Kirchentag 2019

Kirchentag 2019
evangelisch.de und chrismon nehmen euch mit auf den Deutschen Evangelischen Kirchentag nach Dortmund! Vom 19. bis zum 23. Juni 2019 bloggen wir hier vom Kirchentag.

Der Mond ist... Resonanz

Michael Wollny und Hartmut Rosa auf dem Kirchentag 2019 in Dortmund

Michael Güthlein

Michael Wollny und Hartmut Rosa auf dem Kirchentag 2019 in Dortmund

Der Mond ist... Resonanz
Wer mitschwingt, ist weder Täter noch Opfer. Und Musik ist Religion.

Was für ein Veranstaltungstitel: "Was für eine Resonanz". Aber die Halle 2 ist sehr sehr gut gefüllt, insofern passt er schonmal. Aber natürlich ist nicht in erster Linie diese Resonanz gemeint. Auch nicht die, die diese weitläufige nackte Halle erzeugt. Sondern die im übertragenen Sinne. Das, was passiert, wenn etwas mitschwingt, miteinander in Bewegung gerät.

Der Soziologe Hartmut Rosa findet, Resonanz ist ein Zustand, der sehr gut erfahrbar macht, was er mit "mediopassiv" meint: Die dritte Form – weder aktiv, noch passiv. Weder Täter sein, noch Opfer. Etwas, wofür es in der deutschen Sprache kein Wort gibt, in vielen alten Sprachen aber sehr wohl. Etwas, das unserer Kultur fehlt, wie er meint. Weshalb unsere Gesellschaft immer tiefer in die Krise stürzt: Weil wir entweder alles unter Kontrolle bringen wollen, notfalls um den Preis der Zerstörung – oder uns komplett passiv dem Schicksal ergeben. "Mediopassiv" hingegen ist man beim Beten zum Beispiel, nach innen gewandt und doch nach außen gerichtet und offen. So, wie wenn man mitschwingt bei einem Musikstück, das berührt. Oder wenn man als Musiker*in selbst dabei ist und mitimprovisiert: Es verändert uns und wir verändern es, eine wechselseitige Beziehung, die aber keineswegs unter unserer Kontrolle ist – das Ergebnis ist unklar. Und Gott ist vielleicht auch "mediopassiv", spekuliert Rosa, er greift nicht ein, kontrolliert nicht.

Gedankenimprovisationen sind das, als Resonanzkörper für die Musikimprovisationen des Ausnahmepianisten Michael Wollny – und natürlich auch umgekehrt. So ist das bei Resonanzen, es geht ums Mitschwingen. Für Hartmut Rosa ist Musik Religion und Religion Musik. Und die meisten Menschen im Publikum scheinen diese Erfahrung auch zu machen, als sie alle gemeinsam zu den perlenden Tastenklängen von Michael Wollny die alte Weise von Matthias Claudius singen: "Der Mond ist aufgegangen". Nach und nach stehen sie auf, es erklingen sämtliche Strophen. Und dann spielt Michael Wollny einfach weiter und die Welt wird Klang…

Michael Wollny improvisiert live auf dem Kirchentag in Dortmund, nachdem die letzte Strophe von "der Mond ist aufgegangen" gesungen wurde.

Später, auf dem Hansaplatz, blickt Bischof Ralf Meister auf ein Lichtermeer. Beim Nachtsegen erzählt er, wie er als Kind beim Abendgebet Vertrauen gespürt hat, wie ihm die Fürbitte wertvoll geworden ist. Da ist etwas passiert mit ihm, etwas ist mitgeschwungen. Und direkt danach singt er mit den vielen tausend Menschen vor der Bühne: "Der Mond ist aufgegangen".

So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn…

Nachtsegen mit Lichtermeer auf dem Hansaplatz

aus dem chrismonshop

Choral:gut!
Es war Martin Luther, der den Choral populär gemacht hat. Er ließ die Lieder auf Flugblätter drucken und verteilte sie ans Volk. So entstand Gemeinschaft durch gemeinsames...

weitere Blogs

Was uns Corona beschert, was meinen Vorfahren ihre Zeit bescherte und was am Horizont auftaucht
Eine Konditorei in Bad Königshofen erntete einen Shitstorm für eine eigentlich gute Idee
Regenbogenregenschirm
Für die durch Corona gefährdete queere Community werden Rettungsschirme gefordert. Doch wie steht es um die seelische Gesundheit des Einzelnen? An "Denk positiv"-Belehrungen ist kein Mangel. Aber es geht auch anders. Gedanken und Impulse zur Erzählung von Elia am Berge Horeb.
Inspekteure der italienischen Küstenwache ("Guardia Costeria") haben eine "Porte State Control", eine Art technische Inspektion, auf der "Sea-Watch 4 durchgeführt.
Nach einer elfstündigen Inspektion des Rettungsschiffes fanden die italienischen Kontrolleure nach ihrer Ansicht 22 Mängel, die vor einem neuen Auslaufen der "Sea-Watch 4" behoben werden müssen. Die Festsetzung ist keine Überraschung für die Crew, schildert Constanze Broelemann aus Palermo. Die Behörden hätten schon in der Vergangenheit die Praxis der expliziten Fehlersuche gewählt, um Schiffe von Nichtregierungsorganisationen (NGO) an die Kette zu legen.