Eine junge Kollegin erzählt in einem Video über ihre Wut wegen der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Ein ältere, weiße, männliche Person kommentiert: „Wissen Sie, Wut ist ein schlechter Ratgeber“. Und - zack! - da ist auch meine Wut. Ich merke, ich möchte der Kollegin zur Seite stehen, denn hier zeigt sich die gute alte christliche Tradition, nach der nur die schönen Gefühle die richtigen und guten Gefühle sind. Aber Wut ist ein so wichtiges Gefühl!
Ich meine die Wut, nicht die Aggression, nicht den Hass, nicht Gewalt und nicht Zerstörung, nicht das, was nach außen geht, sondern das Innen. Dein Gefühl.
Wut hat keinen guten Stand. Wut ist negativ. Wut ist runterzuschlucken. Wütend sein, ist nicht gut.
„Sei doch nicht so emotional!“, sagen manche, wenn ich von einer Wut erzähle.
Es gibt die enttäuschte Wut auf andere und die frustrierte Wut auf sich selbst. Manchmal gibt es eine große Wut in einer Trauer. Es gibt Wut über das, was in der Welt und der Gesellschaft passiert. Diese Wut auszusprechen, ist heilsam und gut. Wut führt mich auf die Spur der Gerechtigkeit. Wut führt mich ins Handeln. Wut ist eine gute Ratgeberin. Sie ernst zu nehmen, heißt nicht, respektlos mit anderen zu kommunizieren. Aber ohne dieses Grundgefühl komme ich oft nicht auf des Pudels Kern, merke ich nicht, dass etwas nicht stimmt. Ohne diese Wut erlebe ich vages inneres Unbehagen, Magendrücken, einen Kloß im Hals, ein Unbestimmtheitsgefühl, ein unangenehmes Gefühl. Wut dagegen setzt etwas frei. Wut gibt mir Mut, Dinge auszusprechen, Dinge anzuschieben, zu bewegen. Sie gibt mir Mut, mich einzusetzen und nicht weg zu sehen.
Wut hat natürlich auch gefährliche Seiten. Sie kann zu verbissenem Zorn und zerstörerischem Hass werden. Sie kann selbstgerecht und selbstbezogen sein. Sie kann manipulieren und manipuliert werden. Wut geht nicht gut ohne Selbstreflektion. Ich muss lernen, zu unterscheiden. Ich muss sehen, was mein Anteil daran ist. Ich muss prüfen, ob tatsächlich etwas Unrechtes, etwas Ungerechtes passiert ist.
Und dennoch ist dies ein Statement für die Wut. Für eine persönliche Wutkultur. Wut im eigenen Leben willkommen zu heißen. Und sich nicht dafür zu schämen, sie nicht für etwas Schlechtes zu halten, sondern für einen Motor, einen Seismografen für Ungerechtigkeit, für Ungleichheit, für Unfairness, für Ungesehensein. Wut hilft mir. Sie öffnet mir die Augen. Sie gibt mir eine Spur.
Lasst uns die Wut zu den Gaben des Heiligen Geistes zählen und sie zu einer guten Ratgeberin erklären. Lasst uns lernen, sie zu reflektieren, sie zu verstehen, die eigenen Anteile zu erkennen und sie gewaltfrei zu kommunizieren. Lasst sie uns nicht neben die Angst und neben den Hass und neben Unheimliches sortieren, sondern neben die Liebe und die Barmherzigkeit und neben das Mitgefühl.
Wut ist der heiße Atem Gottes. Sie ist da. Sie will beachtet und gepflegt werden. Sie darf nicht zur Einzelgängerin oder zum Dauergast werden, sondern braucht Schwestern wie die Einfühlsamkeit und die Klugheit, die Geduld und die Demut. Zusammen sind sie ein Dreamteam.
#challenge: Beim nächsten Mal genau hinhören, was Dir Deine Wut sagen will.



