Zwischen "future" und "avenir"

Graffiti Wand mit "Future Avenir "Aufschriften
© Kerstin Söderblom
Zukunft gestalten zwischen "future" und "avenir"
Zwischen "future" und "avenir"
Vom Unterschied zwischen "future" und "avenir" und was das aus queerer Perspektive bedeuten kann.

Vom Theologen Kristian Körver habe ich gelernt, dass es im Französischen zwei verschiedene Worte für Zukunft gibt. Es gibt das Wort avenir und das Wort future. Avenir meint die Zukunft, die auf mich zukommt. Das, was mir geschieht. Future ist die gestaltete Zukunft. Die Zukunft, die von mir gemacht wird, die ich selbst in die Hand nehme.

Es gibt also zwei Arten von Zukunft. Die eine, die mir widerfährt, die andere, die ich mit anderen gemeinsam gestalten kann und gestalten muss. Zukunft kommt den Menschen nicht nur entgegen. Menschen haben eine Verantwortung dafür, dass sie immer wieder neu menschenwürdig und solidarisch gestaltet wird.

Ich schließe mich Kristian Körver an, dass die Jahreslosung für 2026 dazu gut passt. Die Jahreslosung ist ein biblischer Satz als Motto für das ganze Jahr. Im Jahr 2026 kommt die Losung aus dem Buch der Offenbarung und heißt: „Siehe, ich mache alles neu.“ (Offb 21,5) 
Also, Zukunft ganz anders machen, neu machen eben.

Aus queerer Perspektive fällt mir einiges dazu ein:

  • Weltweites Verbot von Diskriminierung, Verfolgung und Kriminalisierung von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft, Behinderung, Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung.
  • Konversionstherapien weltweit nicht nur für Minderjährige (wie in Deutschland) verbieten und als das entlarven, was sie sind: Menschenunwürdige und traumatisierende Eingriffe in das Selbstbestimmungsrecht der Menschen.
  • Respektvolle Informationen und sachliche Aufklärung über diverse Geschlechtsidentitäten und sexuelle Orientierungen in Schulen und an außerschulischen Bildungsorten.
  • Menschen mit queeren Sexualitäten und Geschlechtsidentitäten weltweit genauso respektieren und schützen wie alle anderen auch.
  • Trauungen für alle, Namensfeiern anlässlich von Transitionen und queersensible Seelsorge in Kirchen selbstverständlich anbieten.
  • In den Kirchen weltweit queerfreundliche geschützte Begegnungs- und Gesprächsräume einrichten, in denen sich queere und nicht queere Menschen aus ihrem Leben erzählen können, um sich besser zu verstehen.
  • Queersein weltweit als Asylgrund akzeptieren.
  • Queer- und diversitätssensible Beratungseinrichtungen besser finanziell und personell ausstatten und fördern.

Ich könnte die Liste noch lange fortführen. Aber diese Auswahl soll reichen. Denn sie zeigt: Es gibt aus queerer Perspektive auch im Jahr 2026 in Deutschland und weltweit noch viel zu tun, um den Schutz der Menschenrechte und die Gleichberechtigung für alle zu sichern und zu stärken.

Packen wir es also an! So wie das in dem französischen Wort future vorgesehen ist: die Zukunft selbst in die Hand nehmen, gestalten, neu machen und gemeinsam Verantwortung übernehmen.

Wenn ich den Satz allerdings im Buch der Offenbarung im 21. Kapitel in der Bibel lese, dann entdecke ich: Nicht ich bin es, die die Zukunft macht, sondern G*tt. Denn G*tt ist Subjekt des Satzes und sagt: „Siehe, ich mache alles neu.“

Also was jetzt? Muss ich doch alles einfach geschehen lassen und auf G*tt warten? Nein, muss ich nicht. Denn biblische Geschichten erzählen vor allem von Menschen, die Verantwortung übernehmen für Menschlichkeit und friedliches Zusammenleben. Und genau dazu werden sie von G*tt beauftragt. Sie leben in der Zuversicht, dass G*tt sie dabei unterstützt, so wie es die Jahreslosung verspricht. Das stärkt und ermächtigt sie, die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.

In dem kurzen Satz „Siehe, ich mache alles neu“ klingt somit beides an. Ich muss mein Leben selbstverantwortlich leben und kann vieles für das Gemeinwohl tun. Aber ich kann und muss nicht alles allein machen. Wenn ich es nicht schaffe, wenn ich verzweifelt bin, krank bin oder mich ohnmächtig fühle, dann ist G*tt da.

Kristian Körver sagt dazu: 

„Die Jahreslosung ist Ermutigung und Hinweis zugleich. Sie ermutigt mich, Dinge anzupacken. Selber zu machen. Gleichzeitig weist sie mich darauf hin, nicht überheblich zu werden. Es liegt eben doch nicht alles in meiner Hand. Vieles widerfährt mir. Ein Leben zwischen future und avenir.“

Ein Leben zwischen future und avenir. Das gefällt mir als Motto für das neue Jahr. Ich will die Orte respektvoll und solidarisch mitgestalten, an denen ich lebe und arbeite. Und ich will die Hoffnung nicht verlieren, dass G*tt den Menschen dabei entgegenkommt.

So wünsche ich Euch für das Jahr 2026 Zuversicht, Trotzkraft und Zivilcourage, um Zukunft queerfreundlich und sicher für alle zu gestalten. Und gleichzeitig wünsche ich uns Vertrauen, der Zukunft gelassen entgegenzusehen, die auf uns zukommt.

 

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