Zerbrochenes mit Goldlack neu verbinden

Haragayato - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50344039
Im japanischen Kintsugi werden zerbrochene Teile eines Gefäßes mit einem Goldlack wieder zu etwas Neuem verbunden.
Gottes Osterhandeln
Zerbrochenes mit Goldlack neu verbinden
Karfreitag scheint alles zerbrochen, doch an Ostern erhält das Zerbrochene durch Gottes Ja zum Leben neuen Glanz. Ostern als Ermutigung, Brüche im Leben anzunehmen und zu integrieren. Ein Blog-Beitrag von Dr. Wolfgang Schürger.

Zu Tode betrübt - himmelhoch jauchzend. Beides liegt für uns Christenmenschen an Ostern nur wenige Tage auseinander. Wenn wir Karfreitag begehen, dann wissen wir bereits, dass der Tod nicht das letzte Wort haben wird, wir kennen die Geschichte vom Ostersonntag.

Die existenzielle Tiefe nachzuempfinden, mit der der Karfreitag in das Leben der Jüngerinnen und Jünger Jesu eingebrochen ist, ist daher gar nicht so einfach, wenn nicht unmöglich. Viele - zumal aus dem engsten Kreis um Jesus - hatten ja alles verlassen, ihr altes Leben aufgegeben, um mit Jesus unterwegs zu sein, seiner Vision eines neuen, erfüllten Lebens zu folgen. Als große Gemeinschaft wollten sie leben - jetzt war diese Vision zerbrochen. Mehr noch, die Angst stand im Raum, dass sie selbst genauso verfolgt und getötet werden könnten wie Jesus. Erst allmählich wächst bei den Jünger:innen nach dem Ostersonntag die neue Gewissheit, dass der Weg eines neuen, versöhnten Miteinanders weitergeht.

Karfreitag und Ostersonntag, so hat es Barbara Maurus formuliert, die Gemeindereferentin des Pfarrverbandes Menzing, in dem ich dieses Jahr die Andacht zur Todesstunde mitgefeiert habe, das ist die Ermutigung Gottes, die Brüche im eigenen Leben anzunehmen, ja mehr noch, sie zu integrieren und Neues wachsen zu lassen.

Sie hat die Dynamik des Osterfestes mit der japanischen Kunst des Kintsugi verglichen: Bei Kintsugi werden zerbrochene Porzellangefäße mit einem speziellen Klebstoff, dem Urushi-Lack, wieder zusammengesetzt. Die Brüche bleiben dabei sichtbar, der Urushi-Lack wird integraler Bestandteil des neuen Kunstwerkes. Er wertet das Kunstwerk sogar erheblich auf, denn Goldfasern oder Goldpartikel sind ein wesentlicher, sichtbarer Bestandteil dieses Lackes.

„Gott verbindet Zerbrochenes mit goldenen Fasern“, dieses Bild beeindruckt mich, ich finde, es passt wunderbar zu der Lichtdynamik des Ostermorgens, die wir in der Osternacht jedes Jahr neu erleben (so denn die Osternacht wirklich am Morgen des Ostersonntags und nicht am Abend des Karsamstags gefeiert wird). Zerbrochenes wird nicht ungeschehen gemacht, die Spuren des Leides und des Todes bleiben sichtbar - am Leib des auferstandenen Christus, aber sicher auch in den Erzählungen der Jünger:innen nach Ostern. Doch Gottes großes Ja zum Leben lässt diese Spuren in einem anderen Licht erschienen. Gottes großes Ja zum Leben knüpft Goldfäden in diese Spuren, bringt strahlenden Glanz in die Brüche des Lebens.

Für uns, die wir auf der Nordhalbkugel dieser Erde leben, sind Osterfest und Frühjahrsbeginn eng miteinander verbunden. Die Natur erwacht zu neuem Leben, das lässt sich diese Tage überall beobachten. Wer genau und achtsam hinsieht, nimmt wahr, wie viele Wunden und Brüche es bei und an den Naturwesen gibt, die uns umgeben: ein vom Sturm abgebrochener Ast, eine tiefe Furche im Hang vom letzten Starkregen geschlagen - und um sie herum sprießt das neue Leben. Ein Baum reagiert auf bestimmte Verletzungen mit einer starken Holzwallung, eine Baumperle entsteht, weithin sichtbar, und gibt dem Baum ein ganz charakteristisches Aussehen. Abgefallene Baumperlen sind poliert wunderschöne Kunstwerke.

Auch menschliches Leben ist ganz selten ohne Brüche oder Verletzungen - im queeren Leben gibt es vielleicht sogar noch ein paar mehr als bei anderen. Ich gehöre selbst noch zu einer Generation von Queers, in der es für viele einen deutlichen existenziellen Bruch bedeutete, sich von heteronormativen Familienvorstellungen verabschieden zu müssen. „Dann werde ich also keine Enkel haben“, war eine der ersten Reaktionen meiner Mutter auf mein Coming Out.

Karfreitag und Ostern sind die Ermutigung, gegen alle Trends unserer Gesellschaft zu den Brüchen zu stehen, die in unseren Biografien zu finden sind, die Spuren, die sie in unserem Gesicht hinterlassen haben, nicht zu photoshoppen, sondern sie allenfalls mit Goldfäden zu betonen. Goldfäden, die uns mit Gottes großem Ja zum Leben geschenkt sind, Goldfäden, die zusammen mit dem Klebstoff im Lack des Urushi die Bruchstücke unseres Lebens zu einem wertvollen, unverwechselbaren, von Gott geliebten Ganzen werden lassen. Neues, gelingendes Leben trotz und angesichts aller Spuren des Todes und des Scheiterns. Frohe und gesegnete Ostern!

weitere Blogs

Nächstenliebe ist so wichtig, dass man dafür jedes Tempolimit überschreiten sollte....
„Frankenapostel“ Kilian, Kolonat und Totnanals Playmobil Heilige im Dom von Würzburg
Zum Katholikentag in Würzburg gibt es die drei Frankenapostel in einer außergewöhnlichen Edition
Adam und Eva. Christian und Collien. Schuld und Wut. Die Verantwortung muss die Seite wechseln.