Nordkirche diskriminiert weiter

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Foto: Matthias Albrecht

Nordkirche diskriminiert weiter
Statt die Trauung für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen, entscheidet die Synode der Nordkirche, einen öffentlichen Segnungsgottesdienst für homosexuell Liebende einzuführen. Damit setzt die Nordkirche die jahrhundertelange Diskriminierung Homosexueller in neuer Gestalt fort. Ein Kommentar.

Am gestrigen Donnerstag beschloss die Synode der Nordkirche, einen öffentlichen Segnungsgottesdienst für homosexuell Liebende einzuführen. In der offiziellen Pressemitteilung heißt es dazu, dass die "Segnung eines homosexuellen Paares […] jetzt eine offizielle kirchliche Amtshandlung - wie es auch ein Traugottesdienst für Mann und Frau ist" - sei. Das Wort "wie" bezeugt die ganze Problematik dieser Entscheidung. Denn was bedeutet der Beschluss im Klartext? Er bedeutet, dass homosexuelle Paare in der Nordkirche weiterhin nicht getraut werden. Nichts anderes haben die Synodalen mit großer Mehrheit entschieden. Schwulen und Lesben wird auch in Zukunft das Recht vorbehalten, einen Traugottesdienst feiern zu dürfen. Ein entsprechender Antrag, der genau dieses vorgesehen hatte, ist während der synodalen Aussprache zurückgezogen worden.

Dabei hätten die Synodalen auf Propst Daniel Havemann hören sollen. Dieser sprach von der Gefahr der Einführung einer "Trauung zweiter Klasse". Es ist dabei sehr bezeichnend, dass ausgerechnet Havemann als Vorsitzender der theologischen Kammer der Nordkirche diese Kritik übt. Havemann scheint genau zu wissen, dass es keinerlei überzeugende theologische Begründung gibt, den Akt einer Segnung zweier Liebender nicht Trauung zu nennen, denn nichts anderes ist die Trauung dem evangelischen Trauverständnis nach. Den Namen der  Trauhandlung je nach dem Geschlecht der zu Segnenden zu differenzieren, ist theologisch nicht haltbar. Genau so könnte die kirchliche Bestattung bei Frauen anders benannt werden als bei Männern.

Doch theologische Motive haben bei der Entscheidung, Homosexuellen den Traugottesdienst weiterhin zu verweigern, wohl keine große Rolle gespielt. Vielmehr schien hierbei die Angst davor, dass Menschen die Landeskirche wegen eines solchen Beschlusses verlassen könnten, ausschlaggebend gewesen zu sein. So mahnte der Greifswalder Bischof Hans-Jürgen Abromeit etwa, er kenne Menschen, die für den Fall einer Öffnung der Trauung mit einem Kirchenaustritt gedroht haben. Vor diesem Hintergrund betrachtet ist die Entscheidung der Synode der Nordkirche noch beschämender als ohnehin schon.

Die Kirche, die die Kirche Jesu Christi sein will, knickt ein vor denen, die ihre Kirchenzugehörigkeit von der Fortsetzung der Diskriminierung ihrer homosexuellen Geschwister abhängig machen. Das widerspricht dem Evangelium in höchstem Maße. Die Kirche kann nur dann Kirche Jesu Christi sein, wenn sie den Ausgegrenzten nicht nur ein Schutzraum ist, sondern sie als vollkommen Gleichwertige behandelt. Im Reich Gottes gibt es keinen Menschen, der abseits steht. Selbstverständlich sollen auch die, die Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt gegen Homosexuelle fordern, in den Raum der Kirche eingeladen sein. Doch genauso selbstverständlich diese Einladung gilt, muss ihnen auch entgegengehalten werden, dass ihre Forderung nach Ausgrenzung im Leib Christi nicht verwirklicht werden kann. Nur wenn sie diese entschiedene Haltung an den Tag legt, kann sich Kirche erfolgreich gegen antihomosexuelle Gewalt, Sexismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit wehren. Die Notwendigkeit dazu müsste jedem Menschen beim Blick auf die aktuellen politischen Diskussionen mehr als einleuchten. Der Einschluss des Ausschlusses unter dem Titel "Kompromiss" führt zu einer Kirche der Beliebigkeit, die ihrer Verantwortung für die Menschen nicht gerecht werden kann und die deshalb zum Scheitern verurteilt ist.

Daher ist es bedauerlich, dass die Nordkirche sich zwar zur Schuld bekennt, die sie an ihren homosexuellen Geschwistern über Jahrhunderte begangen hat, aber daraus in ihrem Handeln keine Konsequenzen zieht, die diesen Namen ernstlich verdienen. Die Entscheidung gegen die Öffnung des Traugottesdienstes ist eine vertane historische Chance, Buße und Umkehr zu leben. Möge sie bald korrigiert werden.

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