Beten, kompromisslos beten

Beten, kompromisslos beten
Die Unerbittlichkeit der Amanda Gorman

When day comes we step out of the shade, / aflame and unafraid / The new dawn blooms as we free it / For there is always light, / if only we’re brave enough to see it / If only we’re brave enough to be it

Ich war wie benommen, als ich das hörte; als ich Amanda Gorman sah, dort auf der Tribüne, bei der Inauguration des neuen Präsidenten in Washington. Ich weiß nicht, wie oft ich mir das Video seither angeschaut habe, wie oft ihr zugehört.



if only we’re brave enough to see it / If only we’re brave enough to be it

Wie Amanda Gorman ihre Worte dirigiert und immer wieder die Hände zum Himmel hebt. Wie eine Priesterin, die Gott anruft. Jeden Sonntag sehe ich diese Geste. Doch selten so klar wie bei ihr, der 22-Jährigen. Weil sie weiß, wovon sie spricht. Weil sie weiß, worum es geht.

Weil sie etwas will.

Es ist, als solle wahr werden, was schon in der Bergpredigt steht: Ihr seid das Licht der Welt. Also schaut es euch an! Stellt es nicht unter den Scheffel. Seid das Licht. Und ihr werdet aus dem Schatten treten, aflame and unafraid.

Furchtlos. Und ohne Angst.

Auch jetzt, knapp zwei Wochen nach der Inauguration, hat das nichts von seiner Kraft verloren.

Natürlich ist da die Anspielung auf Martin Luther King, hat das Gedicht seine Wurzeln im Rap, im Gospel und Blues, ist es einfach sehr gut. Sprachlich, musikalisch, rhythmisch. Allein schon diese Passage: But one thing is certain: / If we merge mercy with might, / and might with right, / then love becomes our legacy / and change our children’s birthright. - So schreiben (und reden) können die Wenigsten.

Und doch ist da mehr, übertrifft das Gedicht jede Dichtung. Es ist es wie ein Gebet, das das Licht beschwört: rigoros und flehend, gierig und hoffend. Unerbittlich fordert es die Menschen heraus, uns alle, auch die Dichterin, verlangt es Hingabe und Mut.

Das ist nicht nur wie ein Gebet. Es ist ein Gebet. Denn es fordert (auch) Gott heraus, weil er allein die Sehnsucht stillen kann, diese unerschütterliche Sehnsucht nach Licht.

For there is always light: Zeig es mir, Gott!

For there is always light: Öffne meine Augen.

For there is always light: Gibt mir den Mut, nicht wegzuschauen.

For there is always light: Lass mich in deinem Licht sein.

For there is always light: Lass mich dein Licht sein.

Und ich werde aus dem Schatten der Dunkelheit treten, furchtlos und ohne Angst.

So beten, kompromisslos. Einfach so.

Weitere Blogeinträge

weitere Blogs

Kerze vor LGPTQ+ Flagge
Das Sprechen über Suizide kann Leben retten. Mit einem verantwortungsvollen Umgang können wir Betroffenen helfen, einen Ausweg zu finden, schreibt evangelisch.de-Blogger und Psychotherapeut Christian Höller
Elektrische Gebetskerzen im Innenraum der katholischen Kirche.
Im Petersdom im Rom können Sie Kerzen zum Gebet anzünden. Aber anders als gewohnt ...
Ausstellungsplakat
Am 25. Mai wird in Hamburg St. Georg die Fotoausstellung "This is me - queer und religiös"eröffnet. Tash Hilterscheid ist eine der Protagonist*innen und berichtet von der persönlichen Erfahrung im Rahmen der Entstehung dieser Ausstellung.