Herr Schürger, halten sich die Klimaziele der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB)?
Wolfgang Schürger: Die Klimaschutzziele der ELKB orientieren sich an der Klimaschutzrichtlinie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Die EKD hat 2021 gesagt: Wir wollen klimaneutral werden bis 2045, aber zu 90 Prozent schon bis 2035. Das war damals ein realistischer Kompromiss - weil Fachleute gesagt haben, die letzten zehn Prozent sind die schwierigsten, wenn man die ohne Kompensation schaffen will. Das ist unser besonderer Weg der Kirchen in Deutschland, dass wir ohne Kompensation - also den finanziellen Ausgleich von CO2-Emissionen - treibhausgasneutral werden wollen.
Die Staatsregierung hat ihr Ziel, Bayern bis 2040 klimaneutral zu machen, verschoben. Ist Klimaschutz jetzt zweitrangig?
Schürger: Ich habe zuletzt etliche Vertreter des Freistaats gesprochen - die weisen das weit von sich. Es ist einfach ein Anerkennen, dass 100 Prozent bis 2040 nicht leistbar ist, aber trotzdem am Klimaschutz festgehalten wird. Wir werden den Freistaat an seinen Taten messen. Doch klar ist: Alle Leitplanken laufen Richtung Nachhaltigkeit. Weltweit werden erstmals mehr Anlagen für erneuerbare Energien gebaut als fossile Kraftwerke. Wir sind mit Märkten konfrontiert, die sich schon lange auch nach-fossil orientieren - Stichwort Pkw-Markt in China. Erneuerbare Wärmeversorgung ist inzwischen günstiger als fossile.
Einige politische Zeichen stehen auf Verlangsamung, die EU-Kommission etwa will das Verbrenner-Aus 2035 abschwächen. Vertrauen Sie lieber in die Wirtschaft?
Schürger: Unternehmensberatungen sagen: Wer sich Richtung Klimaschutz ausrichtet, hat einen Wettbewerbsvorteil, denn weltweit gesehen geht es in diese Richtung. Auch wenn wir im Moment unschöne Diskussionen und Ängste der Menschen vor Veränderung erleben. Aber: Die Kutscher, die Ende des 19. Jahrhunderts gesagt haben, mit dem Automobil brauchen wir uns nicht zu beschäftigen - die hatten einige Jahrzehnte später keine Arbeit mehr. Das gleiche wurde im Installationshandwerk lange von der Wärmepumpe behauptet. Aber da hat sich in den letzten Jahren viel getan. Auch, weil die Wärmepumpe besser geworden ist.
Sie rechnen nicht damit, dass Entwicklungen zurückgedreht werden?
Schürger: Die wirtschaftliche und technologische Entwicklung ist auf den nach-fossilen Pfad eingeschwenkt. Das gilt gerade angesichts der Umsetzungszeiten. Polen baut jetzt das erste Atomkraftwerk, mit der Zeitperspektive 15 Jahre - da sind wir mit Photovoltaik und Wind viel schneller. Auch die Entwicklung des Wasserstoffantriebs geht viel zu langsam. Es sind dann zu viele attraktive E-Autos da, und keiner wird mehr ein teures Wasserstoffauto haben wollen. Die Energiewende läuft mit einem Irrsinnstempo. Die Herausforderung ist, das Netz für all die dezentralen Erneuerbaren stabil zu machen.
Hält die Landeskirche an ihrem Zwischenziel - 90 Prozent Klimaneutralität bis 2035 - fest?
Schürger: Auch in der Landeskirche sind wir beim Klimaschutz hinter dem Zeitplan. Ein Grund ist, dass die kirchlichen Gebäudestrukturprozesse langsamer gehen - die Frist wurde bis Ende 2026 verlängert. Natürlich wollen wir die wenigen Sondermittel aus dem Klimaschutzfonds nur in die Gebäude investieren, die wir auch nach 2035 noch im kirchlichen Besitz haben werden. Die Regionen müssen also erst ihre Bedarfsplanungen abschließen. Die regionale Konzeption zeigt uns dann, welche Gebäude erhalten bleiben und welche Energieversorgung sie brauchen. Nur in wenigen Ausnahmefällen - Gebäude von überragender Bedeutung, etwa St. Lorenz in Nürnberg - wissen wir jetzt schon, dass wir sie behalten und können schon investieren.
Hängt an der Gebäudebedarfsplanung das ganze Klimaziel der ELKB?
Schürger: Nicht das ganze, weil die Kirchengemeinden ja auch im laufenden Betrieb aufpassen müssen, wie sie mit Emissionen und Energiekosten umgehen. Nach den Sofortmaßnahmen im kirchlichen Klimaschutzgesetz müssen alle Kirchengemeinden bis Ende 2026 auf zertifizierten Ökostrom umgestellt haben. Und es dürfen keine fossil betriebenen Heizungen mehr eingebaut werden. Da kommen viele Anfragen von Gemeinden und Einrichtungen mit Beratungsbedarf. Wir sehen dann immer wieder: Nach-fossile Lösungen rechnen sich!
Muss eine Kirche für einen einzelnen Sonntagsgottesdienst geheizt werden?
Schürger: Bei Kirchengebäuden sprechen wir eher nicht vom Heizen, sondern bestenfalls vom Temperieren. Das bedeutet, eine für die Menschen angenehme Atmosphäre zu schaffen. Die Orgel und die Kunstwerke fühlen sich auch bei nicht zu feuchten zehn Grad wohl. Besucher wollen es wärmer, da gibt es etwa die beheizbaren und aufladbaren Sitzkissen als gute Lösung für körpernahes Temperieren.
Was wir auch vorantreiben, sind Infrarotstrahler wie in Montagehallen. Sie müssen für Kirchen etwas schöner sein. Aber die Technologie ist erprobt, gerade auch mit schwarzem Infrarot. So werden Personen und Gegenstände punktuell temperiert, aber nicht die ganze Umgebungsluft. Für eine historische Kapelle, die zweimal die Woche genutzt wird, ist das ideal.
Könnte es beim Bezug von zertifiziertem Ökostrom nun Engpässe geben angesichts des verschobenen bayerischen Klimaschutzziels, etwa wenn Förderungen wegfallen?
Schürger: Nein, da dürfte es keinen Rückschritt geben in dem Sinne, dass nun zu wenig Ökostrom produziert wird. Die Kirchengemeinden werden an genug Ökostrom kommen, das sagen auch alle großen Energieversorger. Die haben auch längst in Offshore-Windkraftanlagen, Photovoltaik-Parks und Biogasanlagen investiert.
Warum ist das mit der CO2-Kompensation so schwierig?
Schürger: Wir sind lange von Erwärmungskurven und Korridoren wie dem 1,5-Grad-Ziel ausgegangen. Der Weltklimarat hat zuletzt stärker vom Globalbudget her argumentiert - von der Gesamtmenge an CO2 in der Atmosphäre. Dann aber funktionieren die Kompensationsmodelle nicht mehr. Die gingen so: Den Flug auf die Kanaren kompensiere ich, indem ich in ein Projekt einzahle, bei dem Menschen in Afrika Solarkocher benutzen und so die gleiche Menge an CO2 nicht emittieren. Mit der Kurve funktioniert das - mit dem Globalbudget nicht mehr, denn das steigt. Kompensation würde dann vielmehr bedeuten, dass man CO2 aus der Atmosphäre entfernt. Doch die entsprechenden Technologien sind noch in der Erprobung.
Brauchen die Länder des globalen Südens solche Projekte nicht auch für ihre eigenen CO2-Ziele?
Schürger: Genau, seit 2019 müssen sie auch selbst CO2-Ziele benennen. Damit ist die Gefahr der Doppelbilanzierung groß: In Deutschland wird eine Kompensationsleistung aus einem afrikanischen Land angerechnet, das dieses selbst als Maßnahme ausweist. Wir sollten uns vom Kompensationsgedanken verabschieden, irgendwann läuft die Badewanne über. Wir müssen uns fragen: Was brauchen wir wirklich an Konsum, der Emissionen erzeugt?
Ist eine Ethik des Verzichts vermittelbar?
Schürger: Die Menschen müssen den ökologischen Umbau als attraktiv und nicht nur als Last empfinden können. Klimaschutz rechnet sich, das spürt jeder, der sich eine Photovoltaik-Anlage auf den Balkon stellt. Und das sind auch die Botschaften für die Kirchengemeinden.
Der Grüne Gockel als Umweltzertifizierung für Kirchengemeinden - hat der noch Strahlkraft?
Schürger: Kirchengemeinden, die mitmachen, haben den Vorteil, dass sie kontinuierlich und systematisch auf die Stellschrauben im Umweltbereich schauen, etwa wo am meisten Energie eingespart werden kann. Solche Umweltmanagementsysteme zwingen einen, auf Daten und Fakten zu gucken, auf deren Basis man dann Entscheidungen treffen kann. Die Kirchengemeinden sind verpflichtet, ihre Energieverbräuche zu erfassen und zu bewerten. Der entsprechende Bericht ist seit diesem Jahr Bestandteil der Jahresrechnung. Mit einem System wie dem Grünen Gockel entsteht aus so einer Bewertung ein lebendiges und attraktives Umweltprogramm. Und wenn man ein gutes Umweltteam hat, macht das ja auch Spaß.


