Pride

Matthias Albrecht (mit freundlichem Dank an Ansgar Drücker)

Regenbogenfahne vor der katholischen Kirche St. Nikolaus (Münster-Wolbeck)

Pride
Pride. Das Wort bezeichnet eine Demonstration für die Rechte von Menschen, die gleichgeschlechtlich lieben und/ oder wegen ihres Geschlechts Unterdrückung erfahren. Wie viel der Begriff Pride über die Missstände in der Lebenssituation dieser Personen offenbart und welche Implikationen sich aus dem Wort zur Überwindung dieser Verhältnisse ergeben, ist von großer Bedeutung. Eine Begriffsannäherung.

Stolz, diese häufigste Übersetzung des Wortes Pride, ist mit mehreren Bedeutungen, sowohl positiver als auch negativer Konnotation, aufgeladen. Eine Person kann stolz sein auf das, was sie geleistet hat oder etwas was ihr gehört. In diesem Fall bezeichnet Stolz ein Empfinden, das laut dem Duden Selbstbewusstsein und Freude beinhaltet. Menschen können es aber auch mit dieser Art von Stolz übertreiben, wenn sie gar zu stolz sind. Was sich darin ausdrückt, dass sie ihr Umfeld vergessen oder herabsetzen. Ebenfalls kann das Wort Stolz den Charakter eines Menschen beschreiben. Wird eine Person so bezeichnet, kann das durchaus positiv gemeint sein. Stolz als Attribut eines Individuums mit einem gesunden Selbstwertgefühl. Dieselbe Aussage ist aber auch ins Negative deutbar, nämlich dann wenn damit ausgedrückt werden soll, dass sich ein Mensch überheblich verhält. Stolz kann berechtigt sein. Stolz kann einem helfen oder aber im Wege stehen. Es gibt auch falschen Stolz. In der Theologie kommt der Stolz meist nicht gut weg. Hier wird er häufig als etwas Sündhaftes verstanden, als ein Verhalten, bei dem sich der Mensch mit Gott gleichzusetzen versucht. Welche Art von Stolz ist aber nun gemeint, wenn Menschen, die gleichgeschlechtlich lieben und/ oder wegen ihres Geschlechts Unterdrückung erfahren, diesen Begriff nutzen, um sich unter ihm zu versammeln und gemeinsam mit ihren Verbündeten für ihre Rechte zu demonstrieren?

Vor einigen Tagen fand in meiner Heimatstadt Karlsruhe der diesjährige Pride statt. Während sich in den sozialen Medien viele Menschen darüber freuten, gab es auch Kommentare, die Unverständnis äußerten. So schrieb ein Mann bei facebook: "Mir geht das so auf die Nerven, ... echt...Heteros brauchen auch keinen Umzug oder Parade oder sonst etwas...". Unbesehen seiner scheinbar belasteten nervlichen Verfassung, hat der Kommentierende mit dem zweiten Teil seiner Aussage völlig Recht. Menschen, die verschiedengeschlechtlich lieben brauchen in der Tat keine Institution wie den Pride. Warum nicht? Haben sie nichts, worauf sie stolz sein könnten? Oder wäre es ein falscher Stolz, auf seine Heterosexualität stolz zu sein? Mangelt es denen, die gleichgeschlechtlich lieben vielleicht an Demut? Um diese Fragen zu beantworten ist zunächst einmal zu klären, was Sexualität überhaupt ist. Als Christ*innen begreifen wir Sexualität, wie alles andere was uns als Person ausmacht auch, als eine Gabe, ein Geschenk Gottes an seine Geschöpfe. Mit der Gabe der Sexualität sind weitere Gaben verbunden: Lebensfreude, Lust, Begehren, Partner*innenschaft, Ehe und Familie. Auf all das können Menschen durchaus stolz sein. Und wenn dieser Stolz nicht Ausdruck einer den anderen abwertenden Überheblichkeit ist, sondern Ausdruck der Freude über diese guten Gaben unseres Vaters im Himmel, dann bin ich überzeugt, dass dieser Stolz durchaus gottgefällig ist. Denn diese Art von Stolz versucht nicht sich selbst an die Stelle des Gebers zu setzen, sondern sie ehrt ihn durch Freude. Eine Freude, aus der heraus wir erkennen dürfen: Es ist gut so wie ich bin. Gott hat mich so geschaffen und gemeint. Mein Tun soll mir und anderen zum Segen werden. Dieses Wissen wiederum ist der Ausdruck eines gesunden Selbstbewusstseins, aus dem auch ein positives Selbstwertgefühl resultiert. Also sollten demnach alle Menschen, auch die die verschiedengeschlechtlich lieben, einen Pride haben? Der eben zitierte Kommentator ist hierbei in seiner Analyse bestechend klar, wenn er sagt, dass diese Personen einen Pride nicht brauchen.

Ein paar Eindrücke aus meinem Leben: Als ich 14 war, sagte ein Junge aus meiner Parallelklasse während des Sportunterrichts, am Wochenende sei ein "Schwuchtelfilm" im Fernsehen gelaufen. Gemeint war das Werk Interview mit einem Vampir, in dem eine homoerotische Beziehung der Hauptcharaktere angedeutet wurde. Mit 15 wurde mir im Biologieunterricht versucht zu vermitteln, dass Menschen, die "homosexuell verkehren" zur Risikogruppe für HIV-Infektionen gehörten und dass das insbesondere daran läge, dass sie nicht in der Lage seien, feste Beziehungen zu führen. In meinem 16. Lebensjahr meinte mein Klassen- und Englischlehrer zu einem Mitschüler, er hoffe, dass dieser nicht folgendes sei und schrieb mit süffisantem Grinsen das Wort "gay" (dt. schwul) unter dem Gelächter der Klasse an die Tafel. Ich will es bei diesen wenigen Referenzen belassen, könnte die Liste aber schier ins Unendliche fortsetzen. Wenn es sich bei dem, was ich erlebt habe um ein Einzelschicksal handeln würde, dann wäre das zwar immer noch bedauerlich, hätte aber keine Bedeutung von so großer Tragweite. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. In persönlichen Begegnungen, wissenschaftlichen Erkenntnissen, Erfahrungsberichten, Werken der Kunst und der Kultur zeugen Millionen Menschen, die gleichgeschlechtlich lieben, dass sie ähnliche, ja vielfach noch viel schlimmere Erfahrungen gemacht haben und weiterhin machen. In der Schule, am Arbeitsplatz, in der Familie und überall sonst, wo sie ihr Leben verbringen. Die Aussage, die in all diesen Diskriminierungserlebnissen mitschwingt ist: Deine Art zu lieben, zu begehren, eine Beziehung zu führen, die ist nichts wert, sie ist absonderlich oder lächerlich. Nichts anderes haben auch der deutsche Staat und auch die evangelischen Landeskirchen bis vor wenigen Jahren vermittelt, indem sie Partner*innen gleichen Geschlechts die Eheschließung bzw. deren Segnung schlichtweg verboten haben. Wer das alles erlebt, schon von frühester Kindheit an, der lernt, ob nun mehr oder weniger implizit: Da ist nichts, worauf Du stolz sein kannst, darfst und solltest. Perfider Weise durchdringt diese Botschaft Menschen bis in ihr Innerstes, indem es massive Auswirkungen auf ihr Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl hat. Das Gefühl, das daraus entsteht, ist das Gegenteil davon, sich und seine Sexualität als etwas Gutes zu erleben. Genau das ist der Grund, warum jene, die gleichgeschlechtlich lieben, einen Pride brauchen und andere nicht. In der gesellschaftlichen Anerkennung ihrer Sexualität, Liebe, Partner*innenschaften, Ehen und Familien, erhalten die die verschiedengeschlechtlich lieben ja ihren Pride fortlaufend. Das ist auch gut und richtig so, das soll auch so bleiben, aber dasselbe Recht muss anderen auch zustehen.

Der Pride ist aus der schmerzhaften Erfahrung des Mangels geboren. Er ist der konstruktive und auch erfolgreiche Versuch, den Stolz und das Selbstbewusstsein, das andere bereits durch die gesellschaftliche Muttermilch aufsaugen durften, ebenfalls zu erlangen. Pride bedeutet selbst herzustellen, zu erobern und auch zu verteidigen, was den gleichgeschlechtlich Liebenden lange versucht wurde zu verweigern. Es gibt einiges, worauf es sich lohnt, stolz zu sein. Einerseits gleichgeschlechtliche Sexualität, Liebe, Partner*innenschaften, Ehen sowie (Regenbogen-) Familien. Anderseits darüber hinaus lebendige Subkulturen, Diskurse, die die Wissenschaft, aber auch allgemeine gesellschaftspolitische Debatten befördern, wertvolle künstlerische Werke, selbstorganisierte Systeme sozialer Unterstützung und noch vieles andere mehr. All das zuletzt genannte ist aus der Not, die die Diskriminierung hervorgebracht hat, geboren und diente schon so vielen Menschen zum Segen. Viele Gründe stolz zu sein. Pride bedeutet aber auch die Forderung, dass wir zu einer Gesellschaft werden, in der ein Pride eines Tages nicht mehr nötig ist. Eine Gesellschaft, in der alle von frühester Kindheit an erleben, dass es keine Rolle spielt, ob ein Mensch nun einen Menschen desselben oder eines anderen Geschlechts liebt. Dass beides eine Gabe Gottes ist. Beides gute Früchte hervorbringen kann. So können Freude, Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl für alle entstehen. Damit das Realität werden kann, bedarf es konkreter Maßnahmen. Beispielsweise ein Gesetz, das Hassreden gegen Menschen, die gleichgeschlechtlich lieben, verbietet. Dies könnte helfen, dass weniger Personen zu Opfern solcher Akte symbolischer Gewalt werden.

Auch die christlichen Kirchen müssen ihren Beitrag leisten. Von meiner eigenen Landeskirche in Baden wünsche ich mir etwa den Stolz auf das, was sie 2016 erreicht hat. Damals wurde das Trauverbot für gleichgeschlechtliche Ehen von der Synode gekippt und die Landessynode bekannte sich als erste und bisher einzige Landessynode zur Gleichwertigkeit homosexueller Liebe, Sexualität und Partner*innenschaft. Von großer Freude oder gar Selbstbewusstsein, mit dem dieser hart erkämpfte Entschluss gefeiert bzw. kommuniziert wird habe ich seitdem allerdings nur sehr wenig mitbekommen. Stattdessen ging es in den letzten Jahren seitens der Kirchenleitung eher darum zu versuchen, den Pfarrer*innen die weiter gleichgeschlechtliche Ehepaare diskriminieren wollen, dies kirchengesetzlich trotz des Bekenntnisses zur Gleichwertigkeit homosexueller Liebe zu ermöglichen. Die Aufmerksamkeit gilt denen, die sich von der Diskriminierung nicht lösen können oder wollen, nicht deren möglichen Opfern. Viele Menschen, die gleichgeschlechtlich lieben, fragen sich, an wen sie sich wenden können, wenn sie sich trauen lassen wollen und wissen gar nicht, dass sie in jeder Kirche das Recht dazu haben. Nicht mal in der landeskirchlichen Broschüre zur Trauung tauchen gleichgeschlechtliche Paare 2021 auf. Wartet eine Kirche, die sich wirklich freut, mehr als fünf Jahre damit? Wo ist der Stolz auf das Erreichte? Gefreut habe ich mich hingegen über die römisch-katholischen Geschwister. Gegen den Willen des Vatikans haben sie sich nicht das verbieten lassen, was ohnehin nicht verboten werden kann. Gleichgeschlechtliche Paare wurden vor Kurzem Land auf, Land ab gesegnet. Eine Entscheidung, auf die viele Gemeinden zu Recht stolz sind. Ein Stolz, der sich auch darin zeigt, dass vor vielen römisch-katholischen Kirchen Regenbogenflaggen wehen.

 

Lieber Vater, du hast uns wunderbar gemacht. Habe Dank für alle, die sich an der ihr geschenkten Sexualität erfreuen können – unabhängig davon, ob diese nun homo-, bi- oder heterosexuell ist. Segne auch die, die es jetzt noch nicht vermögen. Schenk ihnen, dass sie deine Gabe annehmen können. Gibt du ihnen Freude, Selbstbewusstsein, Selbstwert und auch den rechten Stolz auf das, was sie von dir empfangen haben. Stärke deine Kirche, dass sie sich für die Gleichheit und Würde der Menschen über alle Unterschiede hinweg einsetzen kann. AMEN

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