Auch Kirchengebäude kommen in die Jahre und müssen renoviert werden. Und die Kunstwerke, die sich darin befinden, brauchen gelegentlich eine sorgfältige Auffrischung. Erinnern Sie sich noch an die Dame, die 2012 das Werk „Ecce homo“ von Elías García Martínez erneuerte? Ihre, nun ja, „eigenwillige Interpretation“ ging als „Ecce Monchichi“ durch die sozialen Medien und auch durch diesen Blog.
Nun, diesmal war es kein Monchichi. In der altehrwürdigen Kirche San Lorenzo in Lucina in Rom finden derzeit Bauarbeiten statt, was knapp eintausend Jahre nach der Erbauung durchaus mal vorkommen kann.
Doch was war das? In einer Seitenkapelle der Kirche wurde ein Engel entdeckt, dessen Gesicht eindeutig die Züge der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni trägt, die für ihren harten rechten Kurs bekannt ist und sicher nicht gerade eine Ikone kirchlicher Milde darstellt.
Zwar bleibt die römisch-katholische Kirche in Italien relativ parteipolitisch neutral zur hart rechten italienischen Regierung, kritisiert aber durchaus deutlich deren Migrations- und Flüchtlingspolitik. Diese sei mit der katholischen Soziallehre schwer vereinbar.
Doch offenbar hat Meloni auch in der Kirche durchaus ihre Anhänger. Anders ist das ministerpräsidiale Engelsgesicht ja kaum zu erklären.
Bruno Valentinetti ist der Küster der Kirche und talentierter Restaurator, der auch schon in der Sixtinischen Kapelle gearbeitet hat. Er hat 2023 in einjähriger Arbeit eines der Gemälde aus dem Jahr 2000 restauriert, das zwei Engel zeigt, die die Marmorbüste von Umberto II. von Savoyen flankieren. Erst jetzt kam heraus: Einer der beiden Cherubim stellt die Ministerpräsidentin dar, bis ins kleinste Detail. Valentinetti grinst und behauptet: Der Engel mag zwar Meloni ähneln, aber es sei nicht die Ministerpräsidentin. Die zweite Figur sei übrigens einer „alten Flamme“ von ihm nachempfunden. Seine Sympathien für rechte Politik jedoch verbirgt er gar nicht erst, schwärmt von einem Restaurierungsauftrag im Palazzo von Berlusconi. Und ergänzt: „Ich kann zeichnen, wen ich will, das war in der Kunst schon immer so, das hat auch Caravaggio gemacht. Und wer hat Caravaggio jemals etwas gesagt? Und überhaupt ist das nicht Meloni.“ Er habe nur die Konturen der 25 Jahre alten Zeichnung wieder zum Vorschein gebracht.
Auch Pfarrer Daniele Micheletti schlägt in die gleiche Kerbe. Die beiden scheinen geradezu Spaß an der ganzen Sache zu haben. „Das bedeutet nicht, dass wir Meloni-Anhänger sind. Vielleicht sind wir Meloni-Anhänger, aber wir sagen es nicht. Es gibt dort auch das Gesicht von Umberto II. – bedeutet das etwa, dass wir Monarchisten sind?“ Und schließlich seien schon immer Menschen in kirchlichen Gemälden festgehalten worden, also warum nicht Meloni? Und seit die Zeitung Repubblica von dem spektakulären Politikkunstfund berichtete, drängen sich die Neugierigen in der Kirche, sicher ein schöner Nebeneffekt im an Kunstwerken nicht gerade armen Rom.
Selbst Meloni äußerte sich persönlich auf Instagram zu dem Fall: „Nein, ich sehe definitiv nicht wie ein Engel aus.“
Mittlerweile haben sich sowohl die Denkmalschutzbehörde als auch der Vatikan und das Kulturministerium in die Sache eingeschaltet. Der Meloni-Engel ist wieder verschwunden. Aber ich bin mir sicher: Küster und Pfarrer hatten bis dahin den Spaß ihres Lebens.



