Kirche sollte weniger um sich selbst kreisen

Bundespäsident Frank-Walter Steinmeier

© epd-bild/Christian Ditsch

Bundespäsident Frank-Walter Steinmeier machte in seiner Rede beim Johannisempfang der EKD deutlich, wie er als evangelischer Christ am Bedeutungsverlust der Kirchen mitleidet.

Bundespräsident bei der EKD
Kirche sollte weniger um sich selbst kreisen
Die Kirchen verlieren Mitglieder, ihre Bedeutung sinkt. Bundespräsident Steinmeier warnt sie vor einem Rückzugsgefecht, das den eigentlichen Auftrag aus den Augen verliert. Sie dürften nicht so sehr um sich selbst kreisen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Kirchen davor gewarnt, durch zu viel Selbstbeschäftigung ihren Auftrag aus dem Blick zu verlieren. "Die Kirchen sollten aufhören, vor lauter Angst um Bedeutungsverlust zu viel nur um sich selbst zu kreisen", sagte Steinmeier beim Johannisempfang der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Berlin. Vielmehr müssten die Armen und die Schwachen im Blick sein.

Ohne den Blick auf die von Ungerechtigkeit und Leid Betroffenen sei "unsere ganze Kirche sinnlos", sagte Steinmeier bei der Verabschiedung des langjährigen Bevollmächtigten der EKD bei Regierung und Parlament, Martin Dutzmann.

Steinmeier betonte in seiner Ansprache, weitgehend als evangelischer Christ und weniger als Staatsoberhaupt zu reden. Er machte deutlich, wie er offenbar am Bedeutungsverlust der Kirchen mitleidet. Die Gesellschaft brauche die Kirchen und deren Botschaft, sagte er: "Die Nächstenliebe ist das wirklich notwendige soziale Medium." Für seine, wie er selbst formulierte, "direkten Worte" an die Kirchen erntete er viel Applaus. Steinmeier engagierte sich selbst in der Vergangenheit für den evangelischen Kirchentag.

Abschied für Martin Dutzmann

Erstmals seit der Corona-Pandemie feierte die EKD ihren traditionellen Jahresempfang am Berliner Gendarmenmarkt wieder als geselliges Beisammensein. Der Empfang war zugleich der Abschied für Dutzmann, der mehr als acht Jahre die Interessen der EKD in Berlin und Brüssel vertreten hatte.

Der 66-Jährige sagte kürzlich dem Evangelischen Pressedienst, dass er für die Kirchen weiter große Herausforderungen sehe. Er verwies auf das Vorhaben der Bundesregierung, die Ablösung der Staatsleistungen anzugehen und die erwartete weitere Debatte um den Abtreibungsparagrafen. Dass die Kirchen mit ihren Anliegen nicht mehr selbstverständlich in der Politik durchdringen, war für ihn eine spürbare Erfahrung.

Kurschus kritisiert Kyrill

Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Annette Kurschus, ging in ihrem Festvortrag auf die ethischen Dilemmata im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg ein. Gerade in Krisen- und Kriegszeiten sei es auch weise und redlich zuzugeben, keine leichtfertigen Antworten zu haben, sagte sie. Gebraucht werde eine Kommunikation, die es zulasse, Meinungen zu ändern und dazuzulernen.

Kurschus kritisierte zudem das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Kyrill, für dessen Rechtfertigung des Kriegs in der Ukraine scharf. "Mich empört, wenn der Patriarch von Moskau einen Angriffskrieg als gottgewolltes Mittel darstellt, um seine eigene Auffassung des Christentums und seine Sicht der Geschichte durchzusetzen", sagte die westfälische Präses. "Gott in dieser Weise vor den eigenen Karren zu spannen, halte ich für gotteslästerlich", ergänzte sie in ihrer Rede vor Vertretern aus Politik, Kultur und Religionsgemeinschaften, darunter Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) und der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster.

Mit einem Grußwort bedankte sich der Leiter des Katholischen Büros in Berlin, Karl Jüsten, bei Dutzmann für die Zusammenarbeit. Die Ökumene lebe davon, dass jeder auf den anderen höre und zu verstehen versuche, sagte er. Bei fast allen Themen wenden sich die evangelische und katholische Kirche inzwischen mit gemeinsamen Stellungnahmen an die Politik.

Dutzmann war als Bevollmächtigter der EKD zugleich auch Seelsorger für evangelische Abgeordnete und Regierungsvertreter. Wer ihm nachfolgt, ist noch nicht entschieden.

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