Queerer Aschermittwoch

Kreuz & Queer Blog
Queerer Aschermittwoch
Aschermittwoch kann für queere Personen ein Anfang sein, bewusst über Verluste zu trauern und darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist.

Heute ist Aschermittwoch. Es ist der Tag nach dem tollen Treiben in der fünften Jahreszeit von Fastnacht, Karneval, Fasching & Co. Aschermittwoch ist der erste Tag von 40 Tagen Fastenzeit oder Passionszeit bis Ostern. 

Aschenkreuz

Seit dem 12. Jahrhundert wird am Aschermittwoch morgen im Gottesdienst ein Aschenkreuz auf die Stirn der Gläubigen gezeichnet. Die Asche kommt von den verbrannten Palmzweigen des Palmsonntags des letzten Jahres. Die Asche erinnert traditionell daran, dass der Mensch von Asche und Staub kommt und dahin nach dem Tod auch wieder zurück kehrt. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Mensch könnte sagen, dass die Asche nach den tollen Tagen der Narrenzeit so etwas ist wie ein symbolischer Reminder, dass Menschen nicht so unsterblich, trinkfest und ausdauernd fröhlich sind, wie sie sich während der tollen Tage vielleicht fühlen. Der klassische Satz des Aschermittwoch lautet: „Bedenke Mensch, dass wir sterben müssen, auf dass wir ein weises Herz erlangen“ (Psalm 90,12). Die Asche ist eine Erinnerung an die Sterblichkeit des Menschen.

Übergangstag

Nach dem Feiern der tollen Tage kommt im Kirchenjahr die Zeit der inneren Ruhe. Aschermittwoch läutet diesen Wechsel ein und ist insofern ein Übergangstag. Nicht wenige Menschen fragen sich, worauf sie in der Fastenzeit für sieben Wochen verzichten möchten oder worauf sie in der Zeit bewusst achten wollen. Was ist wirklich wichtig im Leben? Worauf kommt es an? Das sind die Fragen, die heutzutage viel wichtiger sind als tatsächlich zu fasten wie im Mittelalter.

Queere Perspektiven

Was bedeutet das nun für queere Personen? Ganz sicher haben viele queere Menschen an ganz verschiedenen Orten mit Queers & Friends Fastnacht, Fasching und Karneval gefeiert und es mal so richtig krachen lassen. Mit Kostümen und Masken, mit Drag und Showeinlagen, mit queeren Sitzungen wie die Rosa-Käppscher-Sitzung in Mainz oder die Schnittchen-Sitzung in Köln oder die Partys des KG Regenbogens in Düsseldorf. Manche haben mit Perücken, Masken und Kostümen gefeiert, die sie sich im Alltag nicht zu tragen trauen. Andere haben ausgelassen gefeiert und getanzt, weil sie sich endlich mal aus ihrem Alltag beamen wollten, in dem sie ein Doppelleben führen oder nicht zu sich selbst stehen oder sich einfach nur nicht wohl in ihrer Haut fühlen. „Queer Joy“ (darüber schrieb ich hier vor einer Weile) genießen so lange es geht! Der schnöde Alltag kommt von allein zurück.

Ein Anfang

Für mich bedeutet das Aschenkreuz am Aschermittwoch: ein Anfang ist gemacht. Eine bewusste Zeit kommt. Was genau dieses Kreuz für mich die nächsten Wochen bedeuten wird, weiß ich noch nicht. Es ist mir jedenfalls schon seit einigen Jahren wichtig, in einer Morgenandacht am Aschermittwoch allen Anwesenden Aschenkreuze auf die Stirn oder die Hand zu malen und diesen Tag bewusst zu markieren.

Was ist wichtig?

Ich sehe die Fastenzeit als bewusste Zeit. Nach der Zeit der tollen Tage möchte ich die nächsten Wochen genauer hinsehen: Womit und mit wem verbringe ich meine Zeit? Was ist bei mir in den letzten Monaten zu kurz gekommen? Meine Eltern werden immer älter und brauchen mehr Zeit von mir. Und ich bin dankbar, dass ich noch Zeit mit ihnen verbringen kann. Freund:innen sehe ich nicht so oft, wie ich es mir wünsche, weil sich immer so viele Arbeitstermine und To-do´s dazwischen drängen. 

Aber am aller deutlichsten ist mir in diesem Jahr klar: Angesichts von Hass, Hetze und Gewalt von autokratischen Regierungen wie Russland, USA, Iran und so vielen anderen Ländern möchte ich bewusst Energie und Zeit mit queeren und queerfreundlichen Menschen verbringen, sichere Begegnungsorte weiterhin mitgestalten und für Respekt und Menschlichkeit einstehen.

Erinnern und Gedenken

Ich wünsche mir mehr Zeit für Austausch und Gespräche, für Debatten und Demonstrationen, aber auch Zeiten der Stille, der Trauer und des Gedenkens an die vielen queeren Gefährt:innen, die ich im Laufe meines Lebens schon verloren habe: Gute Freunde, die in den achtziger und neunziger Jahren an AIDS gestorben sind. Eine Kollegin, die mit mir zusammen Vikariat gemacht hat und vor einiger Zeit an einer schweren Krankheit gestorben ist. Queere Geschwister im European Forum of LGBTI+ Christian Groups, die schon verstorben sind, wie Brenda Harrison aus England, die sich Jahrzehntelang für lesbische und queere Rechte in evangelikalen und kirchlichen Kreisen in England und in der weltweiten Ökumene eingesetzt hat; wie Elaine Sommers, eine Transfrau, Ärztin und einige Jahre Co-Präsidentin im European Forum, die sich insbesondere für die Rechte von trans- und intergeschlechtlichen Personen in Kirchen und Gesellschaft engagiert hat; wie Irène Schwyn, eine lesbische reformierte Pastorin aus der Schweiz, die Jahrelang in ganz verschiedenen Positionen und Ehrenämtern in der Schweiz und Europaweit für queere Gläubige vor allem in Zentral- und Osteuropa gekämpft hat. Alle drei stehen für mich stellvertretend für so viele, die viel zu früh an todbringenden Krankheiten gestorben sind. 

Schließlich denke ich an Muhsin Hendricks, dem queeren Imam und Aktivisten aus Südafrika, den ich vor 20 Jahren in Genf auf einer ILGA World-Tagung kennen und schätzen gelernt habe und mit dem ich seitdem digital in Kontakt stand. Muhsin wurde am 15.2.2025, also ziemlich genau vor einem Jahr, von zwei maskierten Männern ermordet. Der Mord, der als Hate Crime eingestuft wird, ist bis heute nicht aufgeklärt. Ich habe darüber im letzten Jahr berichtet

Am 11. Februar 2026 haben wir in Dortmund eine Gedenkfeier für Muhsin Hendricks ausgerichtet. Eingeladen hatten die Vereinte Evangelische Mission (VEM), das Oikos-Institut der Westfälischen Kirche und Begegnen e.V. für Toleranz in NRW. Im Zentrum stand die Würdigung des engagierten Lebens von Muhsin Hendricks als Seelsorger, Sinnfluencer, Menschenrechtler, Aktivist und Gründer einer queeren Moschee. Gleichzeitig erörterten wir die aktuellen Herausforderungen und Chancen von queeren Personen in Religionsgemeinschaften. Die Leiterin der "Advocacy"-Arbeit der VEM Thea Hummel führte durch den Abend. Mit mir erzähle und diskutierte die muslimische Religionswissenschaftlerin und Trans-Aktivistin Leyla Jagiella
Ich bin dankbar, an dem Abend jenseits religiöser Grenzen bei aller Trauer um Muhsin Hendricks Solidarität und Stärkung erfahren zu haben.

Bedenke, dass du lebst!

In der Fastenzeit möchte ich mir Zeit zum Erinnern und Trauern nehmen, meine verstorbenen Geschwister in meine Gedanken und Gebete einschließen. Gleichzeitig möchte auch spüren: Ich lebe! Du lebst! Wir leben! Trotz allem. Diese gemischten Gefühle werde ich die nächsten Wochen mit in Begegnungen und in die Stille nehmen. Ich weiß aus meiner Meditationspraxis: Wenn ich aufrecht sitze, tief ein- und ausatme, in die Stille höre und loslasse, so gut ich kann, dann spüre ich: Ich lebe. Es geht um diese Minimomente, in denen ich so sein kann, wer und wie ich gerade bin. Ohne Maske, ohne doppelten Boden, einfach ich sein vor G*tt und mir selbst. 

Denn G*tt sagt nicht nur „Bedenke, dass du sterben wirst!“ 
G*tt sagt auch: „Bedenke, dass du lebst!“ 

Und ich sage mir und anderen: 
Bedenke, dass du das nicht vergisst und dafür Verantwortung trägst. 
Mach was draus! Nicht alleine, sondern mit anderen zusammen. 
Es geht um Respekt, Gastfreundschaft und Solidarität - nicht nur in der Fastenzeit!“

 

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