Es kommt drauf an, wie du da sitzt…

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Spiritus Blog mit Bettina Schlauraff
Geistvoll in die Woche
Es kommt drauf an, wie du da sitzt…
Bettina Schlauraff erzählt von Momenten der Ohnmacht

In Krankenhauskapellen bin ich schon öfter gewesen, aber nie so. Nie hat es mich so richtig richtig betroffen. Ich habe selbst in meinen Arbeitsbereich so eine Kapelle gepflegt, regelmäßig Kerzen und Steine nachgefüllt, den Blumenschmuck besorgt, kleine Grüße ausgelegt an die, die hier Zuflucht suchen nach einer Diagnose, einer Operation oder einem Besuch. Ich habe bewegende Moment mit anderen erlebt. Aber nie hat es mich persönlich betroffen. Nie saß ich so da: als eine, die etwas sucht, als eine, die gerade etwas verloren hat, deren Kopf leer ist vor Traurigkeit und Entsetzen, die etwas braucht. Nie saß ich hier als eine Bedrückte, Bedürftige, im schwächsten der schwachen Momente, ohne Plan. So da zu sitzen nach Tagen voll Schmerz, war dann eines Tages eine neue Erfahrung. Es war anders. Gott geschah mir auf eine neue Weise: wärmend und herbergend. Als das mir noch gebliebene Vertraute.

Ähnlich ging es mir in einem anderen Moment 1989 im Osten Deutschlands. In der kleinen Kirche war es still, obwohl sie bis auf den letzten Platz besetzt war. Einige hielten Reden und wir hörten fiebernd zu. Manche sagten Unerhörtes, das sonst nie zu hören war. Ich erinnere mich an das Gefühl, da zu sitzen, mit anderen: Bedrückte, Eingeengte, ins Unrecht Geratene, Freiheit suchend, einen Ort zum Atmen. In diesem kleinen Raum war sie: die Freiheit. Sie war keine laute Freiheit, keine machtvolle Freiheit. Sie war eine Freiheit der Ohnmacht hier bei einem Gott, der am Kreuz hing. Es war die Gemeinschaft, der Bedrückten, nicht der Machtvollen. Und Gott geschah als Raum und Atem, bestärkend, verbindend. Gott geschah auf eine andere Weise und machte uns verwegen.

Es kommt drauf an, wie du da sitzt vor Gott. Gott geschieht anders, da, wo Du da sitzt als Mensch, der nicht schon alles weiß. Wo Du sitzt als Bedrückte*r, als Suchende*r, als Bedürftige*r. Gott geschieht ganz neu, wo Du ohne Macht in der Bank sitzt. Als Mensch, der nichts mehr hat, hinter dem er sich noch verstecken könnte, als diesen Ort und diesen Moment.

Gott ist nicht ein Gott der Mächtigen. Er ist der Gott Deiner Ohnmacht. Da wird Gott in Dir zum Trotz, zum Aushalten, zur Wegschwimmsperre, zur Knospenlegerin. 

Am Mittwoch beginnt die Fastenzeit. Zeit für Echtheit und intensive Begegnung. Halte Gott das hin: Ohnmächte, Scheitern, Leere, Zweifel, Wut, Trostlosigkeit. Sei nicht hart mit Dir. Gott wird es auch nicht sein. Sitze so da. So.

 

#challenge: Dir überlegen, was Du die nächsten 7 Wochen anders machen kannst. Was Dich anders machen kann. Näher zu Dir.


 

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