Versöhnung vom Rande her

Queere Gläubige beim ÖRK
Queere Christ:innen aus der ganzen Welt nehmen aktiv an der Vollversammlung des ÖRK teil.

© Kerstin Söderblom

Herausgeber und Herausgeberinnen präsentierten die Broschüre "Reconciliation from the Margins" Queere Christ:innen aus der ganzen Welt nehmen aktiv an der Vollversammlung des ÖRK teil.

Versöhnung vom Rande her
Queere Christ:innen aus der ganzen Welt nehmen aktiv an der Vollversammlung des ÖRK teil. Sie zeigen Gesicht und setzen sich für Respekt, Gleichberechtigung und Versöhnung ein.

Das Thema der 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen in Karlsruhe ist "Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt." Auch queere Christ:innen aus der ganzen Welt nehmen aktiv daran teil. Sie zeigen Gesicht und tragen dazu bei, dass ihre Lebenserfahrungen vom Rand in die Mitte kommen und gehört werden. Damit leisten sie ihren Betrag dazu, dass sich Menschen aus aller Welt und aus ganz verschiedenen Glaubenstraditionen begegnen und versuchen zu verständigen.

Seit dem 31. August 2022 treffen sich über 4000 Menschen aus 350 Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK). Darunter sind offizielle Delegierte der Mitgliedskirchen, Beobachter:innen, Verantwortliche für die verschiedenen Stände im Begegnungsbereich vom "Brunnen", dem Marktplatzbereich des ÖRK, Teilnehmende an unterschiedlichen Begegnungsprogrammen und Tagesgäste.

Unter ihnen sind auch die "Rainbow Pilgrims", die Regenbogenpilger:innen. Es sind über 20 queere Gläubige aus allen fünf Kontinenten. Sie repräsentieren verschiedene Kulturen, Glaubenstraditionen und Denominationen. Dazu kommen noch weit mehr als zehn Freiwillige, die zeitweise die Arbeit der Rainbow Pilgrims unterstützen. Und auch bei der Vorkonferenz junger Erwachsener (27.-30.8.2022) gab es zahlreiche queere junge Menschen, die ihren Glauben und ihr Queersein thematisierten und Respekt und Gleichberechtigung für alle forderten.

Die "Rainbow Pilgrims" sind auf der Vollversammlung dabei und zeigen als queere Gläubige an unterschiedlichen Orten Gesicht. Wenige sind offizielle Delegierte ihrer Kirchen. Die meisten sind Freiwillige, die verbindlich in dieser Zeit verschiedene Aufgaben für die Rainbow Pilgrims übernehmen: Einige machen Standarbeit am Stand der Rainbow Pilgrims im Begegnungsbereich des "Brunnen".

Andere nehmen an Podiumsdiskussionen zu verschiedenen Themen rund um queer und christlicher Glaube im parallel stattfindenden Begegnungsprogramm des Zentrums "Frauen, Männer, Familien und Geschlechtervielfalt" teil. Wieder andere sind offizielle Mitglieder der Ökumenischen "Reference Group on Human Sexuality" (RGHS). Sie sind Mitglieder einer vom ÖRK offiziell eingesetzten Arbeitsgruppe, die seit der Vollversammlung in Busan 2013 regelmäßig getagt haben. Ziel war es, ein gemeinsames Dokument zu menschlicher Sexualität zu veröffentlichen. Tatsächlich gibt es seit Frühjahr 2022 ein vorläufiges Dokument, das die bisherige Arbeit zusammenfasst. Es ist auf der Vollversammlung weiter von der Reference Group bearbeitet worden. Es ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu mehr Offenheit, über kontroverse Themen rund um menschliche Sexualität und sexuelle Orientierung zu sprechen. Der Titel des Dokuments: "Conversations on the Pilgrim Way: Invitation to Journey Together on Matters of Human Sexuality." Es wird auch ins Deutsche übersetzen werden.

Das Dokument bildet einen Kompromiss aus der Jahre langen Arbeit rund um das Thema "menschliche Sexualität" ab. Am umstrittensten ist dabei der Umgang mit Homosexualität in den verschiedenen Kirchen und Frömmigkeitstraditionen. Es ist ein Ringen um den biblischen Befund und um Verständigung, ein Kampf gegen Diskriminierung und ein ständiger Einsatz gegen Vorurteile und Stereotypen. Schlussendlich ist es der Versuch sich gegenseitig zuzuhören und zu respektieren, dass Menschen in diesem Themenfeld sehr unterschiedlicher Auffassung sind. 

"Versöhnte Verschiedenheit" ist ein Motto dieser Prozesse.

"We agree to disagree -  "wir sind uns einig, nicht einig zu sein", ein anderes.

Offiziell verabschiedet ist dieses Dokument noch nicht. Dafür sind die Positionen in den Mitgliedskirchen zu unterschiedlich. Aber der Text existiert und wird für weitere Diskussionen und für die zukünftige Arbeit des ÖRK zur Verfügung stehen. Auch die Reference Gruppe wird hoffentlich beauftragt werden weiter zu arbeiten. Das ist ein großer Erfolg, wissen alle, die schon länger beim ÖRK dabei sind. Seit beim ÖRK im Jahre 1998 in Harare/Zimbabwe mit queeren Gläubigen vom Europäischen Forum christlicher LGBT+ Gruppen und Mitgliedern der Metropolitan Community Church über das Thema geredet wurde, und in Porto Alegre (2006) und Busan (2013) immer mehr queere Gläubige sich getraut haben, sichtbar zu diesem Thema Workshops und Side Events anzubieten, hat sich viel getan. Aber es gibt auch noch viel zu tun, da Konflikte und Auseinandersetzungen um diese Themen weiterhin groß sind.

Nach meiner Erfahrung sind Lebensgeschichten über verschiedene sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten im ökumenischen kirchlichen Kontext oft hilfreicher als theologische Positionen. Denn diese sind oft verhärtet und stehen sich unerbittlich gegenüber. Daher arbeiten die "Rainbow Pilgrims of Faith" vor allem mit lebensgeschichtlichen Zeugnissen von christlichen queeren Gläubigen aus der ganzen Welt.

Kurz vor der Eröffnung der 11. Vollversammlung in Karlsruhe, kam dazu eine neue Veröffentlichung heraus: "Reconciliation from the Margins", "Versöhnung von den Rändern her". Die Broschüre umfasst eine Einführung in queere Theologie in Verbindung zu verschiedenen Lebensgeschichten. Das Herzstück der Veröffentlichung sind 28 Lebenszeugnisse von queeren Gläubigen aus allen fünf Kontinenten. Es sind lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, intersexuelle und non-binäre Perspektiven, die vom Rande her versuchen ihren Beitrag zur Verständigung und Versöhnung beizutragen. Die Autor:innen gehören zu ganz verschiedenen christlichen Konfessionen und Kirchenfamilien weltweit und haben in ihren Heimatländern sehr unterschiedliche Erfahrungen mit ihrem Queersein gemacht. Sie alle erzählen von Konflikten, Krisen und Hoffnungsmomenten. Sie geben konkrete Beispiele, wie sie versuchen ihre Lebensform, ihre Geschlechtsidentität und ihren Glauben miteinander zu versöhnen und welche Rolle dabei ihr Glaube spielt. Es sind berührende Lebenszeugnisse, die die Vielfalt queerer Lebens- und Glaubensgeschichten eindrücklich beleuchten. Die Broschüre ist in zehn Sprachen erschienen. Am Ende dieses Beitrags sind die Links zu den verschiedenen Übersetzungen zu finden.

Im Canisiushaus, in einem katholischen Gemeindehaus und Kindergarten in Karlsruhe, hat das Begegnungsprogramm des "Zentrums für Frauen, Männer, Familien und Geschlechtervielfalt" während der Vollversammlung seine Tore geöffnet. Dort nehmen viele Rainbow Pilgrims an Podiumsdiskussionen teil. Zum Beispiel zu Themen wie: "Homosexualität und theologische Positionen", "Regenbogenfamilien und die Bibel", "Zusammenhang von Rassismus und Homo-/Transfeindlichkeit", "Spirituelle Gewalt gegen LGBTIQ+ Personen", "Toxische Männlichkeit" und vieles mehr.

Andere Rainbow Pilgrims arbeiten als Seelsorger:innen für Menschen, die rund um Fragen zu queer und Glauben Beratung brauchen. Hinzu kommen regelmäßige Andachten und Gottesdienste. Am Sonntag, den 4.9., dem Exkursionstag des ÖRK, wurde eine Exkursion nach Stuttgart mit queerer Stattführung, Begegnungsprogramm und queerem ökumenischen Gottesdienst angeboten. Das Programm wurde von Mitgliedern von "Salz der Erde", der MCC Gemeinde Stuttgart, Zwischenraum Stuttgart und Mitgliedern vom "Katholischen Gottesdienst mit Schwulen und Lesben" vorbereitet. Die evangelische Pauluskirchengemeinde in Stuttgart hat die Regenbogenpilger:innen eingeladen und herzlich empfangen.

Seit der 10. Vollversammlung in Busan/Südkorea 2013 haben sich die "Rainbow Pilgrims of Faith" als "Global Coalition" zusammengeschlossen. Und seitdem haben sie sich in regelmäßigen digitalen Treffen intensiv auf diese Vollversammlung vorbereitet. 

Ich selbst bin seit der Vollversammlung von Porto Alegre/Brasilien (2006) dabei. Nach meiner Erfahrung hat sich seitdem viel verändert. Queere Christ:innen aus allen Kontinenten sind sichtbarer und lauter geworden. Viele Mitgliedskirchen haben mittlerweile gleiche Rechte für ihre queeren Mitglieder. Allerdings gibt es in anderen Kirchen weiterhin Vorurteile, Diskriminierung und theologische Positionen, die queere Gläubige abwerten oder für sündig erklären. Gleichzeitig gibt es aber auch immer mehr unterstützende "Allies", also heterosexuelle und cis-geschlechtliche Menschen, die queere Gläubige im kirchlichen und außerkirchlichen Bereich unterstützen und sich für Schutz und Gleichberechtigung von Minderheiten einsetzen. Viele Gespräche und Begegnungen beim ÖRK in Karlsruhe sind ermutigend und zeigen, dass es sich lohnt, sich weiterhin im Rahmen des ÖRK'''  s für gleiche Rechte, Verständigung und Versöhnung einzusetzen.

Darüber hinaus bilden die Rainbow Pilgrims of Faith nach meinem Erleben so etwas wie einen eigenen Miniatur-Weltkirchenrat ab. Denn die Mitglieder vertreten alle fünf Kontinente, verschiedene kulturelle Hintergründe, diverse Glaubenstraditionen und Denominationen. Sie feiern tägliche Andachten, diskutieren theologische Themen, tauschen sich jeden Abend über das Erlebte aus, essen miteinander und unterstützen einander in schwierigen Situationen. Das ist eine wunderbare und stärkende Erfahrung. 

Die Rainbow Pilgrims werden sich auch weiterhin im Rahmen des ÖRK dafür einsetzen, dass Konflikte, Diskriminierungen und spirituelle Gewalt gegenüber queeren Gläubigen und gegenüber anderen Minderheiten benannt, theologisch reflektiert und beendet werden. Denn Versöhnung kann nur gelingen, wenn sich alle für Gerechtigkeit einsetzen, ohne Minderheiten auszulassen. Das kann nur gelingen, wenn sich alle Seiten aktiv daran beteiligen, Verantwortung für ein respektvolles und sicheres Umfeld für alle zu übernehmen. Sonst bleibt vom Motto der Vollversammlung in Karlsruhe nichts mehr übrig.

 

Zum Weiterlesen:

Conversations on the Pilgrim Way: Invitation to Journey Together on Matters of Human Sexuality. A Resource for Reflection and Action Received by WCC Central Committee at a meeting held 9-15 February 2022 by video conference

Kerstin Söderblom, Pearl Wong, Misza Czerniak, Martin Franke-Coulbeaut Hg.): Reconciliation from the Margins. Queer people of faith telling their stories (2022)

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Pressemittelung: Diverse und gleichgeschlechtlich Liebende begleiten den ÖRK in Karlsruhe (31. August 2022)

Pressemitteilung: Rainbow Pilgrims speak out on churches, sexuality, diverse families and new masculinities ( 3. September 2022)

 

 

 

 

 

 

 

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