Hassprediger

Homofeindlichkeit
Graffiti auf einer Brücke

© Kerstin Söderblom

Pastor Olaf Latzel vom Vorwurf der Volksverhetzung freigesprochen. Die Bloggerin Kerstin Söderblom ist der Meinung: "Solche Menschen beschmutzen religiöse Sprache und heilige Schriften, um ihre Vorurteile und Stereotypen zu legitimieren."

Hassprediger
Am 19. Mai hat das Bremer Landgericht den erzkonservativen und evangelikalen Pastor Olaf Latzel vom Vorwurf der Volksverhetzung freigesprochen. Was für ein Armutszeugnis!

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Ein Pfarrer erklärt bei einem Ehe-Seminar, dass Heterosexualität eine "Degenerationsform von Gesellschaft" sei. Heterosexuelle Menschen werden von ihm als Verbrecher:innen und gelebte Heterosexualität als "todeswürdiges Verbrechen" bezeichnet. Diese Aussagen werden auf dem Youtube-Kanal des Pfarrers mit seiner Zustimmung veröffentlicht. Auf Nachfrage betont der Pfarrer, dass er heterosexuelle Personen selbstverständlich nicht diskriminieren, sondern nur die Heterosexualität als gefährliche Ideologie verurteilen würde. Sind Sie nun beruhigt? Nein? Eben.

Der evangelische Pfarrer Olaf Latzel wurde wegen Volksverhetzung angeklagt und in der ersten Instanz verurteilt. Nach der Berufung wurde das Verfahren beim zuständigen Bremer Landesgericht weiter geführt. Dafür wurden zwei Gutachten eingeholt. Am Ende wurde der Pfarrer freigesprochen. Die Äußerungen des Pfarrers würden die Menschenwürde der Betroffenen nicht verletzen und seien von der Meinungs- und Religionsfreiheit gedeckt.

Echt jetzt? Wie würde es Ihnen gehen, wenn Sie aufgrund ihrer sexuellen Orientierung als Verbrecher:innen und ihre Sexualität als todeswürdiges Verbrechen bezeichnet würden? Alles easy? Alles cool? Kann ich mir nicht vorstellen.

Wer mit der Bibel in der Hand Menschen nicht nur abwertet und zu Bürger:innen zweiter Klasse macht, sondern sie von der Kanzel herab verdammt und eines todeswürdigen Verbrechens bezichtigt, missbraucht seine geistliche Autorität und macht sich eines Hassverbrechen schuldig. Solche Menschen beschmutzen religiöse Sprache und heilige Schriften, um ihre Vorurteile und Stereotypen zu legitimieren. Das ist kein Kavaliersdelikt! Das ist eine kriminelle Handlung. Eine Hasspredigt ist eine Hasspredigt ist eine Hasspredigt!

Seit über hundert Jahren sind sich Theolog:innen und Bibelwissenschaftler:innen weitgehend einig, dass biblische Texte nicht ohne Einordnung in den sozialgeschichtlichen, kulturellen und religionsgeschichtlichen Kontext interpretiert und verstanden werden können. Der Begriff Homosexualität kommt in den biblischen Schriften beispielsweise überhaupt nicht vor. Lesbische und schwule Liebesbeziehungen waren in den Jahrhunderten vor Christus und auch im ersten Jahrhundert nach Christus völlig unbekannt. Wer hier einzelne biblische Verse wortwörtlich zitiert, um daraus Handlungsanweisungen für das 21. Jahrhundert abzuleiten, hat von verantwortlicher Bibelinterpretation nichts verstanden. Schließlich werden auch im Hinblick auf Reinheitsgebote, Kleider- und Speiseordnungen Bibelverse nicht wörtlich zitiert. Denn sie entsprechen geschichtlich, kulturell und gesellschaftspolitisch nicht mehr dem aktuellen Wissensstand.

Seit über 20 Jahren bin ich Pfarrerin und Seelsorgerin und habe seitdem mit vielen queeren Gläubigen zu tun, die im Laufe ihres Lebens wegen ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Geschlechtsidentität beleidigt, ausgegrenzt und verflucht wurden. Diese Form der spirituellen Gewalt hat zahlreiche Menschen traumatisiert und unendliches Leid über sie gebracht. Queersensible Seelsorge kann solche tiefen Verletzungen nur bedingt ausgleichen. Wenn solche Formen der Gewalt und Diskriminierung als Ausdruck der Religionsfreiheit bezeichnet werden, ist das ein Schlag ins Gesicht der Betroffenen. Mit der Bibel in der Hand zu diskriminieren, ist keine Meinungsfreiheit und auch keine Religionsfreiheit, sondern bleibt menschenverachtende Diskriminierung.

Und: Wer mit der Autorität der Bibel Menschen verletzt und verdammt, verhöhnt die biblische Botschaft des Doppelgebots der Liebe: Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst!" (Mt 22). Jesus hat das Doppelgebot der Liebe als das höchste Gebot und die Zusammenfassung aller Gebote bezeichnet. Dieses Doppelgebot ruft auf zu Respekt und Anerkennung aller Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, Hautfarbe, Geschlechtsidentität und sexuellen Orientierung. Denn sie sind alle Gottes Kinder. 

Viele Vertreter:innen evangelischer Landeskirchen haben gegen das Urteil des Bremer Landesgerichts umgehend protestiert. Auch EKD Ratsmitglieder kritisierten das Urteil. Kritik reicht aber nicht aus. Hier muss ein Hassprediger gestoppt werden!

Im Folgenden noch einige Stimmen nach dem Gerichtsurteil vom 20. Mai 2022, denen ich mich voll anschließe:

Vikarin Maike schreibt auf ihrem Instagram-Kanal "Ja.und.Amen" und twittert unter @jaundamen_blog:

"Auch wenn der queerfeindliche Pastor #Latzel juristisch freigespr. wurde, heißt das nicht, dass seine Aussagen gut u. richtig sind. Ganz im Gegenteil. Sie bleiben menschenverachtend! Sie führen weg von einer Gesellschaft. Von Gemeinde. Von Kirche. Von Liebe. Von Gott*."

Die ehrenamtliche Kirchenälteste Johanna J. von @hanna_unterwegs twitterte am selben Tag:

"Ich wünsche mir von den Kirchen jetzt, dass das Rumgeeiere mit Menschen wie #Latzel jetzt aufhört. Dass klar, deutlich und theologisch begründet gesagt wird, dass die Aussagen solcher Hassprediger das sind, was sie sind: Irrlehren, die das Doppelgebot der Liebe mit Füßen treten."

Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp schrieb am 22. Mai 2022 auf Facebook:

"Also ja, schön, dass die EKD jetzt Regenbogen postet und alle Pfarrer:innen schreiben, wie toll sie Queerness finden, ja das ist schön. Aber was nicht okay ist, sich jetzt ganz entrüstet und verwundert über den Freispruch von Latzel zu zeigen. Denn Latzel IST ein Produkt des Christentums, das ja nun mal bis vorgestern noch massiv homophob und queerfeindlich und sexistisch war. Ja, schön, dass es die meisten von uns heute nicht mehr sind. Aber das enthebt uns doch nicht der Verantwortung für unsere Geschichte. Das Christentum IST eine Religion, die was geschlechtliche Freiheit und sexuelle Vielfalt betrifft nicht grade dolle ist und das bis heute, wie die aktuelle EKD-Studie zu rechtspopulistischen Ansichten innerhalb der evangelischen Kirche grade wieder bewiesen hat. Kirchlich gebundene Menschen SIND homophober, antifeministischer, transfeindlicher als der Durchschnitt der Bevölkerung. Ich freue mich sehr, dass immer mehr Menschen sich in der Kirche dafür einsetzen, dass sich das ändert. Aber das ist eben noch ein gutes Stück Arbeit und Weg, das da vor uns liegt. Das Gericht hat uns das jetzt nun zurückgespiegelt. Die Zeit, sich stolz dafür auf die Schulter zu klopfen, dass man diese düstere Vergangenheit abgestreift hat, die ist noch nicht gekommen."

Das nun verkündete Urteil ist übrigens noch nicht rechtskräftig. Die Staatsanwaltschaft kann innerhalb einer Woche Berufung einlegen. Und laut queer.de wird sie in Revision gehen.  Unklar ist, wie ein Disziplinarverfahren der Bremischen Evangelischen Kirche gegen Latzel ausgeht. Das bleibt abzuwarten. 

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