Die Schuldfrage

Schuld

© Kerstin Söderblom

Wer ist an der Corona-Pandemie schuld?

Die Schuldfrage
Wenn von Unglück und Schicksalsschlägen gesprochen wird, wird meistens auch die Schuldfrage gestellt. Auch in der aktuellen COVID-19-Pandemie äußert sich das tiefsitzende Bedürfnis, irgendjemanden dafür zur Verantwortung zu ziehen.

"Irgendjemand muss schuld sein." 

Das ist die Logik scheinbar einfacher Wahrheiten. Das war auch schon die Logik in biblischer Zeit. So wurde zum Beispiel vom gläubigen und wohlhabenden Hiob erzählt. Er wurde zum Spielball einer Wette zwischen Gott und dem Satan. Sie wollten schauen, ob er auch gläubig bleiben würde, wenn er alles verlieren würde. So verlor Hiob seinen Wohlstand, seine Viehherde, seine Familie und wurde schließlich sogar selbst schwer krank. Hiob haderte mit Gott, klagte ihn an, schrie und tobte. Aber er verlor trotz allem nicht seinen Glauben an Gott. 

Als er schwer krank wurde, besuchten ihn drei seiner Freunde. Sie bleiben eine Woche bei ihm. Dann versuchten sie, Hiob sein Unglück zu erklären. Und es lief immer darauf hinaus, dass Hiob ihres Erachtens in seinem Leben etwas falsch gemacht haben musste. Er musste irgendwann und irgendwie schuldig geworden sein, weil ihm ein solches Unglück passiert war. Hiob widerstand diesen Anschuldigungen, und sein Ton gegenüber GOTT wurde lauter und dringender. Er war unschuldig und forderte Gott heraus. Hiob war klar: Gott hatte ihm Unrecht getan. Er schrie Gott an und rief: 

GOTT, wo bist du? Wieso tust du mir das an? Was habe ich falsch gemacht?

In der biblischen Geschichte kämpften und diskutierten Hiob und seine Freunde Kapitel für Kapitel über Schuld und Verfehlungen, bis Gott selbst mit Hiob sprach. Und er sagte sinngemäß:

Du hast nichts falsch gemacht, Hiob. Aber du und der Rest der Menschheit, ihr müsst wissen: Ich kann alles tun, was ich will. Meine Handlungen folgen keiner menschlichen Logik, keinem wissenschaftlichem Konzept. Das ist der Unterschied zwischen Mensch und GOTT. Aber was du auch wissen musst: Ich habe dir vertraut, genau wie du mir vertraut hast.

Während GOTT im Buch Hiob und anderswo in der Bibel die Logik des Schuld-Strafe-Zusammenhangs deutlich ablehnte, wird sie auch heutzutage noch von vielen aggressiv vertreten:

Stufe eins der Schuldsuche in der Corona-Krise geht zunächst vom Naheliegenden aus: Beschuldigt werden die Tierverkäufer auf dem Markt von Wuhan, die chinesischen Behörden, die lange Zeit alles vertuscht haben, die Verantwortlichen in Après-Ski-Hotspots wie Ischgl, Krankheits-Leugner wie lange Zeit Präsident Donald Trump und andere, Propagandist*innen einer neoliberalen Verknappung des Gesundheitswesens, Krisen-Spekulant*innen von medizinischen Gütern u.a. 

Während der zweiten Stufe der Schuldsuche wird gezielter gegen die vorgegangen, gegen die man sowieso etwas hat: Die einen behaupten, die Geflüchteten und Migrant*innen hätten das Virus eingeschleppt. Andere wissen angeblich genau, dass das Virus als Strafe Gottes für einen sündigen und nicht gottgefälligen Lebenswandel in die Welt gekommen ist. Schuld seien die Menschen, die Sex vor der Ehe haben, die untreu sind, die Abtreibungen vornehmen, die lesbisch, schwul, bi, trans* oder genderqueer sind und daher angeblich Gottes Gebote brechen.

In der Krise werden Sündenböcke gesucht und gefunden. Der Chef der "White House Bible Study Group" und evangelikale Pfarrer von Präsident Donald Trump im Weißen Haus Ralph Drollinger hält Schwule und Lesben für schuldig an der Corona-Krise. Der russisch-orthodoxe Metropolit Mark in Berlin und Deutschland sieht vor allem Trans*-Personen als Schuldige für die Corona-Krise an. Wieder andere geben Moslems, Juden und Jüdinnen die Schuld. Davor warnte der Antisemitismusbeauftragte der Baden-Württembergischen Landesregierung Dr. Michael Blume vor dem jüdischen Pessachfest und dem muslimischen Ramadan vor einigen Tagen ausdrücklich.

Wenn man in die Geschichte schaut, gehen diese vereinfachten Schuld-Modelle stets auf kosten von Schwachen, Fremden und Minderheiten. Bei Ausbrüchen der Pest oder anderer Krankheiten im Mittelalter waren es vor allem Juden und Jüdinnen, Ungläubige, Zauberer und Hexen oder Fremde, die man ins Visier nahm. Sie wurden für alles Elend der Welt verantwortlich gemacht und gnadenlos verfolgt, verhaftet, gefoltert und sogar ermordet. 

Anschuldigungen, Verfolgungen und Pogrome von Juden und Jüdinnen, politisch Andersdenkenden, chronisch Kranken, Behinderten, Lesben und Schwulen, queeren Menschen, Sinti und Roma ziehen sich seitdem bis in die Nazizeit in Deutschland hindurch. Heutzutage werden sie von religiösen Fundamentalist*innen, Rechtspopulist*innen und Neonazis erneut beschuldigt, genauso wie Moslems, queere Menschen und andere Minderheiten. Die Diskriminierungsstrukturen haben sich nicht verändert. Sie kommen nur im subtileren Gewand daher und nutzen die Aussagen von Pseudo-Wissenschaftler*innen und selbst erklärten Fachleuten, die häufig religiös verbrämte Vorurteile in ihren Botschaften verstecken.

Natürlich ist es wichtig, Verantwortlichkeiten im Umgang mit der Pandemie zu klären - ethisch, politisch und juristisch. Aber das durch die Pandemie verursachte Leid lässt sich nicht einfach im Modell eines Täter-Opfer-Denkens fassen. Die Realität ist viel komplizierter und komplexer als solche Modelle es nahelegen. Es gibt Erfahrungen von Leid, die sich allen menschlichen Vorstellungen und Schuldzuweisungen entziehen. Phänomene von Verzweiflung Krisen und Katastrophen sind vielfältiger als es ein eindimensionaler Zusammenhang nahelegt. 

Daher ist es umso wichtiger, über die Krise hinaus achtsam zu bleiben und solche Sündenbock-Theorien aufzudecken. Kritische Berichterstattungen und differenzierte Aufklärung sind dafür wichtig. Denn angesichts von Ängsten und Sorgen vieler Menschen erfahren Verschwörungstheorien enormen Aufwind. Sie werden vor allem in den sozialen Netzwerken tausendfach geteilt, geliket, weiter verteilt und für krude ideologische und selbstreferenzielle Thesen benutzt. Die Gefahr des offenen Hasses gegen all jene, die angeblich schuld an der weltweiten Krise sind, wird dadurch exponentiell erhöht. Nur durch kritische Untersuchungen und unermüdliche Aufdeckung dieser Verschwörungstheorien lässt sich verhindern, dass am Ende eine Minderheitengruppe gegen die andere ausgespielt wird und die Chefideolog*innen rechtspopulistischer, extremistischer und fundamentalistischer Theorien leichtes Spiel haben.

Denn eins ist wichtig im Kopf zu behalten: Die Corona-Krise ist keine Strafe GOTTES für dieses oder jenes menschliche Handeln oder Verhalten. Bei der Corona-Krise geht es nicht um Moral. Es geht um eine gefährliche und ansteckende Krankheit und um die unzähligen Bemühungen von Virolog*innen und medizinischen Fachleuten die Kranken zu heilen und einen Impfstoff zu finden. Darüber hinaus sind wir alle jedoch sehr wohl verantwortlich für eine Welt, die solidarisch handelt und für sozial ausgerichtete Gesundheitssysteme und einem ausgewogenen Ökosystem sorgt. Jeder und jede an ihrem Platz.

Zum Weiterlesen

Michael Blume: Warnung vor Verschwörungsmythen zu Pessach und Ramadan (8.04.2020)

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