Der Leiter von "Open Doors Deutschland", Markus Rode, warnt davor, das Leid der Christen in Nigeria zu ignorieren. Es wäre schon ein Riesenschritt, wenn international wahrgenommen werde, dass in dem Land "Christen niedergemetzelt und vernichtet werden", sagt Rode dem Evangelischen Pressedienst (epd) anlässlich der Vorstellung des Weltverfolgungsindex 2026 durch das christliche Hilfswerk am Mittwoch im hessischen Kelkheim.
Es sei vor allem ein religiös motivierter Konflikt, in dem zwar auch Streit um Land, die Folgen von Umweltveränderungen sowie Fragen von Einfluss und Macht eine Rolle spielten, diese Faktoren seien aber nachgeordnet. Hinter den Angriffen stecke eine "klare islamistische Agenda", hätten ihm Überlebende von Massakern bei seinem Besuch des Landes immer wieder bestätigt. Teilweise seien diese gewarnt worden.
"Wenn ihr nächste Woche nicht alle zum Islam konvertiert seid und die Kirche nicht eine Moschee ist, dann werden wir euch umbringen." Die oft gebrauchte Deutung, es gehe "einfach nur" um einen Konflikt zwischen christlichen Bauern und muslimischen Viehhirten, den Fulani, "ist nicht die Realität", sagt Rode.
"Konflikt ist komplex"
Allerdings sei der Konflikt komplex, räumte Rode ein. Landnahme und wirtschaftliche Interessen träten hinzu, etwa wenn kriminelle Gruppen christliche Kinder entführten, um Lösegeld zu erpressen. Zwar seien in dem westafrikanischen Land sowohl christliche als auch muslimische Zivilisten Opfer der Gewalt geworden. Es gebe viele Fulani, "die wollen friedlich leben", aber ein Großteil habe sich radikalisiert.
Mit Blick auf die Politik äußert Rode deutliche Kritik: Gerade die Regierungen, die auf Menschenrechte so viel Wert legen - in Europa, insbesondere in Deutschland - seien "einfach still". Man höre fast nichts. Der nigerianische Präsident Bola Tinubu müsse "spüren, dass das Thema gesehen wird" und dies auch Konsequenzen haben könne, betont Rode. Durch US-Präsident Donald Trump sei das Thema immerhin in die Medien gekommen. Dies sei zu begrüßen - unabhängig davon, "von wem es komme".
Trump hatte Nigeria Ende 2025 vorgeworfen, einen Massenmord an Christen zu dulden und ordnete US-Luftangriffe auf mutmaßliche IS Stellungen in dem Land an. Rode sieht zurzeit kaum Veränderungen, denn die Gewalt sei nach wie vor auf einem extrem hohen Level: "Man kann es ja immer wieder auch hören, dass Hunderte von Schülern, von Christen, von christlichen Schulen verschleppt werden, dass Dörfer überfallen werden." Die Zahl der dokumentierten Tötungen bleibe hoch: "72 Prozent der 4.849 Christen, die wegen ihres Glaubens weltweit getötet wurden, also dokumentierte Ermordungen innerhalb eines Jahres, kommen aus Nigeria. Und die Dunkelziffer ist noch viel höher."
Methodik von "Open Doors" in der Kritik
Dem jährlichen Weltverfolgungsindex des Hilfswerks "Open Doors", der die Lage bedrängter Christen weltweit bewertet, wurde wiederholt mangelnde Transparenz vorgeworfen - die Organisation weist das zurück und erklärt ihre Arbeitsweise.
Das christliche Hilfswerk "Open Doors" bezeichnet seinen jährlich erscheinenden Weltverfolgungsindex, der die Lage bedrängter Christen erfasst, als eines der methodisch am besten abgesicherten Instrumente seiner Art. Man sei vernetzt, nicht nur mit einzelnen Glaubensrichtungen, "sondern mit den einheimischen Kirchen, internationalen Partnern und allen Konfessionen", sagte der Leiter von "Open Doors Deutschland", Markus Rode, dem Evangelischen Pressedienst.
"Wir haben Leute vor Ort, die kurz nach Massakern am Ort des Geschehens sind, recherchieren und dokumentieren", fügte Rode hinzu. Zusätzlich arbeite man mit Forschungsgruppen zusammen - etwa mit Blick auf den afrikanischen Kontinent mit der "Observatory for Religious Freedom in Africa" (ORFA, Beobachtungsstelle für Religionsfreiheit in Afrika) zusammen, die eigene Datensammlungen veröffentlicht. Die erhobenen Fälle seien "definitiv dokumentiert", die Dunkelziffer jedoch höher.
Menschenrechtler würdigen zwar, dass es "Open Doors" gelungen sei, auf die Situation verfolgter Christen hinzuweisen. Zugleich wurden immer wieder mangelnde Transparenz, unklare Gewichtungen und fehlende Nachvollziehbarkeit kritisiert.
Dazu sagte Rode: "Open Doors" verstehe den Weltverfolgungsindex als Freiheitsindex, vergleichbar etwa mit dem "Pressefreiheitsindex" von "Reporter ohne Grenzen". Ein solcher Index könne Freiheitszustände nicht eindeutig messen, sondern müsse notwendigerweise mit Indikatoren, Gewichtungen und Schwellenwerten arbeiten. Ein erheblicher Teil der Daten stamme jedoch aus Primärquellen, also aus direkten Berichten und Netzwerken vor Ort. Als überkonfessionelles Hilfswerk sei man extrem konservativ in den Schätzungen, "wenn wir denn überhaupt schätzen müssen", sagte Rode.
Das Internationale Institut für Religionsfreiheit prüfe jedes Jahr, ob die Erstellung des Weltverfolgungsindex nach den in der Methodik veröffentlichten Grundsätzen geschieht (Audit). Ein Index müsse mit Zahlen oder mit Ranglisten arbeiten, weil das Thema Religionsfreiheit - für Christen wie für andere Gruppen - sonst gar nicht erfasst werden könne: "Und ein Index enthält immer auch subjektive Werte, weil Freiheit oder Verfolgung nicht trennscharf definiert werden kann. Das ist dem UNHCR nicht gelungen, und das wird auch keinem anderen gelingen."
Der Fokus von "Open Doors" liege auf den Menschen und nicht auf Zahlen, betonte Rode: "Der Weltverfolgungsindex ist ein Sprachrohr und Hilferuf der Christen, die keine Stimme haben, weil sie aufgrund der Verfolgung oft im Untergrund sein müssen und deshalb ihre Namen nicht nennen." Dieser Hilferuf und dieses Anliegen dürften nicht in "irgendwelchen Zahlen und statistischen Diskussionen" verhallen.
Seit rund 30 Jahren veröffentlicht das christliche Hilfswerk "Open Doors" seinen Weltverfolgungsindex. Die Daten liefern laut Hilfswerk kirchliche Netzwerke, regionale Menschenrechtsanwälte, Analysten sowie Experten von "Open Doors International". Die Einhaltung der Methodik wird durch das evangelikal geprägte Internationale Institut für Religionsfreiheit geprüft und zertifiziert.


