Menschwerdung

Krippe Nürnberger Lorenzkirche
Wolfgang Schürger
Seit 30 Jahren steht in der Nürnberger Lorenzkirche in der Advents- und Weihnachtszeit diese bolivianische Krippe. Die Spendengelder für die Kerzen, die Menschen um sie herum aufstellen, kommen dem Friedhofskinderprojekt in Sucre zugute.
Biographiearbeit zu Weihnachten
Menschwerdung
Die Haltung, mit der Eltern ein Neugeborenes empfangen, prägt ein Leben oft genauso wie die Erwartungen, welche die Ursprungsfamilie mit dem Kind verbindet. Das erlebt unser Autor bei Biographiearbeit. Ein Blick auf die Menschwerdung Gottes und die Entwicklungsprozesse Jesu.

„Und jetzt noch ein Kind!“, das könnte Josefs Reaktion gewesen sein, als Maria ihm von der Schwangerschaft erzählt. Das passte jetzt (noch) gar nicht in den Plan: „Er gedachte, sie heimlich zu verlassen“, berichtet Matthäus in seinem Evangelium (Mt 1,19).

„Wieso denn jetzt ein Kind?“, das war vielleicht Marias Reaktion, als der Engel ihr von der Schwangerschaft erzählt. Völlig unverständlich für sie: „Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?“, fragt sie nach dem Lukas-Evangelium den Engel (Lk 1,34). Zeitgemäßer ausgedrückt: „Wie soll das geschehen, wenn ich doch mit keinem Mann intim war?“

„Dann also jetzt noch ein Kind!“, so scheinen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis einige Hetero-Paare gedacht zu haben, als ihre Beziehung in der Krise war. Die Schwangerschaft und die gemeinsame Sorge für das Neugeborene sollten die Beziehung kitten - es ging selten gut.
„Jetzt also endlich das Kind!“, so freuten sich queere Paare in meinem Umfeld, wenn sie die Zusage der Adoption bekamen oder die Samenspende endlich erfolgreich war.

So unterschiedlich können Reaktionen sein, wenn Neues in das eigene Leben hineinkommt!

Für Josef und Maria war es ganz offensichtlich (noch) nicht an der Zeit, ein Kind in ihr gemeinsames Leben zu lassen. Flucht und Verdrängung sind die ersten Reaktionen. Es braucht die deutlichen, bestärkenden Worte des Engels Gottes, damit beide sich auf dieses Kind einlassen.

Mit den Worten des Engels lasten dann aber auch gleich gewaltige Erwartungen auf dem noch nicht geborenen Kind: „Er wird der Sohn des Höchsten heißen“, hört Maria von Gabriel (Lk 1,32). „Er wird sein Volk retten von seinen Sünden“, verheißt der Engel dem Josef (Mt 1,21).
Und dann liegt er da, der kleine Jesus: im Stall, denn auch in Bethlehem hat erst einmal keiner auf ihn gewartet oder mit ihm gerechnet. Doch kaum ist er geboren, kommen auch schon Menschen voller Erwartungen an ihn: Hirten - ganz einfache Leute, aber auch Weise aus fernen Ländern.

Spätestens beim Besuch der drei Fremden werden Josef und Maria sich wohl wieder an die Verheißungen - oder waren es Erwartungen? - erinnert haben, die sie von dem Engel Gottes gehört hatten. Und Maria erinnert sich, dass sie ja schon während des Besuchs bei ihrer Schwägerin Elisabeth dieses besondere Gefühl hatte: „Der Herr hat Großes an mir getan…“, hat sie damals gesungen (Lk 1,46ff).

Was mögen Maria und Josef ihrem heranwachsenden Sohn erzählt haben? „Du wirst ein guter Zimmermann…“, „Du warst eigentlich gar nicht gewollt!“ oder „Du wirst unser Volk retten!“? Vielleicht war es ja das eine und das andere - so, wie das Eltern mitunter machen. Aufwachsen in einem Wechselbad von Ansprüchen, Geliebtsein und Ablehnung…

Viele von uns kennen diese Wechselbäder der Gefühle. Ich habe im letzten Jahr viel Biographiearbeit gemacht - an mir selbst und mit anderen - und war mehrfach tief beeindruckt, wie prägend diese Erfahrungen der Kindheit bis ins hohe Alter hinein sein können. Lebensmuster und Lebenshaltungen können daraus entstehen, die das eigene Verhalten über Jahrzehnte bestimmen. Das kann hilfreich sein, wenn ein Mensch in jungen Jahren viel Vertrauen und Wertschätzung erfahren hat, das kann aber auch Entwicklungschancen verhindern und Lebensmöglichkeiten einschränken. Mir ist es daher wichtig geworden, mich und andere zu befähigen, diese Muster zu erkennen, sie anzuerkennen, auch wenn sie schmerzlich oder hinderlich sind, und sie gegebenenfalls aber auch bewusst zu verabschieden und bewusst neue Lebensmaximen zu beschließen.

In der Entwicklung eines Menschen ist die Pubertät diejenige Phase, in der solche Muster und Erwartungen am Offenkundigsten hinterfragt, geprüft und neu bewertet werden. Wenn wir aber genauer auf unseren Lebensweg schauen, dann werden wir merken, dass so solche Momente und Phasen des Prüfens und Neubewertens immer wieder gegeben hat - und geben muss, wenn wir uns auf Veränderungen einlassen und Leben gestalten wollen: Entscheidungen in der Partnerschaft, berufliche Veränderungen, schließlich der Übergang in das Rentenalter, um nur einige dieser Momente zu nennen.

Mit welchen Erwartungen und Ansprüchen mag also Jesus groß geworden sein? Die sogenannten „kanonischen“ Evangelien, die vier Evangelien also, die in der weltweiten Kirche als grundlegend für unseren Glauben anerkannt sind, erzählen dazu nicht viel. Andere Texte, die mit größerem zeitlichen Abstand zu der Geburt Jesu entstanden sind, versuchen diese vermeintliche Lücke mit vielen Wundergeschichten zu füllen. Wahrscheinlich war Jesus aber ein ganz normales Kind und Jugendlicher seiner Zeit. Als „Sohn des Zimmermanns“ war er jeden-falls bekannt (Mt 13,55), vermutlich hat er selbst als Zimmermann gearbeitet (Mk 6,3). Die Menschen in seinem Umfeld jedenfalls wundern sich, als dieser Zimmermann eines Tages an-fängt, prophetisch zu reden und Kranke zu heilen.

Jesus selbst folgt in diesem Moment der Berufung, die der Engel Gottes ihm schon während der Schwangerschaft mit auf den Weg gegeben hat. Wann er sich selbst dieser Berufung bewusst geworden ist? Ich kann mir vorstellen, dass Maria und Josef dem Kind irgendwann von diesen Worten des Engels erzählt haben. Der Tragweite dieser Berufung wird sich das Kind aber kaum bewusst gewesen sein. Lukas erzählt in seinem Evangelium, dass der zwölfjährige Jesus nach einer Wallfahrt nicht mit den Eltern nach Hause zurückkehrt, sondern im Tempel bleibt und dort mit den Gelehrten und Besucher:innen diskutiert. In der Reaktion auf die sor-genvollen Vorwürfe seiner Eltern begegnet dann eine Abgrenzung von den Erwartungen der Ursprungsfamilie, die wir als Hinweis darauf lesen können, dass der jugendliche Jesus seine Berufung entdeckt: „Wusstet ihr nicht, dass ich bei denen sein muss, die zu meinem Vater gehören?“ (Lk 2,49)

Es wird aber noch viele Jahre und viele Zimmermannsarbeiten dauern, bis Jesus sich aus-schließlich dieser Berufung widmet. Davor liegt eine vierzigtägige Wüstenzeit, in der diese Berufung auf die Probe gestellt wird (Lk 4).

Vom Kind im Stall zum angesehenen Zimmermann und Retter der Welt - was für eine Entwicklung! Wäre da nicht noch die Geschichte von Verfolgung, Tod und Auferweckung dieses Retters, dann hätte Hollywood bestimmt auch daraus schon Monumentalfilme produzieren können…

Heute, an Heilig Abend, und in den Weihnachtstagen staunen wir über die Geburt des Kindes in der Krippe. Wir freuen uns, dass Gott da ganz klein wird und zu uns kommt. Gott ganz nah in unserem Leben! Ganz nah, mitten drin auch im Dreck des Stalles, in den Sorgen und Nöten eines Elternpaares, das eigentlich noch gar nicht eingestellt war auf ein Kind, ganz nah, mitten drin in den Sorgen und Nöten eines Neugeborenen, das bald schon der ersten Lebensgefahr ausgesetzt sein wird und mit seinen Eltern zum Flüchtling in Ägypten wird.

Gott ganz nah, mitten drin und mit dabei in all den Entwicklungsphasen, die ein Mensch als Kind, Jugendlicher und Erwachsener durchlaufen muss, um der Berufung seines Lebens zu folgen. Gott ganz nah und mitten drin auch in den Wüstenphasen unseres Lebens. Was für ei-ne Verheißung - auch für uns und unser Leben!

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