Young Royals: Eine radikale Idee von Liebe

Serien-Tipp

Matthias Albrecht

Young Royals: Eine radikale Idee von Liebe
Radikal, vielschichtig, fesselnd und auf hohem künstlerischem Niveau erzählt Young Royals die Liebesgeschichte von Simon und Wille. Die Serie wird international als außergewöhnlich gelobt. Doch was genau macht sie so sehenswert?

Weihnachtszeit ist Märchenzeit. Kleine wie große Menschen haben dieser Tage das Bedürfnis, sich von Erzählungen, Fabeln und fantastischen Geschichten in ihren Bann ziehen zu lassen. Die schwedische Serie Young Royals ist ein Märchen für (junge) Erwachsene. Sie beinhaltet viele märchenhafte Elemente: Einen Prinzen, der sich verliebt, Antagonist:innen, die dieser Liebe im Wege stehen, eine Königin, Standesunterschiede, tiefe Freundschaften und große lebensgeschichtliche Herausforderungen, die es zu bestehen gilt. Auch wenn wir mehrheitlich keine Prinzen sind, greift Young Royals, wie die meisten Märchen, Themen und Konflikte auf, mit denen sich viele von uns identifizieren können.

Young Royals kann beim Streaming-Anbieter Netflix angeschaut werden. Die Serie ist 2021 gestartet und umfasst bislang 12 Episoden in zwei Staffeln. Die erste Staffel entfaltet den Plot. Allen, die sich noch von den Inhalten der ersten Staffel überraschen lassen möchten, sei empfohlen, diesen Absatz zu überspringen oder ihn nur anzulesen und dann zum nächsten überzugehen. Prinz Wilhelm von Schweden (Edvin Ryding), genannt Wille, ist der zweitgeborene Sohn der schwedischen Königin (Pernilla August). Als ein Skandalvideo von dem sechzehnjährigen Prinzen viral geht, das zeigt, wie er einen anderen Jungen in einer Disko tätlich angreift, entscheidet das Königshaus, dass sich Wille öffentlich dafür entschuldigen muss und zusätzlich, dass er seine Schullaufbahn künftig auf dem Eliteinternat Hillerska fortsetzen soll. Hillerska ist eine Schule, die vor allem vom Nachwuchs adeliger oder superreicher Familien besucht wird. Bereits an seinem ersten Tag in Hillerska wird Wille auf seinen Klassenkameraden Simon (Omar Rudberg) aufmerksam, in den er sich nach kurzer Zeit verliebt. Simon, der anders als Wille aus einem prekären Milieu stammt, erwidert diese Liebe. In der Mitte der ersten Staffel stirbt Willes älterer Bruder Erik (Ivar Forsling) durch einen Autounfall. Das verändert Willes Leben grundsätzlich. Von einem Tag auf den anderen wird er zum Kronprinzen, also dem künftigen König vom Schweden. Als eine erste Reaktion hierauf beendet er die Liaison mit Simon. Später nähern sich die beiden aber wieder an. Doch dieses Neuaufflammen ihrer Liebe wird bald auf eine harte Probe gestellt. August (Malte Gårdinger), der Großcousin Willes, filmt die beiden Jungen heimlich ohne deren Wissen in einem intimen Moment. Aus Eifersucht auf Willes Position als Kronprinz stellt August dieses Video anonym ins Internet und löst damit einen weiteren öffentlichen Skandal aus. Die Wellen schlagen so hoch, dass Willes Mutter, die Königin, sich einschaltet und von ihrem Sohn verlangt, öffentlich im Fernsehen zu leugnen, dass er auf dem Video zu sehen ist. Er soll damit sich selbst, aber vor allem auch seine Mutter, die Familie und die Krone schützen. Anders als Simon ist Wille auf dem Video nicht gut zu erkennen. Obwohl Wille Simon zunächst verspricht, das was seine Mutter und der Hof von ihm verlangen nicht zu tun, gibt der Junge dem Druck am Ende nach. Simon ist bitter enttäuscht, er fühlt sich hintergangen. Als Wille sich entschuldigt, um Verständnis für seine Situation als Kronprinz wirbt und Simon offeriert, dass sie ihre Beziehung doch im Geheimen weiterleben könnten, lehnt Simon dies ab. Simon sagt, dass er nicht Willes Geheimnis sein möchte. Die im letzten Monat erschienene zweite Staffel erzählt die Geschichte der beiden Jungen nun weiter.

Eine besondere Stärke der Serie ist es, dass sie es versteht, ihre Geschichte nicht ausschließlich über Dialoge, sondern auch durch starke Bilder zu erzählen. Dass das gelingt liegt nicht zuletzt an den durchweg hervorragenden darstellerischen Leistungen der Schauspieler:innen. Immer wieder zeigt uns Young Royals Szenen von enormer Ausdruckskraft, die entweder mit wenig Text auskommen oder sogar ganz auf ihn verzichten. So steht beispielsweise Wille in einer Sequenz allein am Seeufer. Seine Freundin Felice (Nikita Uggla) kommt hinzu, sie fragt ihn was los sei. Die Kamera hält erneut auf Wille. Ohne dass noch weitere Worte nötig wären erschließt sich allein über das Gesicht des Jungen seine innere Welt, die in diesem Moment durch Einsamkeit, Schmerz, Trauer und Verzweiflung geprägt ist. Eine andere sehr prägnante Szene sehen wir gleich in der zweiten Episode der ersten Staffel. Viele der Schüler:innen sitzen am Abend zusammen und schauen einen Horrorfilm. Simon und Wille haben nebeneinander Platz genommen. Für einen kurzen Moment halten die beiden Jungs ihre Hände. Es ist die erste vorsichtige körperliche Annäherung der Zwei. Allein über ihre Mimik gelingt es den Schauspielern dabei zu transportieren, dass Simon und Wille neben Glück sowie ersten Schmetterlingen im Bauch, gleichzeitig auch Anspannung und die tiefe Furcht empfinden, von den anderen beim Händchenhalten entdeckt zu werden. Die Darstellung dieser Parallelität von Liebe und Angst gelingt so überzeugend, dass bei den Zuschauer:innen der Eindruck entstehen kann, dass Wille und Simon gerade nicht nur einen Horrorfilm anschauen, sondern auch in einem solchen gefangen sind.

Ganz anders als in den meisten Märchen sind Ambivalenzen, Widersprüche, innere Konflikte und Brüche, Eigenschaften, die die Hauptcharaktere der Serie besonders prägen. Wir erleben einen Wille, der zwischen seiner Liebe zu Simon und den Pflichten gegenüber seiner Familie hin und hergerissen ist. Einen Simon, der sich nichts sehnlicher wünscht, als mit dem Geliebten zusammen sein zu können, aber sich dafür nicht selbst verleugnen will. Sogar August, der als Antagonist fungiert, hat Momente, in denen er trotz seiner folgenschweren Taten Mitleid auslöst oder zumindest den Wunsch, ihn in seinem Handeln besser zu verstehen. Solch komplexe Figuren zu kreieren, zeugt von den profunden künstlerischen Fähigkeiten der Autor:innen, die so weit reichen, dass mensch über die wenigen kleinen dramaturgischen Schwächen der Serie gern hinwegsieht.

Explizit wird das Thema Homosexualität in Young Royals nur an wenigen Stellen verhandelt und doch durchdringt es die ganze Serie. Am deutlichsten tritt es in der Frage nach einem (un-)möglichen Coming-out von Wille zutage. Wille erklärt Simon, dass der Teufel los sein würde, wenn er sich als Kronprinz oute. Willes Mutter verlangt, dass der Sohn mit dem Outing wartet. Sie will dafür einen gemeinsamen Plan mit ihm machen, aber erst in zwei Jahren, wenn er 18 ist. Sein Mitschüler Nils (Samuel Astor) rät dem Kronprinzen, dessen Homosexualität im Geheimen zu leben. Nils sagt, er tue das selbst auch, Diskretion sei der Weg, wie in ihren Kreisen mit dem Thema umzugehen sei. In all dem wird deutlich, dass die sexuelle Orientierung auch im 21. Jahrhundert, selbst in einem Land wie Schweden, das die Ehe für alle hat und sich aktiv gegen Diskriminierung einsetzt, weiter ein skandalträchtiges Thema sein kann. Ein Junge, der heterosexuell liebt, müsste sich sicher nicht mit der Frage befassen, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, die sexuelle Orientierung bekannt zu machen bzw. ob dies überhaupt geschehen sollte. Auch die Diskussionen, die Willes Mitschülerinnen in einer Szene führen, ob es denkbar wäre, dass ein Thronfolger mit einem gleichgeschlechtlichen Partner zusammenlebt und wie diese denn Nachwuchs zeugen sollten, offenbart, wie wirkmächtig die Heteronormativität auch in den Gesellschaften ist, die sich selbst als modern bezeichnen. Homosexualität bleibt ein Politikum, im Öffentlichen wie im Privaten.

Simon ist bei allen Menschen in seinem Umfeld geoutet. Damit steht er in einem kompletten Gegensatz zu Wille. Simon will diese Freiheit am Ende der ersten Staffel nicht aufgeben. Er sagt Wille, dass er kein Geheimnis sein möchte. Die Frage, wie öffentlich die Beziehung gelebt wird, ist heute nicht mehr in allen, aber dennoch in vielen gleichgeschlechtlichen Partner:innenschaften relevant - in unterschiedlichem Ausmaß. Zum Konflikt führt das dann, wenn sich beide uneins darüber sind. In Simons und Willes Geschichte kommt es deshalb zur Trennung.

Simon hat die Fähigkeit seinen Schmerz zu externalisieren. Dies tut er etwa indem er ihn musikalisch verarbeitet. Wille hat diese Kompetenz nicht so sehr. Er steht zudem unter einem enormen Druck von außen. Seine Familie, allen voran seine Mutter, die Königin, sowie die Institution der Monarchie und untrennbar damit verbunden die Öffentlichkeit stellen Ansprüche an ihn, bezüglich dessen, wie er zu sein hat. Dem nicht nachkommen zu können, was andere von uns verlangen, dieses Gefühl kennt wohl jeder Mensch. Manchmal fällt es uns leicht, damit umzugehen, gerade dann, wenn uns das Gegenüber nicht viel bedeutet. Doch je enger die emotionalen Bindungen an unsere Familien, Freund:innen, Gemeinden oder sonstigen Institutionen sind, desto schwerer fällt es uns, diese Diskrepanz zu ertragen. Willes Mutter verweist immer wieder darauf, dass der Status des Kronprinzen ein Privileg sei und ihr Sohn sich so verhalten müsse, dass er das Königshaus schützt. Hier wird also eine Verleugnung der eigenen Identität unter dem Verweis auf das Wohl der Institution verlangt. Das ist eine Erfahrung, die viele Menschen, die gleichgeschlechtlich lieben, in ihrem Leben ebenfalls schon gemacht haben, nicht zuletzt auch durch die Kirche. Das Druckmittel ist die Drohung, die Privilegien zu entziehen und der als moralisch verkleidete Appell, die Institution nicht zu gefährden. Dabei geht es denen, die solches aussprechen, in Wahrheit doch nur allzu oft darum, sich selbst und die eigenen Privilegien zu schützen. Die Königin handelt genau so, auch wenn sie es sicher anders sehen würde, steht sie nicht wirklich zu ihrem Sohn. Besonders schlimm ist es für Wille, auch noch erleben zu müssen, wie der Hof am Ende August, also den Täter, der den beiden Jungen so viel Leid zugefügt hat, schützt, indem auf Anklage verzichtet und das Ganze geheim gehalten wird. Ebenfalls etwas, das Menschen, die gleichgeschlechtlich lieben, häufig erleben: Täter:innen- statt Opferschutz. Dadurch, dass seine Eltern nur wenig Verständnis für ihn haben, sein Bruder tot ist und Simon sich abwendet, hat Wille kaum einen Menschen, dem er sich anvertrauen kann. Die Folgen, die für den jungen Prinzen aus dieser furchtbaren Situation erwachsen, erzählt Young Royals äußerst realistisch. Er entwickelt Angst- und Panikattacken so wie viele andere Menschen, die ihre Liebe und ihr Begehren unterdrücken müssen, ebenfalls aus diesem Grund psychische Leiden entwickeln. Es bewahrheitet sich darin das, was der Psychoanalytiker Stephen Grosz einmal so ausdrückte: "Wenn wir aber keine Möglichkeit haben, unsere Geschichte zu erzählen, erzählt die Geschichte uns – […] wir entwickeln Symptome". Doch Wille verharrt nicht in Passivität und Resignation. Im Laufe der zweiten Staffel geht der Junge zunehmend stärker in die Konfrontation und Rebellion mit denen, die ihn unterdrücken wollen. Die Konflikte, Situationen sowie Stimmungen, die daraus resultieren, sind teilweise auch für die Zuschauer:innen schwer erträglich, was dafür spricht, wie stark sich das Publikum mit den Charakteren identifizieren kann.

Dass, wie bereits angeklungen, auch Klassismus, also die Abwertung und Ausgrenzung aufgrund von Klassenzugehörigkeit, eine große Rolle in Young Royals spielt, kann an dieser Stelle nur kurz erwähnt werden, da eine genauere Betrachtung ohne Frage interessant wäre, aber den Rahmen dieses Blogbeitrages sprengen würde. Dies gilt auch für die äußerst sehenswerten Handlungsstränge um Simons Schwester Sara (Frida Argento), einen noch nicht erwähnten Hauptcharakter, sowie die vielen liebevoll gezeichneten Nebencharaktere.

Wille und Simon kennen einander kaum. Auf der Ebene der Handlung ist das durchaus plausibel. In dem Moment, in dem die beiden ihre Liebe zu einander entdecken, werden sie darin durch den Skandal, den die Veröffentlichung von Augusts Video nach sich zieht, brutal unterbrochen. Es folgen Konflikte, Trennung und viel Drama. Kann eine so junge Liebe das überstehen? Wissen die beiden überhaupt schon gut genug, wer der andere ist, um ihn wirklich zu lieben? Was ist eigentlich der Kern ihrer Beziehung? Diese Fragen bekommen wir als Zuschauer:innen nicht beantwortet. Nun könnte mensch sich der Deutung von Willes Mutter, der Königin, anschließen, die das was ihr Sohn und Simon haben, versucht als eine Jugendliebe abzutun, die im Jetzt eine starke Bedeutung hat, aber auf lange Sicht keinen Bestand. Dagegen spricht allerdings das was wir sehen. Da sind zwei Menschen, die nicht voneinander lassen können. Sie wissen, es wäre vernünftiger. Sie versuchen dieser vermeintlichen Vernunft zu folgen. Mehrmals. Unter großer Anstrengung. Doch es gelingt nicht. Wie zwei gegensätzlich gepolte Magnete streben sie unaufhaltsam immer wieder zueinander. Angelehnt an Wolfgang M. Schmitt möchte ich hier davon sprechen, dass es eine sehr radikale Idee von Liebe ist, die uns die Serie präsentiert. Es mag eine Glaubensfrage sein, ob mensch dieser radikalen Idee von Liebe folgen möchte. Indem die Serie diesen Glauben nährt ist Young Royals aber auf jeden Fall eine ästhetische Erzählung im besten Sinne. Denn Ästhetik, das meint die Lehre vom Schönen. Und die Idee einer radikalen Liebe ist vielleicht das Schönste, was der menschliche Geist zu erschaffen vermag.

Ob es für Simon und Wille ein Happy End gibt? Wir wissen es noch nicht. Netflix hat die Serie um eine weitere finale Staffel verlängert. Die neuen Episoden werden voraussichtlich im Herbst 2023 erscheinen. Über den Inhalt ist noch nichts bekannt. Trotzdem stimmt das was Omar Rudberg vor Kurzem bei seinem Auftritt in der Tonight Show, bezogen auf Willes und Simons Zukunft sagte, hoffnungsvoll: "We're looking forward to see them smile".

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