Adrienne Cecile Rich

Audre Lorde, Meridel Lesueur, Adrienne Rich (v.l.n.r.) im Jahr 1980.

Foto: K. Kendall/Wikimedia Commons/CC BY 2.0

Audre Lorde, Meridel Lesueur, Adrienne Rich (v.l.n.r.) im Jahr 1980.

Adrienne Cecile Rich
Die Toten erinnern und ehren, das ist das Thema vom Totensonntag, den viele Menschen letzten Sonntag begangen haben. Ich erinnere mich heute an Adrienne Cecile Rich. Sie war Mutter von drei Söhnen, Dichterin, jüdische Denkerin, lesbische Feministin und ein Vorbild für viele Frauen und Männer.

Letzten Sonntag war Totensonntag. In Kirchen wurden die Namen der im letzten Jahr Verstorbenen verlesen. Angehörige, Freundinnen und Freunde sind auf Friedhöfe gegangen, um Gräber zu besuchen, Blumen auf Gräber zu stellen oder Kerzen anzuzünden. Auch an anderen Orten haben viele an geliebte Menschen gedacht, die verstorben sind. Am Totensonntag zeigt sich exemplarisch, was für nicht wenige auch für den Rest des Jahres wichtig ist: Bewusst und achtsam leben im Angesicht des Todes. Das bedeutet für mich: Dankbar sein für jeden neuen Tag. Und die Toten nicht vergessen, sondern sie im Herzen behalten, sich im eigenen Leben immer wieder auf sie beziehen und sie erinnern.

In diesem Sinne denke ich heute an Adrienne Cecile Rich. Sie war ein Vorbild für mich, seitdem ich Studentin war und ihre Gedichte entdeckt habe. Sie ist es bis heute geblieben, obwohl sie bereits 2012 gestorben ist. In meiner Erinnerung ist sie noch sehr präsent.

Adrienne Rich wurde 1929 in Baltimore geboren und begann schon früh Gedichte zu schreiben. Mit 22 Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband "A Change of the World". Er wurde ausgezeichnet. Sie heiratete früh und gebar drei Söhne. Der Versuch die Söhne zu erziehen und gleichzeitig weiter zu arbeiten und zu schreiben, stellte sie vor eine Zerreißprobe, bei der ihr Man sie kaum unterstützte. Die konflikthaften Jahre als Ehefrau und Mutter prägten sie nachhaltig und begründeten schließlich ihr politisches und vor allem frauenpolitisches Engagement. Nach dem Tod ihres Mannes 1970 entdeckte sie ihre Liebe zu Frauen. Von 1976 bis zu ihrem Tod lebte sie mit der aus Jamaika stammenden Autorin Michelle Cliff zusammen.

Rich unterrichtete seit den sechziger Jahren an verschiedenen Universitäten und veröffentlichte literarische Essays, Gedichte und Artikel. Vor allem ihr Essay "Zwangsheterosexualität und lesbische Existenz" machten sie weit über die USA hinaus zur feministischen Ikone.

Ich erinnere mich an meine Studienzeit in Hamburg Ende der achtziger Jahre. Als ihr Artikel gemeinsam mit Essays und Gedichten von Audre Lorde auf Deutsch veröffentlicht wurde, stürzten wir uns auf ihre Texte. Sowohl Audre Lorde als auch Adrienne Rich wurden zu meinen Vorbildern. Die eine schwarz, Mutter von vier Kindern und aktiv in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und der feministischen Befreiungsbewegung, die sich gegen jede einengende Etikettierung wehrte. Die andere weiß, jüdischer Herkunft, Mutter von drei Kindern, die sich ebenfalls gegen Schubladendenken und Kategorisierungen wehrte.

Rich prägte den Begriff "Zwangsheterosexualität", um damit zu zeigen, dass Männer und Frauen gesellschaftlich keine Wahl hatten, sondern selbstverständlich in eine heterosexuelle Gesellschaft hinein sozialisiert wurden, ob sie das nun wollten oder nicht. Wahlmöglichkeiten für andere Lebensformen wurden weder in Familien noch in Schulen oder Kirchen vermittelt. Lesben und Schwule blieben die "nicht normale" Abweichung von der Regel. Lange Zeit wurden sie mit Hilfe von Gesetzen kriminalisiert, verleumdet oder ausgegrenzt. Weltweit geschieht das in über 70 Ländern immer noch.

Der zweite Begriff, den Rich geprägt hat und der bis heute diskutiert wird, heißt "lesbisches Kontinuum". Nach Rich ist die Bezogenheit von Frauen auf andere Frauen nicht nur auf Liebe und Sexualität beschränkt, sondern meint auch gegenseitige Unterstützung und Freundschaft. Sie ermöglicht emotionale Nähe zwischen Frauen unterschiedlicher sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität. Frauen tauschen ihre Ideen und Analysen aus, unterstützen sich gegenseitig und ermutigen sich auf ihren Lebenswegen. Denn finanziell und emotional unabhängige Lebenswege waren in den achtziger und neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhundert für Frauen immer noch schwierig. Sie sind es zum teil bis heute. Insofern bezichnete Rich mit dem "lesbischen Kontinuum" ganz unterschiedliche Frauen, die mit Männern zusammen lebten oder geschieden waren, allein, in Wohngemeinschaften oder in Frauenbeziehungen lebten. Sie alle verband ihre Bezogenheit auf andere Frauen, um sich emotional, künstlerisch, kreativ oder gesellschaftspolitisch auszudrücken und zu verwirklichen.

Der Begriff des "lesbische Kontinuums" war Ende des 20. Jahrhunderts umstritten. Er sollte feste Kategorisierungen ersetzen, er war für viele aber zu unscharf. Auch die Begriffe Frauenfreundschaften oder "Affidamento" der italienischen Feministinnen im Umkreis des Mailänder Frauenbuchladens wurden in diesem Zusammenhang diskutiert. Solche Debatten um frauenpolitisches Engagement und Frauensolidarität jenseits von sexueller Orientierung und Genderidentität sind auch heute noch aktuell. Insofern sind die kritischen Gesellschaftsanalysen und visionären Gegenbilder von Adrienne Rich inspirierend, auch wenn der Begriff Zwangsheterosexualität heute vom Begriff der Heteronormativität abgelöst worden ist. 

Adrienne Rich hat sich für die Rechte von Schwulen und Lesben eingesetzt. Sie stritt für die Selbstbestimmung von Frauen für ihr Recht auf Schwangerschaftsabbruch und engagierte sich in der progressiven jüdischen Bewegung "New Jewish Agenda". Sie protestierte gegen den Irakkrieg und gegen die aggressive Kriegsführung von George W. Bush gegen Afghanistan. Sie hat über die komplexe Verbindung von Kriegstreiberei, Frauen- und Homofeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus in ihren Texten geschrieben. Im Alltag hat sie versucht, ihre verschiedenen Lebensbereiche zusammenzuhalten und Brücken zu bauen. Mit allen Krisen, Höhen und Tiefen.

Ich habe Adrienne Rich leider nicht persönlich erlebt. Dennoch hat sie mich geprägt. Ihre Gedichte lese ich immer noch gerne. Ihre Texte verbinden mich mit Freundinnen aus verschiedenen Ländern. Dankbar bin ich für ihr Leben und ihre Literatur. Gerne halte ich ihr vielfältiges Engagement und ihre Texte in Ehren und wünsche mir, dass sie noch von vielen erinnert und gelesen wird.

Zum Weiterlesen:

Dagmar Schultz (Hg.), Macht & Sinnlichkeit. Ausgewählte Texte von Audre Lorde und Adrienne Rich, Berlin 1983.

Schrupp, Antje, Weibliche Homosexualität und glückliche Frauen (Blogeintrag vom 13.11.2015, zuletzt aufgerufen am 23.11.2015).

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