Wie geht es queeren Menschen im Iran?

Graffiti an einer Hausfassade erinnert ie Ermordung von Jina Mahsa Amini im Jahr 2022.
Christian Höller
An einer Hausfassade wird an die Ermordung von Jina Mahsa Amini im Jahr 2022 erinnert.
Queere Rechte im Iran
Wie geht es queeren Menschen im Iran?
Am 21. März werde ich mit Freund:innen das persische Neujahrsfest Nouruz feiern. Doch in diesem Jahr ist die Feststimmung wegen des Iran-Krieges angespannt, schreibt evangelisch.de-Blogger Christian Höller.
18.03.2026
evangelisch.de

Normalerweise freue ich mich jedes Jahr auf den 20. beziehungsweise 21. März. Denn an diesem Tag feiere ich mit Freund:innen aus dem Iran das persische Neujahrsfest, bekannt als Nouruz oder Nowruz. Das Fest markiert den Beginn des Frühlings. Doch in diesem Jahr ist wegen des Iran-Krieges vieles anders. Die Freund:innen aus dem Iran machen sich Sorgen um die Zukunft des Landes. 

Als Psychotherapeut begleite und unterstütze ich auch geflüchtete Menschen aus dem Iran. Sie haben Schreckliches erlebt. Auch wenn sie nun in Europa in Sicherheit sind, reißt der derzeitige Krieg alte Wunden auf. Die Menschen kommen kaum zur Ruhe, verfolgen ständig die Nachrichten, haben schlimme Alpträume und ängstigen sich um ihre Verwandten im Iran. Ich nehme den Iran-Krieg zum Anlass, um über queeres Leben im Iran zu schreiben. Denn ich halte es für wichtig, dass Christ:innen und die evangelische Kirche auch über den Tellerrand blicken und sich mit der Situation in anderen Ländern beschäftigen.

Todesstrafe und Peitschenhiebe 

Queere Menschen sind im Iran existenziell gefährdet. Gleichgeschlechtliche Liebe ist dort strengstens verboten und kann mit dem Tod bestraft werden. Medienberichten zufolge wurden seit der Islamischen Revolution von 1979 viele Tausend homosexuelle Personen hingerichtet. Schlimm ist die Lage in den Gefängnissen, wo es Folter und sexuellen Missbrauch gibt. Wegen der staatlichen Verfolgung müssen queere Menschen ihre Identität geheimhalten. Es gibt daher im Iran keine queere Organisation. 

Trotz Lebensgefahr beteiligten sich viele queere Menschen zuletzt aktiv an den Protesten gegen das Regime. Sie machten unter anderem bei der "Frauen, Leben, Freiheit"-Bewegung mit. Diese hat sich nach dem Tod von Jina Mahsa Amini im September 2022 gebildet. Die 22-jährige Frau wurde wegen eines angeblichen Verstoßes gegen die Kopftuchpflicht festgenommen. Sie starb kurz danach an den Verletzungen, die ihr von der iranischen Polizei in Haft zugefügt worden waren. Daraufhin brachen im ganzen Land Proteste gegen das Regime aus.

Grausamkeiten im Namen Gottes

Die iranische Strafjustiz orientiert sich stark am islamischen Strafrecht. Es sieht bei verschiedenen Delikten harte Strafen wie Steinigung, Kreuzigung, Auspeitschung oder das Abtrennen von Händen und/oder Füßen vor. Ich kann nicht verstehen, wie heute und auch in der Vergangenheit im Namen einer Religion und im Namen eines Gottes solche Grausamkeiten zugefügt werden. Ich kann auch nicht verstehen, warum sich das iranische Strafrecht in vielen Artikeln ausführlich mit allen möglichen Varianten der gleichgeschlechtlichen Liebe beschäftigt. 

Schwulen Männern, die beim Sex die passive Rolle einnehmen, droht immer die Todesstrafe. Der aktive Partner muss in bestimmten Fällen mit der Hinrichtung rechnen, manchmal erhält er "nur" 100 Peitschenhiebe. Lesbische Frauen können bei sexuellen Handlungen zu 100 Peitschenhieben verurteilt werden. Küssen sich zwei Männer oder zwei Frauen leidenschaftlich oder berühren sie sich aus sexuellem Verlangen, sieht das Gesetz 31 bis 64 Peitschenhiebe vor. Schlimm ist im iranischen Justizsystem auch die Rolle von Ärzt:innen. Denn es ist vorgeschrieben, dass Ärzt:innen bei körperlichen Strafen wie Peitschenhieben anwesend sind und dabei die körperliche Verfassung der verurteilten Personen vor und während der Strafe bewerten.

Kein sicherer Ort für queere Menschen 

Für queere Menschen im Iran ist es unmöglich, sich zu outen. Um mehr über sie zu erfahren, hilft es, Bücher von Autor:innen, die den Iran verlassen haben, zu lesen. Im Verlag edition exil ist beispielsweise der queere und schwule Liebesroman "Paradiesstraße" erschienen. Geschrieben hat ihn Sina Kiyani, der 1966 in der iranischen Großstadt Shiraz geboren wurde und jetzt in Europa lebt. Der Roman von Kiyani spielt in seiner Geburtsstadt kurz nach der Islamischen Revolution. 

Der Protagonist ist ein junger Mann namens Ramin, der den gleichaltrigen Aschkan in einer öffentlichen Bibliothek kennenlernt. Doch die Annäherungsversuche sind schwierig. Denn die Gefahr lauere überall, schreibt der Autor. Kein schwuler Mann traue sich im Iran, einen Unbekannten einfach so anzulächeln oder mit ihm zu flirten. In vielen kleinen und vorsichtigen Schritten kommen sich Ramin und Aschkan näher.

Schwule als "Parasiten" und "Läuse" beschimpft

Für die Männer ist es anstrengend, ihre Liebe geheimzuhalten. Im Iran kann es schon verdächtig sein, wenn sich zwei Männer regelmäßig für mehrere Stunden alleine in einer Wohnung aufhalten. Eine große Gefahr droht von Denunziant:innen wie Nachbar:innen, die auch kleinste Auffälligkeiten der Sittenpolizei melden. Es sei nicht leicht, "ein, zwei Stunden mit Aschkan alleine zu sein, so viel Organisieren, Verheimlichen, Lügen und Zittern, und jedes Treffen endete mit der Ungewissheit, ob und wann das nächste stattfand", heißt es in dem Buch. Die Leser:innen des Romans bangen mit den beiden schwulen Männern mit und hoffen, dass das Liebespaar nicht entdeckt wird. 

Jeder Kuss, den sich die beiden Männer geben, bevor sie sich trennen, "hätte der letzte sein können", schreibt der Autor. Einmal bekommt Ramin mit, wie Jugendliche einen Mann, den sie für homosexuell halten, verprügeln. Dabei beschimpfen sie Schwule als "Parasiten", "Plage" und "Läuse". Der im Iran geborene Autor schildert in dem Roman eindrucksvoll, wie die Sittenpolizei ständig in das Alltagsleben eingreift. Frauen werden verhaftet, weil ihre Blusen angeblich zu dünn sind. In Gymnasien wurden in den naturwissenschaftlichen und anatomischen Büchern alle Bilder von nackten Körpern geschwärzt.

Viele schwule Männer lassen sich operieren

Wer sich für die Situation von Lesben im Iran interessiert, soll den Roman "Zwei Frauen aus Iran" von Negar A. Zadeh lesen. Eine iranische Besonderheit ist der Umgang des Staates mit trans Personen. Denn geschlechtsangleichende Operationen werden vom dortigen islamischen Regime ausdrücklich erlaubt. Es gibt sogar eine entsprechende Fatwa, eine Rechtsauskunft von Ayatollah Khomeini. Trotz der rechtlichen Anerkennung werden trans Personen im Iran stigmatisiert und ausgegrenzt. Vor allem trans Frauen werden sexuell ausgebeutet. 

Die rechtliche Anerkennung führte dazu, dass der Iran weltweit zu jenen Ländern mit besonders vielen geschlechtsangleichenden Operationen gehört. Das hat schlimme Folgen für schwule Männer. Viele von ihnen werden im Iran zu solchen Operationen gedrängt, obwohl sie keine trans Personen sind. Sie lassen sich dann vom Mann zur Frau operieren, nur um der Strafverfolgung zu entgehen und um später offiziell einen Mann lieben zu dürfen. Es ist unglaublich, welche Grausamkeiten queere und schwule Menschen im Iran im Namen einer Religion und im Namen eines Gottes ertragen müssen.
 

weitere Blogs

Frau fotografiert ein Fresko, in dem die Gesichtszüge eines Engels an die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni erinnern.
Bei einer Kirchenrenovierung erhielt ein Engel ein neues Gesicht.
Dies ist ein Statement für eine persönliche Wutkultur.
Der bibelenthusiastische Teil der Christenheit kennt nicht nur Texte, die zu den verschiedenen Sonntagen gehören, sondern auch Bibelverse für die Woche, für den Tag, für das Jahr - und den Monat. Der Monat März 2026 hat als Vers: „Da weinte Jesus.“ (Johannes 11,35).