In seinem autobiografischen Buch "Geht’s noch" beschreibt der österreichische Schauspieler Simon Schwarz, welche Erleichterung es für ihn bedeutete, als er endlich eine Erklärung für jene Symptome fand, die ihn seit seiner Kindheit begleiteten. Die Kombination eines Aufmerksamkeitsdefizits mit Hyperaktivität hatte ihm vor allem zu Schulzeiten erhebliche Probleme bereitet.
Die Merkmale dieser Störung wurden zwar bereits vor 250 Jahren beschrieben, aber die Diagnose ADHS wurde erst geläufig, als Schwarz (Jahrgang 1971) die Schule längst verlassen hatte. Bis heute hält sich zudem die verbreitete Meinung, die Störung betreffe nur Kinder und Jugendliche. Jenseits aller qualitativen Maßstäbe ist es dem ZDF daher hoch anzurechnen, dass der Sender mit seiner neuen Reihe "Einfach Elli" verdeutlicht: ADHS wächst sich nicht irgendwann raus; man behält die Störung sein Leben lang.
Ob die Betroffenen ihre Entwicklungsabweichung, wie es im ersten Film und auch im redaktionellen Begleitwort euphemistisch heißt, tatsächlich als "Gabe" betrachten, sei dahingestellt, aber davon abgesehen gehen Christiane Rousseau und Koautor Friedemann Goez, der die Filme auch produziert hat, sehr sorgsam mit dem Thema um. Zunächst wirkt der Auftakt jedoch wie ein typisches "Medical", zumal Elli Kempfer (Klara Deutschmann) über Fachkenntnisse und Fertigkeiten verfügt, die deutlich über das Niveau einer Notfallsanitäterin hinausgehen: Gleich mehrfach erkennt sie, dass scheinbar eindeutige Symptome ganz andere Ursachen haben.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Die "Gabe" hat allerdings ihren Preis: Mitunter reagiert sie impulsiver, als es in diesem Beruf angebracht ist. Aus Sicht von Verwaltungsdirektorin (Sophie von Kessel) war der Arbeitsvertrag für die neurodivergente Mitarbeiterin ohnehin eine weitere Inklusionsmaßnahme; sie selbst sitzt im Rollstuhl. Natürlich gehört zu solchen Reihenkonzepten auch eine private Komponente, die das Drehbuch geschickt nutzt, um das Subthema zu vertiefen: Ellis Mutter (Clelia Sarto) ist Künstlerin und das, was Jugendliche heutzutage "verpeilt" nennen.
Louise wollte ursprünglich Ärztin werden und hat während des Praktikums festgestellt, dass sie für den Beruf nicht geeignet ist. Sie hat ebenfalls ADHS, die Störung jedoch im Gegensatz zu ihrer Tochter nie akzeptiert und daher auch nicht therapiert. Sie hält ADHS für eine "Modediagnose" und rechtfertigt ihr Durcheinander als kreatives Chaos. Fels in der Brandung ihres Lebens ist der von Rainer Bock gelassen, weise und Liebenswert verkörperte Taxifahrer Leo, der Ellis Ersatzvater geworden ist. Ihren Erzeuger kennt sie nicht, was in solchen Filmen stets irgendwann zu einer in diesem Fall tatsächlich überraschenden Offenbarung führt.
Doch so sehenswert "Einfach Elli" aufgrund des guten Ensembles – Marcus Mittermeier als leitender Chirurg und Ehemann der Direktorin, Mai Duong Kieu als Leiterin der Notaufnahme, Lucas Reiber als "Love Interest" – sowie des sympathischen Humors auch ist: Ansonsten entsprechen die ersten beide Filme dem üblichen Standard. Gunnar Fuß ist ein renommierter Kameramann, aber seine Inszenierungen, darunter mehrere Episoden der ZDF-Krimireihe "Solo für Weiss", sind eher routiniert als inspiriert.
Dem ZDF wird das zumal in diesem Fall egal sein, schließlich wiegt bei solchen Produktionen der Geschmack des Publikums ungleich stärker als künstlerische Aspekte. Deshalb darf Elli zwischendurch zur Freude Klara Deutschmanns durch die Gegend reiten; die Schauspielerin konnte ihre entsprechende Leidenschaft bereits in "Reiterhof Wildenstein" (ARD, 2019 bis 2021) ausleben.
Dass die Kamera immer wieder mal einen Blick aufs alpine Karwendel-Panorama wirft, versteht sich ebenso von selbst wie die gefällige Musik oder Ellis familientherapeutische Einmischungen ins Privatleben der Menschen. Aus dem optischen Rahmen fallen allein einige Einstellungen aus der Vogelperspektive, wenn sich die junge Frau wieder mal "an der Erde festhält" und rücklings auf der Almwiese einen Klee-Engel macht.
Und so bleibt die Besonderheit von "Einfach Elli" allein der seriöse Umgang mit ADHS, wobei das Drehbuch allerdings verschweigt, dass sich die Störung bei Mädchen anders äußert als bei Jungs, weshalb es aufgrund falscher Diagnosen oftmals zu Behandlungsfehlern kommt. Sollten betroffene Frauen jedoch angesichts der Filme einen ähnlichen Erkenntnisgewinn erleben wie Simon Schwarz, der erst vor einigen Jahren bei der Lektüre eines "Zeit"-Artikels feststellte, warum er anders ist als andere, wäre schon das allein ein Grund, die Reihe zu preisen.


