese Staffel war die schwerste Dschungelprüfung aller Zeiten jemals und auch von denen, die noch kommen werden, um the one and only Sarah Knappik zu zitieren. "Ihr Wort in Gottes und RTLs Ohr!"


