Kennt ihr die Martin-Luther-King-Kapelle in Berlin-Mitte? Wenn nicht, würde ich sie euch gerne zeigen. Sie ist schlicht und ausdrucksstark zugleich. Auf zwei Fenstern stehen King-Zitate. Das eine lautet „I have a dream“, das andere „Time to act“. Mich fasziniert vor allem dieses Bild. Es zeigt ein Kreuz auf goldenem Grund, die Balken rot und violett, der Text steht unten. Im Kreuz.
Kings Worte sind der Anlass, warum ich euch schreibe. Denn euer Handeln steht dem Kreuz zuwider.
Ich wünschte, ihr wärt einmal eine Woche lang die Menschen, gegen die sich eure Politik richtet.
Ein Mann mit wenig Geld, der nicht weiß, wie er mit seiner Familie über die Runden kommt, und nun den Zahnarzt privat versichern soll, was er nicht kann.
Eine Frau, die versucht, alles unter einen Hut zu bringen, die Arbeit, die Kinder, die Pflege von Angehörigen, und der ihr respektlos Lifestyle-Teilzeit vorwerft.
Ein Mensch, der sich zur Arbeit schleppt, obwohl er krank ist, weil er Angst hat, seinen Job zu verlieren, und dem ihr zynisch Faulheit attestiert.
Ein Mann, eine Frau mit anderer Hautfarbe, die ihr nicht im Land haben wollt. Die ihr ermorden lasst. Deren Kinder ihr festnehmt. Denen ihr Gewalt antut. Denen ihr die Heimat nehmt und deren Schicksal euch egal ist.
Ein Mensch, dessen Würde ihr missachtet.
Ob ihr euch immer noch so mächtig fühlt, wenn ihr eine Woche lang einer von ihnen wärt?
Ob ihr dann endlich merkt, wie sehr ihr uns verachtet?
Doch wir lassen uns nicht brechen. Denn unsere Würde, unser Leben kommt nicht von euch, sondern von Gott. Ihr dagegen missbraucht Gott, wenn ihr „God bless America“ ruft, wenn ihr bei einem öffentlichen Gebet sagt „Um eine große Nation zu sein, braucht man Glauben. Man braucht Gott!“ oder „so wahr mir Gott helfe“ schwört. Merkt ihr das nicht? Wer sich auf Gott beruft und gleichzeitig den Menschen ihre Würde abspricht, lästert Gott.
Gott ist nicht auf eurer Seite. Er ist bei den Armen, den Schwachen, den Kranken, den Kindern, den Männern und Frauen, die sich jeden Tag ums Leben, Überleben sorgen. Er ist bei denen, die Hilfe brauchen, und jenen, die für andere da sind.
Ihr seid das Gegenteil. Ihr stellt eure Ideologie über unser Wohl. Bei euch kommt erst die Wirtschaft, dann der Mensch.
Vor Gott aber sind alle Menschen gleich. Seine Liebe gilt uns allen. Ob wir in euer Weltbild passen und eurem Leitbild entsprechen oder nicht.
Ich wünsche euch nichts Böses. Und schreibe euch im Guten, auch wenn es vielleicht sinnlos ist. Aber nichts zu tun, ist nicht mein Weg. Ich will nicht, dass die Welt auseinanderfällt. Doch das droht. Ihr habt es in der Hand, ob es so bleibt oder sich ändert.
Martin Luther King hatte recht: It’s time to act. Es ist an der Zeit zu handeln.
Ich habe euch geschrieben. Jetzt müsst ihr handeln.


