Wie leben Christ:innen in unseren Nachbarländern? Was beschäftigt sie? Wie organisieren sie sich? Unter solchen Fragestellungen reisen Hauptamtliche (nicht nur Pfarrer:innen, sondern auch andere Berufsgruppen) des Dekanats Schweinfurt etwa alle zwei Jahre an interessante Orte. Diesmal ging’s mit dem Nachtzug nach Rom. Durchaus möglich also, dass dieser Ort in der nächsten Zeit öfters mal hier im Blog erwähnt wird.
Rom ist ja voll mit Kirche, Historie, Gebäuden aus allen Jahrtausenden. Doch ein Ort in diesem ganzen Trubel hat mich besonders berührt: Der „deutsche Friedhof“ (campo santo teutonico) direkt neben dem Petersdom.
Der Friedhof ist zwar italienisches Staatsgebiet, aber nur über den Vatikan zu erreichen – schon eine besondere Situation. Angeblich wird der Zugang nur gewährt, wenn man die Schweizergardisten auf Deutsch anspricht und um Einlass bittet. Wir haben nicht ausprobiert, was passiert, wenn man eine andere Sprache spricht, obwohl das sicherlich interessant wäre.
Also: Zum Vatikan-“Hintereingang“ links vom Petersdom gegangen, da, wo die Lieferautos ankommen und übrigens eine ganze Reihe vatikanischer Ladesäulen stehen. Die Wachhabenden angesprochen und nach kurzer Taschenkontrolle eingelassen worden. Zwischen Parkplätzen, Verwaltungsgebäuden und den Außenmauern von St. Peter entlang. Und dann geht’s links durch eine Öffnung in einer Mauer ein paar Stufen hinab direkt in den Friedhof.
Mitten in der Stadt: Eine kleine Oase der Ruhe. Ein ehrwürdiger alter Friedhof. Bis heute haben manche Mitglieder der Erzbruderschaft zur schmerzhaften Muttergottes (Mater Dolorosa) der Deutschen und Flamen hier ein Begräbnisrecht. Eine deutsch- und flämischsprachige katholische Gemeinschaft, gegründet im Jahre 1454. Auch eine Kirche gehört dazu, in der der durch Michael Triegel modern ergänzte Cranach-Altar aus dem Naumburger Dom nach wie vor im „Kirchenasyl“ weilt (wir berichteten).
Die Geschichte des Friedhofs und auch der Gesellschaft war über die Jahrtausende hinweg natürlich turbulent. Das alles kann man auf Wikipedia nachlesen, ich will es hier gar nicht wiederholen. Bei meinem Besuch berührten mich vor allem zwei schlichte Sätze auf der Tafel am Eingang zu diesem besonderen Ort: „Errichtet auf dem Gelände des neronischen Zirkus. Hier erlitten im Jahre 67 Christen das Martyrium.“
Der Kontrast zwischen dem grausamen Tod, den unsere Glaubensgeschwister vor knapp 2000 Jahren genau hier erlitten, und der größten und wichtigsten Basilika der Welt direkt daneben (und teilweise über dem vermuteten Gelände des Zirkus) ließ mich, wie soll ich sagen, den Atem der Geschichte spüren. Klingt pathetisch, aber ja: Hier, an diesem Ort, waren Menschen für ihren Glauben gestorben, der Überlieferung nach sogar Petrus selbst, doch das ist unsicher. Zwischen 200 und über 900 Menschen ließen hier ihr Leben.
Doch der von Nero erhoffte Effekt blieb teilweise aus: Statt die Christen auszugrenzen, die er für den Brand Roms verantwortlich machte, regte sich eher Mitleid in der Bevölkerung – und sogar Neugier auf diesen Glauben. Vielleicht waren diese und andere staatliche Verfolgungen sogar die Grundlage dafür, dass unser Glaube bekannter wurde. Jedenfalls: Neros Zirkus ist Vergangenheit und der Ort wird heute vom großen, prachtvollen Petersdom überragt. Ein später „Sieg“ des Christentums, auch wenn mir das Wort Sieg unpassend erscheint, denn auch das Christentum hat in den Jahrtausenden seitdem oft genug nicht den Weg der Liebe gewählt, sondern der Gewalt, der Macht und Unterdrückung. Aber das ist eine andere, schmerzhafte Geschichte.
Hier, an diesem historischen Ort, beschäftigte mich die Frage: Was, wenn diese Menschen damals nicht bereitwillig in den Tod gegangen wären? Singend und betend, heißt es in manchen Erzählungen, doch die Details verschwimmen im Nebel der Vergangenheit.
Was, wenn sie sich alle versteckt hätten, geflüchtet wären? Was, wenn sie nicht mutig ihren Glauben bekannt hätten? Nun, ich denke, der Heilige Geist hätte andere Wege gefunden.
Eine ganz persönliche Frage bleibt: Wäre ich so mutig wie unsere Glaubensgeschwister damals? Wären Sie es? Hoffen wir, dass wir es nie herausfinden müssen. Und hoffen und beten wir, dass wir Christ:innen heute zur Versöhnung beitragen und niemals mehr zum Leid und zur Verfolgung anderer.





