Der wahre Geschlechterwahn

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Foto: Matthias Albrecht

Der wahre Geschlechterwahn
Der Kampf für Geschlechtergerechtigkeit soll eine Ideologie sein? Nein. Ideologisch ist, wie Geschlecht derzeit in unserer Gesellschaft normiert wird. Christ_innen sollten sich aufgerufen fühlen, diese Ideologie in Frage zu stellen.

Es war absehbar. Der neue Berliner Innensenator Dirk Behrendt will in der Senatsverwaltung Unisextoiletten einführen. Das sind Toiletten, die nicht wie zumeist üblich, nur von Frauen oder Männern besucht werden sollen, sondern von Personen jederlei Geschlechts frequentiert werden können. Diese Bedürfnisanstalten bieten etwa inter- oder transgeschlechtlichen Menschen die Möglichkeit ein WC auszuwählen, ohne sie dabei zu zwingen, eine Örtlichkeit betreten zu müssen, die für ihre Geschlechtlichkeit nicht gedacht ist und ohne dabei irritierte, diskriminierende oder belustigte Blicke erfahren zu müssen, die nichts Anderes als symbolische Gewalt sind. Kaum hatte der Politiker seinen Vorschlag ausgearbeitet, stürzte sich ein Teil der konservativen Presse und vieler eifriger Texter_innen in den Sozialen Medien auf das Ansinnen. Ideologisch motiviert und unsinnig lauteten die häufigsten Be- und besonders auch Abwertungen von Behrendts Idee.

Nun ist es keine Neuigkeit, dass der Kampf für Geschlechtergerechtigkeit als das Ansinnen einer vermeintlichen Ideologie verbrämt wird. Und auch Auseinandersetzungen darum, wer welche Toilette aufgrund welchen Geschlechts besuchen darf, sorgten schon in der Vergangenheit für Aufruhr, zuletzt besonders prominent in den USA. Was allerdings in öffentlichen Diskussionen und massenmedialer Berichterstattung kaum bis gar keine Aufmerksamkeit findet ist, wie hochideologisch Geschlecht überall an beinahe jedem Ort unserer Gesellschaft normiert wird. Es wirkt fast so, als wäre Geschlecht, eine ideologiefreie Konstante, die eben naturgegeben sei und deren Verhandlung überflüssig, ja sogar schädlich, weil widernatürlich wäre. Doch die so unscheinbar daherkommende vermeintliche Konstante Geschlecht wird stetig, immer wieder aufs Neue in Prozessen reproduziert, die sich größten Teils der Aufmerksamkeit entziehen.

Im Müsliladen lasse ich mir ein Probierpaket mit zwölf verschiedenen Sorten packen. Elf sind bereits drin. Minutenlang läuft die Verkäuferin durch den Laden und sucht eine weitere Sorte. Dann meint sie: "Mh, wir müssen wohl eine Sorte doppelt hineintun. Finde keine andere mehr." Sie guckt etwas betrübt. Mir wäre das ja im Grunde egal. Aus Interesse frage ich aber: "Was ist denn mit dem Granatapfel-Erdbeere-Müsli, geht das nicht?" Sie schaut mich verwirrt an und sagt: "Das ist für Frauen. Aber wenn Sie das unbedingt möchten."

Wieso sind nun Unisextoiletten eine Ideologie und geschlechtssegregiertes Müsli eine Normalität? Eine Normalität, über die kein Wort verloren wird, weder in den großen Zeitungen, noch bei Facebook, Twitter und Co. Wieso fällt es nicht auf, wie absurd es ist, ein Müsli mit Granatäpfeln Frauen zuzuordnen und das mit den Heidelbeeren den Männern? Wo sind da die vielen Kritiker_innen, die sonst vom Genderwahn reden? Und es hört ja längst nicht bei Müsli auf, ein kleiner Einkaufbummel genügt um einen Einblick in die wirre Welt der Geschlechterideologie zu gewähren. Da haben wir eine Auslage mit Bluerays für den Mädelsabend und Filmen für den Männerabend, das Überraschungs-Ei, jetzt endlich auch als Version für Mädchen, Frauen- und Männertee, "Madl"- und "Buben"-Gurken, Frauen- und Männersalz (danke an Phil Jahner für diese Beispiele), der SCM-Verlag gibt sogar eine Männer-Bibel heraus.

Immer wieder werden durch solche Produkte kategoriale Unterschiede behauptet. Immer wieder wird so eine Illusion der Zweigeschlechtlichkeit, der zwei Geschlechtscharaktere generiert. Und diese Illusion ist gefährlich. Über geschlechtssegregierte Produkte mag vielleicht noch gelächelt werden, doch das Selektieren von Menschen geht ja weit darüber hinaus. Schon bei der Geburt wird getrennt. In vielen Krankenhäusern erhalten Mädchen bis heute ein rosa und Jungen ein blaues Namensbändchen. Und diese Farben stehen für eine Markierung, die sich durch das ganze Leben zieht. Eine Markierung, die in Schubladen sortiert, Vielfalt negiert, die Menschen von ihren Gefühlen abschneidet, die zuschreibt, vorschreibt, wie ein Mensch zu sein hat und wie nicht. Eine Markierung, die nicht nur äußerlich bleibt, sondern sich tief in den Körper und die Seele des Menschen einbrennt.

Diese Markierungen sind nichts anderes als der Ausdruck einer Ideologie. Einer Vereinfachung der Welt, in Frau und Mann, in A und B, in 0 und 1. Dieser Versuch der Simplifizierung richtet sich gegen die Schöpfung. Ja, in der Bibel steht, im Buch Genesis, Gott schuf sie als Mann und Frau. Abgesehen davon, dass diese Verse auch so gelesen werden können, dass Gott den Menschen, also jeden einzelnen Menschen als Mann und Frau, eben als intergeschlechtliches Wesen schuf, abgesehen davon, frage ich mich, was für ein Kleinglaube spricht aus den Menschen, die in einem gottlosen Eifer bestreiten, dass Gott noch viel mehr als diese beiden Geschlechter geschaffen haben kann? In der Nachfolge Christi sind wir berufen, Gottes Schöpfung und zu allererst seine Ebenbilder, die Menschen, zu lieben, zu bewahren, zu schützen und das heißt auch ihre Vielfalt, die Vielfalt seiner Schöpfung, die Einzigartigkeit jedes seiner Kinder zu bejahen, zu fördern und alle Versuche ihnen Leid anzutun durch Gottes Hilfe und nach seinem Plan abzuwenden.

Der Hass auf Unisextoiletten kommt von denen, die weiter segregieren wollen. Ihr System, ihre Rosa-Blau-Ideologie gerät dadurch ins Wanken. Darum sind ein paar Toiletten im Gebäude des Berliner Justizsenators so wichtig und das Granatapfel-Müsli für die Frau nicht der Rede wert. Unsere Aufgabe ist es, diesen Mechanismus zu durchbrechen. Reden wir über das, was unterdrückt, was krank und unfrei macht. Lassen wir die zu Wort kommen, für die sogar eine Selbstverständlichkeit wie der Besuch einer öffentlichen Toilette zum Spießrutenlauf gerät, nur damit andere nicht auf die Ideologie verzichten müssen, in der sie es sich schon so gemütlich gemacht haben. Der Geist Gottes macht frei. Ich wünsche uns allen, dass wir diese Freiheit annehmen und nutzen können, um für Gottes Vielfalt, letztlich auch für die Vielfalt die er in Sie und mich ganz persönlich gelegt hat, streiten zu können. Gott stärke uns dafür!

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