"Safe Space"

Safe Space

Foto: Kerstin Söderblom

"Safe Space"
Ein "Safe Space", also ein sicherer Ort, ist für Lesben, Schwule Bi- und Transsexuelle (LSBT) aus Osteuropa keine Selbstverständlichkeit. Beim Europäischen Forum christlicher LSBT Gruppen finden sie ihn.

Einmal im Jahr treffen sich christliche Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle (LSBT) auf einer Konferenz des Europäischen Forums christlicher LSBT Gruppen in einer europäischen Stadt. In diesem Jahr wird die Tagung über Pfingsten in Merville in Frankreich stattfinden. 100 bis 150 Junge und Ältere, Glaubende und spirituell Suchende aus West- und Ost-, Nord- und Südeuropa kommen dann zusammen, um Informationen auszutauschen, theologische und kirchenpolitische Themen zu diskutieren, Gottesdienste zu halten und miteinander zu feiern. Darüber hinaus werden insbesondere in Süd- und Osteuropa Veranstaltungen, Konferenzen und Trainingsprojekte organisiert, um verfolgte christliche LSBT zu unterstützen und ihnen eine Stimme zu geben.

Ich bin seit fast zwanzig Jahren Mitglied in diesem Forum. Es hat mich biografisch geprägt und in Krisenzeiten unterstützt und gestärkt. Als Mensch und als Christin. Dort habe ich Frauen und Männer getroffen, die mir gezeigt haben, dass Christsein und Lesbisch-/Schwulsein keine Gegensätze sind, sondern selbstverständliche Bestandteile des eigenen Lebens. Dankbar bin ich für die internationale Solidarität, die christliche Geschwisterlichkeit und die tiefe Herzenswärme, die ich dort erfahren habe.

Die Teilnehmenden tauschen sich aus über persönliche Glaubensfragen, diskutieren über kirchenpolitische und theologische Themen in Europa und darüber hinaus. Menschenrechtsverletzungen werden untersucht, gesellschaftspolitische Fragen debattiert, Solidaritätsveranstaltungen für Angefeindete und Verfolgte organisiert und Gottesdienste und Andachten gemeinsam gefeiert. Allen gemeinsam ist der Respekt gegenüber den Anderen als Geschwister in Christus. Die verschiedenen Frömmigkeitsstile und konfessionellen Traditionen und die unterschiedlichen Lebens- und Liebesformen der Mitglieder werden geachtet. Niemand wird beleidigt oder verurteilt aufgrund von Glauben, sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität.

Für viele meiner Freund_innen vor allem aus Osteuropa sind die jährlichen Treffen des Europäischen Forums der einzige Ort, an dem sie sich offen zeigen können. So wie sie sind. Für sie sind die Treffen ein "Safe Space", ein sicherer Ort, an dem sie sich zuhause fühlen, an dem sie sich beschützt und verstanden wissen, spirituell und menschlich. Dort müssen sie keine Angst haben vor Häme, Ausgrenzung, vor physischer oder psychischer Gewalt. Denn viele von ihnen haben genau das schon erlebt. Beim Comingout von Mara aus Moldau (Pseudonym) beispielsweise haben ihre Eltern sie gezwungen in psychiatrische Behandlung zu gehen, um wieder "normal" zu werden. Sie wurde gedemütigt, verhöhnt und mit Elektroschocks behandelt.

Roman und Alexander aus Russland (Pseudonyme) erzählen von gewalttätigen Überfällen, wenn sie aus Bars oder Clubs herauskommen, die offen sind für LSBT. Gewaltanwendungen sind auch nach "Gay Pride Paraden" von Riga bis St. Petersburg an der Tagesordnung, wenn sie überhaupt zugelassen werden. LSBT und Genderqueers erinnern bei solchen Demonstrationen an ihre Menschenrechte und fordern Gleichberechtigung und Schutz ihrer Menschenwürde. Denn genau die wird ihnen vielerorts nicht gewährt.

Selbst Vertreter vieler kirchlicher Denominationen, allen voran die der orthodoxen Kirchen, verkündigen in Osteuropa immer wieder von der Kanzel, in der Presse und in Taskshows, dass Lesben und Schwule nicht gottgewollt leben und in der Hölle landen. Sie unterstützen oftmals  rechtspopulistische und neonazistische Schlägergruppen, die im Namen einer heteronormativen Familienideologie Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen  auflauern und sie verprügeln. Man kann entsprechende Hassvideos im Internet sehen. Der Dokumentarfilm "They hate me in vain" der russisch-italienischen Regisseurin Yulia Matsiy legt ein schockierendes Zeugnis ab über Erniedrigungen, Hasstiraden, Erpressungen und Gewaltanwendungen dieser Schlägergruppen gegenüber Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen in Russland. Das schlimmste ist: Die Schlägertrupps werden aus der Mitte der Gesellschaft unterstützt. Ihnen wird applaudiert, statt den wehrlosen Opfern zu helfen.

Was ist das für eine Welt, die im Namen eines grausam verdrehten Christentums Menschen verprügelt, sie ihrer Würde entkleidet und verfolgt?  Was ist das für eine Religion, eine Konfession, eine Kirche, die im Namen von Jesus Christus Verfolgung, Unterdrückung und Gewalt gegen Randgruppen und Minderheiten legitimiert und für gut befindet? Dazu sage ich deutlich: Solche Verhaltensweisen sind keine christliche Nachfolge, sondern pseudo-religiös legitimierter Menschenhass!

In Westeuropa ist dieses menschenverachtende Verhalten mittlerweile subversiver zu beobachten und in der Regel nicht mehr offen gewalttätig. Aber auch in Westeuropa werden junge LSBT und Queers laut verschiedener Studien dreimal so oft beleidigt und angegriffen wie ihre Altersgenossen. Dreimal so häufig begehen sie Suizid, weil sie sich unverstanden fühlen, weil sie angefeindet werden oder unter Mobbing zu leiden haben. Selbst im liberalen Norwegen ist vor einigen Tagen eine offen lesbisch lebende Theologin von ihrer Bischöfin aufgrund ihrer sexuellen Orientierung nicht ordiniert worden, obwohl sie als Pfarrerin voll qualifiziert ist und vom Kirchenvorstand gewählt wurde. Wer schwingt sich da zum Richter auf über andere Menschen? Wer missbraucht da Machtpositionen, um Menschen angeblich im Namen Gottes zu bedrängen, ihnen Angst einzujagen oder sie zu diskriminieren?

Christliche Nachfolge zeigt sich, wenn für  Menschen, insbesondere für Bedrängte und in Not Geratene, ein "Safe Space" geschaffen wird: Ein sicherer und gastfreundlicher Ort für alle, die danach suchen. Ein sicherer Ort, an dem Menschen mit ihren Lebens- und Glaubensgeschichten ernst genommen und gehört werden, an dem Menschen sich gegenseitig achten und sich solidarisch unterstützen. Dann ist auch Jesus Christus mitten unter ihnen.

Das Europäische Forum christlicher LSBT Gruppen wurde 1982 in Paris gegründet. Es besteht aus über 40 christlichen LSBT Netzwerken aus ca. 20 europäischen Ländern. In diesem Jahr findet das Jahrestreffen des Europäischen Forums vom 22.-25. Mai in Merville/Frankreich statt. Mehr Informationen unter: http://www.euroforumlgbtchristians.eu/index.php/en/

 

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