Mit Erfahrung und Entdeckergeist

Was die Lage in der Türkei und die Medienpolitik der SPD gemeinsam haben. Die neueste Spiegel-Idee könnte beinahe eine Tageszeitung sein. Die neue ARD-Ereignisserie "Charité" ist "von allem ein bisschen" und "ein bisschen langweilig", aber für "Mullwürfe" gut. Außerdem: die Medienwelt jetzt auch noch im Radio "ausführlicher denn je".

Tagesaktuell gibt's noch mehr neue Medieninhalte als üblich: gedruckte, zu sehende und hörende, die zum Teil bereits besprochen (und zum Teil auch gut gefunden) werden. Dazu weiter unten, zur Feier des Tages klar überm Altpapierkorb. Erst mal muss es um zweierlei gehen, das nicht mehr neu ist und erst recht nicht gut, und in den Medien eher selten vorkommt, sobald der Neuigkeitswert weg ist.

Erstens die Lage in der Türkei und exemplarisch Deniz Yücel. Der deutsch-türkische Reporter sitzt inzwischen seit fünf Wochen in türkischen Gefängnissen. Gestern meldete der EPD noch mal wieder, dass deutsche "Botschaftsvertreter keinen Zugang" zu ihm haben und dass das Auswärtige Amt das nicht mehr allein enttäuschend, sondern "bitter" enttäuschend findet (vgl. hier). Relativiert wird die Nicht-Nachricht sozusagen dadurch, dass vergangene Woche "mehr als 2000 weitere Menschen unter dem Verdacht ..., Kontakte zu Extremisten zu unterhalten", in türkische Gefängnisse eingeliefert wurden (FAZ). Diese News basiert auf im Kontext vertrauenswürdigen, nämlich staatlich-türkischen Angaben.

Ein türkischer Journalist, der gerade nicht hinter Gittern sitzt, muss heute "auf der Anklagebank" in Istanbul Platz nehmen: Erol Önderoglu. Aus diesem Anlass bieten die Reporter ohne Grenzen, deren Vertreter in der Türkei Önderoglu ist, eine Übersicht über laufende Gerichtsverfahren gegen Journalisten in der Türkei bietet. Yücels Name taucht darin nicht auf. Rein "rechtlich" kann er schließlich fünf Jahre in Untersuchungshaft gehalten werden, ohne dass irgendetwas passiert.

[+++] Zweite beachtenswerte Nicht-Entwicklung: die deutsche Medienpolitik, exemplarisch die des Umfragen-Shootingstars SPD.

"Sieht man mal von Forderungen nach Löschen, Sperren und der Regulierung sozialer Netzwerke auf der einen und dem rundfunkpolitischen Klein-Klein auf Länderebene auf der anderen Seite ab, ist es merkwürdig still in der Medienpolitik",

schreiben Leonard Novy und Peter Ruhenstroth-Bauer auf carta.info. Dann lassen sie die diesbezüglichen Bemühungen der SPD Revue passieren, die sich "in Wahrheit immer noch auf Gremienarbeit und Gremieneinfluss" konzentrierten. Dabei wäre Medienpolitik schon wichtig, sowohl "wirtschafts- und ordnungspolitisch", da Deutschland "auf dem von US-(Online-)Konzernen dominierten globalen Medienmarkt völlig den Anschluss zu verlieren" drohe, als auch "demokratiepolitisch" wg. sogenannter Fake-News undsoweiter.

In ihrer düsteren Bestandsaufnahme erzählen die Autoren auch eine aufschlussreiche Anekdote aus der Spiegel-Kantine, die als Klick-Anreiz für alle taugt, die sich so wenig wie die SPD (und eigentlich: alle anderen deutschen Parteien ja auch) für Medienpolitik interessieren.

[+++] Was den Ausstoß an Neuem angeht, funktioniert das deutsche Mediensystem weiter bestens, auch jenseits der beitragsfinanzierten Medien. Im Spiegel-Verlag wird an allerhand neuen Ideen gewerkelt. Eine frische Zeitschrift für eine Zielgruppe, der die Zukunft gehört, erblickt heute das Licht der Kioske:

"'Spiegel Classic möchte seine Leser durch ihren Alltag begleiten, in dem sich mit dem Älterwerden auch bestimmte Fragestellungen verändern: Wie wohne ich? Wie verbringe ich meine Freizeit? Wie halte ich mich gesund und fit? Welche Ziele habe ich?', sagt Ressortleiterin Susanne Weingarten. 'Zugleich bleibt das Bedürfnis unserer Leser unverändert, über aktuelle Entwicklungen in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur gründlich und umfassend informiert zu sein ...",

erweckt die Pressemitteilung beinahe den Eindruck, es könne sich um eine gedruckte Tageszeitung handeln. Das Heft soll aber bloß "4x p.a." (Powerpoint-Präsentation, Folie 5) erscheinen, bzw. "wenn es erfolgreich ist, ... in Zukunft regelmäßig". Das sagte Weingarten vergangene Woche bereits Anna von Garmissen (kress.de), und versprach dabei, "deutlich härter" als Brigitte Wir, das erfolgreiche Blatt "für die dritte Lebenshäfte", zu sein ...

Es gibt den bewährten Spiegel-Qualitätsjournalismus also "jetzt für noch ältere 'Spiegel'-Leser", wie werben & verkaufen auf Twitter scherzte. Dort im Onlineauftritt gibt's immerhin das Cover und die drei hinreißenden Titelzeilen "Der Spiegel/ für Menschen mit Erfahrung und Entdeckergeist/ Classic" zu sehen.

Über einen eigenen Internetauftritt verfügt Spiegel Classic einstweilen nicht, und bei Blendle war es am Morgen auch noch nicht zu haben.

[+++] Die Menschen in der dritte Lebenshäfte sind die, die auch vor allem öffentlich-rechtliches Fernsehen sehen. Heute abend sollen sie erst mal bingewitchen à la Volker Herres. Die neue Ereignisserie der ARD startet mit einer Doppelfolge zuzüglich Kurz-Doku im Anschluss, die sogar die "Tagesthemen" nach hinten schiebt. Was sagen die Kritiker zu Regisseur Sönke Wortmanns und Produzent Nico Hofmanns "Charité"?

Sie sind gespalten. Grob gesagt finden Kritiker überregionaler Zeitungen die Serie eher doof, die Berliner Blätter eher gut. Bekanntlich spielt die Handlung in Berlin, wurde aber kaum dort gedreht (Tsp. neulich). Die von Medizinkompetenz sowie allgemeinem Berlin-Überdruss geprägte SZ-Kritik hatten wir gestern im Altpapierkorb. Heute in der FAZ seziert Ursula Scheer mit Medienkompetenz:

"Wie zuvor das ZDF mit seinen 'Event'-Serien "Das Adlon" und 'Das Sacher' schwelgt nun das Erste im Glanz eines bis heute als starke Marke bestehenden Traditionshauses – nur, dass es in der ARD eben ein Krankenhaus ist und kein Hotel, das die Kulisse abgibt für die solche 'Events' auszeichnenden opulenten Kostüme, weitschweifige Handlung und drastischen Schauwerte. Mit der Hospitalisierung aber gerät 'Charité' zwangsläufig in einen Trakt mit allen je produzierten Krankenhausserien ..."

Und da habe Nico Hofmann den Weg gewählt,

"von allem ein bisschen [zu] sein: Telenovela und Historienfilm, Krankenhaus-Splatter zum Weggucken und Kostümschinken zum Hingucken, Annäherung an eine fremde Zeit und Projektion heutigen Denkens in die Vergangenheit. Das Einzige, was 'Charité' wirklich will, ist möglichst viele Punkte auf der Lernzielliste für Zuschauer abzuarbeiten."

"Operation am gebrochenen Herzen" heißt die Überschrift auf der FAZ-Medienseite. Der Text steht noch nicht frei online, kommt aber sicher im Lauf des Tages. "Operation gelungen" heißt die der Berliner Zeitung. Rezensent Torsten Wahl, der ebenfalls andere Arztserien kennt, argumentiert:

"Die Inszenierung von Sönke Wortmann wirkt nicht historisch steif, sondern sehr lebendig. Die Kulisse wurde in Prag gefunden, dass mit ein paar geschickten Schwenks über die heutige Mitte zum Berlin anno 1888 gemorpht wird. Internationale Vorbilder, etwa Steven Soderberghs Krankenhausserie 'The Knick', die einem New Yorker Hospital um 1900 spielte und bei ZDFneo zu sehen war, zeigten die Mediziner-Alltag jener Jahre zwar noch weitaus drastischer und blutiger. Gegenüber den üblichen deutschen Ärzteserien wirkt 'Charité' aber deutlich herausfordernder und anregender auf Geist und Seele."

Der Berliner Tagesspiegel hat mit der Kritik Spiegel-Veteran Nikolaus von Festenberg beauftragt, der immer noch sprachgewaltiger wird. "An den Seriendienstagen der nächsten Zeit kommt es zu Orgien in Weiß. Traumblinde Mullwürfe könnten sich freuen", leitet er ein. Mählich kristallisiert sich aus den Metaphern dann ebenfalls Lob heraus: um "Epochenunterricht vom Fernsehfeinsten" mit der "Stoßrichtung: Nichts war früher besser" handele es sich. Hoffentlich kann von Festenberg auch die Spiegel Classic-Fernsehseite betreuen. 

Bemerkenswert kritisch notiert Tilmann P. Gangloff hier nebenan, dass die Serie

"... letztlich doch noch in jene Falle [tappt], die durch die Betonung der weiblichen Gegenfiguren vermieden werden sollte: Die Frauen sind bloß Beiwerk, weshalb auch keine emotionale Spannung zustande kommt. Der Aufwand ist sichtbar, das Ensemble hochkarätig, das Handwerk (Bildgestaltung: Holly Fink) imposant; aber das Ergebnis auch ein bisschen langweilig."

"Format und Machart sind dem Sendeplatz & den Sehgewohnheiten des öffentlich-rechtlichen Publikums geschuldet", schreibt auch der große Fernsehfiktionfreund Rainer Tittelbach auf seinem tittelbach.tv. In der Tat verdient Beachtung, dass die ARD die einzige Ereignisserie, das sie neben über 160 90minütigen Fernsehfilmen in diesem Jahr überhaupt anbietet, zwar üppig (außer mit kontextsensiblen Nerv-Einblendungen in andere eigene Sendungen auch mit Zeitungsanzeigen heute) bewirbt, ab kommender Woche genau so senden wird wie ihre Nonnen- und Tierarztserien auch: jede Woche um 20.15 Uhr eine 45-Minuten-Folge.

[+++] Seit gestern dann neu im Deutschlandfunk-Radio, und zwar werktäglich ab 15.35 Uhr imme 25 Minuten lang: das Medienmagazin namens "@mediasres", das also "das Geschehen in der Medienwelt ausführlicher denn je im Radio" (medienkorrespondenz.de) begleitet. Hier geht's zum neuen Internetauftritt der Sendung.

Die erste Ausgabe begann schön unaufgeregt. Ganz lustig, wie sich dann Titanic-Chefredakteur Tim Wolff beklagte, dass die Medien viel zu viel über Donald Trump berichten, nachdem es in der ersten Hälfte "@mediasres" quasi ausschließlich um Donald Trump gegangen war.

Mit der "Ligakonferenz aus der vierten Reihe" hatte die Debütsendung aber auch noch ein unverbrauchtes (und für Sportmedien-Interessenten interessantes) Thema am Start.


Altpapierkorb

+++ "Es ist nicht akzeptabel, dass EU-Verbraucher nur ein Gericht in Kalifornien anrufen können, um Streitigkeiten zu schlichten": Mal wieder eine netz- und damit auch medienpolitische Aussage von der in diesem Zusammenhang eigentlich mächtigsten europäischen Einrichtung, der EU-Kommission. Von der Frist, die Kommissarin Vera Jourova den überwiegend bis ausschließlich in Kalifornien ansässigen Netzwerken setzte, berichtete die DPA, allerdings kaum ein deutsches Universalmedium, bloß heise.de. +++

+++ Die "enorm unübersichtliche Geschichte um die Frage, ob der Vorsitzende eines der beiden Berliner Landesverbände der Journalistengewerkschaft DJV in den mittleren 1980ern wissentlich für die Stasi gearbeitet hat", war zuletzt im Dezember 2015 und im September 2015 Thema im Altpapierkorb. Jetzt scheint die Frage geklärt und Bernd Lammel entlastet: Er "wurde demnach ohne sein Wissen als IM geführt, es liegt keine klassische IM-Akte vor, schon gar keine Verpflichtungserklärung". Jens Schneider berichtet auf der SZ-Medienseite ausführlich. +++

+++ "Wer sind die Hasser?" - "Die meisten sind Männer zwischen 20 und 30. Sie arbeiten am Abend oder nachts. Sie spielen gern Computer und gucken Fußball. Und es werden immer mehr." (Raul Krauthausen, "Aktivist für Inklusion", im TAZ-Interview). +++

+++ "Außerdem schrieben Sie 10.000 Zeichen zusätzlich hinein, das sind mehrere Manuskriptseiten": Da berichtet Simone Schmollack ebenfalls in der TAZ über ihr Interview mit dem onlinekolumnierenden Richter Thomas Fischer und den Autorisierungsprozess, der es zum Scheitern brachte. Das Interview hätte in der gedruckten TAZ erscheinen sollen, in der nun bloß der (nette) offene Brief an Fischer erscheint. +++

+++ "Zum letzten Mal Schlagzeilen hat das Kinderfernsehen bei der Kika-Ausstrahlung der 'Teletubbies' gemacht - das war 1999. In den Redaktionen hält man das jedoch für ein Thema von gestern, das angesichts der Fragmentierung des Medienmarktes ohnehin obsolet sei. Zu dem Hinweis, auch in der Medienberichterstattung werde das Kinderfernsehen kaum noch wahrgenommen, heißt es lapidar: 'Das war doch schon immer so'" (noch mal Tilmann Gangloff, nun in epd medien zum 20-Jährigen des Kika). +++

+++ "Nicht mehr als ein elitäres Luxusmagazin, das vielleicht mehr ein Herren- als ein Damenmagazin ist" (Natalie Mayroth wiederum in der TAZ über die ambitionierte neue Springer-Zeitschrift Die Dame, um die es in diesem Korb ging). Wenn dieser Verriss Sie interessiert hat, sollten Sie auch noch den von Andrea Diener neulich in der FAZ lesen. +++

+++ "Mit einem Brief an Intendant Thomas Bellut protestiert der Münchner Personalrat des ZDF gegen die geplante Einstellung des Magazins 'ML Mona Lisa'", meldet die SZ-Medienseite. +++ Auf der FAZ-Medienseite wird eine wieder neue Drittsendezeiten-Klage von Sat.1 beim Verwaltungsgericht Neustadt an der Weinstraße gemeldet, und Michael Hanfeld lobt  Tina Hassels und Rainald Beckers Martin-Schulz-Interview. +++

+++ "Bereits am ersten Wochenende erzielte 'You are Wanted' von allen kostenpflichtigen VoD-Titeln in Deutschland die höchsten Abrufzahlen. Das geht aus einer Analyse von Goldmedia hervor" (horizont.net über die Matthias-Schweighöfer-Serie, die Kritiker überwiegend weniger gut fanden). +++

+++ "Lauter altvertraute Serien und Serien-Helden mit neu produzierten Episoden" zu senden ist das Erfolgsrezept von CBS, berichtet Franz Everschor aus den USA (Medienkorrespondenz). +++

+++ "Wenn er könnte, würde er jetzt seinen Totengräber interviewen" (aus Willi Winklers kurzem SZ-Nachruf auf den mit 88 Jahren verstorbenen "mustergültigen Reporter" Jimmy Breslin). +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.