Das Buch "Liebe ist halal" porträtiert in einer Vielzahl von Beiträgen persönliche Lebensgeschichten queerer muslimischer Personen. Gleichzeitig wird auch die schwierige gesellschaftliche und religiöse Situation von queeren Moslems aus verschiedenen Ländern dargestellt. Carolin Leder und Tugay Saraç haben den Sammelband herausgegeben.
In dem Buch wird deutlich, dass mehrheitlich islamisch geprägte Länder vor allem als patriarchale Gesellschaften funktionieren. Zur patriarchalen DNA gehört ein problematisches Frauenbild und die Tatsache, dass ein Großteil islamischer Gelehrter und Wortführer queere Identitäten und Lebensweisen als Sünde ablehnen. Sie betonen die Unvereinbarkeit religiöser und queerer Identitäten, so wie es konservativ ausgerichtete Auslegungen des Korans vorgeben. Die Ablehnung queerer Moslems führt zu großen persönlichen Herausforderungen, familiären Verwerfungen, gesellschaftlicher Kriminalisierung und Ausgrenzung. Von all diesen Schwierigkeiten und Problemen wird in dem Buch berichtet. Die Themen werden dabei sowohl wissenschaftlich als auch biografisch aufgearbeitet.
Gleichzeitig wird an konkreten Beispielen gezeigt, wie sich queere muslimische Communitys in Berlin und anderswo organisieren und in speziellen Anlauf- und Beratungsstellen Unterstützung anbieten. Dabei wird stets eine inner-islamische Perspektive eingenommen. Säkular oder religiös, die Analyse des Themas „Islam und Queerness“ geschieht in dem Sammelband von innen heraus und ist daher so wertvoll und ermutigend.
Der Islam wird nicht pauschal kritisiert und es werden auch keine islamfeindlichen oder rassistischen Parolen ausgegeben. Stattdessen werden die vielfältigen Herausforderungen mit Sachverstand beleuchtet. Der intersektionale Zusammenhang zwischen Migration, Islamfeindlichkeit, Rassismus und Queerfeindlichkeit wird an realen Lebensgeschichten verdeutlicht und gleichzeitig reflektiert.
Darüber hinaus wird die progressive und inklusive Ibn Rushd-Goethe Moschee als ein Ort vorgestellt, an dem Männer und Frauen gleichberechtigt miteinander beten und an dem sich gläubige und säkulare queere Muslime treffen können und respektiert werden, so wie sie sind.
Im Herbst 2025 habe ich Tugay Saraç und Berfin Çelebi (hier auf Instagram) bei einer Lesung aus dem Buch „Liebe ist halal“ an der Universität in Mainz erlebt. Die beiden erzählten aus ihrem Leben, berichteten von Freude und Leid nach ihren jeweiligen Coming-out-Erfahrungen als schwul bzw. trans in unterschiedlichen muslimischen Familien und Gemeinden. Die anschließende Diskussion war geprägt von lebendigem Austausch, neugierigen Wissensfragen und kritischen Kommentaren. Eine muslimische Studentin aus dem Publikum fasste den Abend so zusammen:
„Ich war skeptisch. Aber heute Abend habe ich viel über das Thema gelernt. Solche Lesungen müssen häufiger stattfinden, damit nicht ideologische Debatten über die Köpfe der Betroffenen hinweg geführt werden, sondern die Leute selbst zu Wort kommen. Das verändert die gesamte Diskussion darüber und macht sie menschlich.“
Was ich an dem Abend gelernt habe und was auch im Buch nachgelesen werden kann: Tugay Saraç ist schwuler Aktivist und lebt in Berlin. Er ist Bildungsreferent an der Ibn Rushd-Goethe Moschee und hält Vorträge und Lesungen zum Thema Islam, Queerness und Diversität. Er erzählte uns an dem Abend von seiner eigenen Geschichte. Er kam als kleiner Junge mit seiner Familie aus der Türkei nach Deutschland. Tugay stammt aus einer türkisch konservativen Familie.
Sein Vater machte ihm früh klar, dass Homosexualität Sünde sei und er ein richtiger Mann werden müsse. Die Geschlechterrollen waren in der Familie klar verteilt und am patriarchalen Weltbild ließ das Familienoberhaupt keinen Zweifel. Sein Vater verstarb allerdings früh an einem aggressiven Krebsleiden. Der Vater war davon überzeugt, dass der Krebs die Strafe Gottes dafür war, dass er seine Ehefrau geschlagen hatte. Dieser strafende Gott setzte sich auch in Tugays Weltbild fest. Es führte dazu, dass sich Tugay immer mehr radikalisierte und sich im Internet einem salafistischen Forum anschloss. Dort wurde ebenfalls unmissverständlich formuliert, dass Homosexualität eine Sünde gegenüber Allah sei. Turgay bekämpfte sich und seine Gefühle die nächsten Jahre mit aller Schärfe. Er verleugnete seine frühe Erkenntnis, dass er sich in Männer verliebte und tat alles dafür, um „normal“ zu werden. Er lernte beten und betete irgendwann weit über das vorgeschriebene Maß hinaus. Nach dem Pflichtgebeten schloss er zwei Bittgebete an:
„Ich bat Gott um Gesundheit für meine Mutter und meine Schwester. Meine zweite Bitte war, dass Gott mich von meiner Homosexualität befreien solle.“ (S. 206)
Turgay wurde ganz besessen davon, ein besserer Moslem zu werden und betete und fastete und hielt sich auch sonst sklavisch an alle Regeln. Erst später begriff er, dass er sich dabei immer weiter radikalisierte und nicht mehr den Regeln des Islam folgte, sondern Hasspredigern diente.
Einige Jahre später begann er kritische Fragen zu stellen und andere muslimische Stimmen zu lesen und zu hören. Er musste sich dafür erst einmal komplett vom Islam abwenden, bis seine Tante, die Frauenrechtlerin und Rechtsanwältin Seyran Ateş die Ibn Rushd-Goethe Moschee gründete.
Bis dahin hatte er seine Informationen fast ausschließlich aus islamistischen Foren erhalten. Die Gespräche mit seiner Tante und anderen Mitgliedern der progressiven und inklusiven Moschee in Berlin veränderten für Turgay alles. Er half von da an beim Aufbau der Moscheegemeinde, wurde ehrenamtlicher Helfer und lernte langsam aber stetig einen barmherzigen Gott und eine ganz andere muslimische Sicht auf Identität und Sexualität kennen. Mittlerweile berät und unterstützt er selbst andere Muslim:innen, wenn diese Fragen zu ihrer Identität oder Sexualität haben. Turgay wurde Teil der Anlaufstelle „Islam und Diversität“ und Mitinitiator der Aufklärungskampagne „Liebe ist halal“ , die schließlich auch zum Erscheinen des Buchs geführt hat.
Berfin Çelebi erzählte an dem Abend von ihrem Weg als muslimische und kurdische Person. Sie konnte erst nach ihrem Umzug von Düsseldorf nach Berlin endlich sie selbst sein. Sie musste weg von Zuhause und weg von der kurdisch-muslimischen Community, um schließlich zu sich selbst stehen zu können und ihre Transition zu beginnen. Nach vielen Jahren der Selbstsuche, Selbstverleugnung, nach Zweifeln, Verstecken und Scham ist sie in Berlin endlich bei sich selbst angekommen. In der Ibn Rushd-Goethe Moschee hat sie sogar gelernt, mit anderen Muslim:innen zu beten, ohne sich verstecken zu müssen.
„Eine Moschee zu finden, in der ich meine Religion ausleben kann, ohne verurteilt zu werden, war für mich bis dahin unvorstellbar gewesen. An keinem Ort habe ich mich so verstanden gefühlt wie in der Ibn Rushd-Goethe Moschee. Einem Ort, an dem ich nicht nur die muslimische, kurdische Drag Queen sein kann, sondern dafür sogar zelebriert werde.“ (S. 150)
Berfin ist in der Moschee unter anderem als Bildungsreferentin zum Thema „Islam und Diversität“ tätig und hat über ihre persönlichen Erfahrungen einen Beitrag in dem Sammelband geschrieben. Darüber hinaus ist sie als Drag Queen in den Sozialen Medien unterwegs. Hier zu sehen auf Instagram . Siehe auch die stern TV Dokumentation vom 16.8.2024 oder auf Tiktok
Turgay und Berkin sind nur zwei von vielen Autor:innen des Buchs, die Interessierten das Thema Queer und Islam persönlich, gesellschaftlich und religiös in ganz verschiedenen Facetten näher bringen. Beiträge zu einer „Queer-muslimischen Bildung“, zu „Islam, Devianz und Heteronormativität“ und einem Exkurs zu „Frauen im Iran“ vervollständigen diesen vielschichtigen Sammelband. Ich kann das Buch allen Interessierten am Islam und dem Zusammenhang von Queerness und Islam nur empfehlen!
Zum Weiterlesen:



