Eine Familie hat kein Geld für den Schulausflug der Tochter, ein Paar kann seine Miete nicht mehr zahlen. Die Perspektiven auf diese und andere Probleme von Menschen, die von Armut betroffen sind, stehen im Mittelpunkt eines Forschungsprojekts der Universität Kassel. Wie erleben Menschen Armut im Alltag? Welche Hürden prägen ihr Leben und was wünschen sie sich von ihrer Stadt?
Mit diesen Fragen befasst sich seit Januar 2025 das Projekt "Armut in Kassel. Die Sicht armutsbetroffener Menschen". Interviews mit Betroffenen und mit Experten sowie der Workshop "Meine Ideen gegen Armut", bei dem Betroffene ihre Erfahrungen und Vorschläge eingebracht haben, bilden die wesentlichen Projektbausteine.
Die Soziologin und Armutsforscherin Sonja Fehr vom Fachbereich Gesellschaftswissenschaften leitet das von der Stadt Kassel geförderte Projekt. Kassel verfügt bereits über einen "Pakt gegen Armut", in dem Stadtverwaltung und Zivilgesellschaft Hilfsangebote vernetzen. "Bislang aber waren die Betroffenen selbst noch nicht befragt worden", sagt Fehr. Genau hier setze das Forschungsprojekt an, um Ergebnisse zu liefern, die für die Stadt und möglicherweise auch für andere Kommunen richtungsweisend sein könnten.
In einem ersten Schritt befragten die Projektverantwortlichen Expertinnen und Experten, die beruflich mit armutsbetroffenen Menschen zu tun haben. Es folgten ausführliche qualitative Interviews mit zwölf Betroffenen. "Wir sind sehr in die Tiefe gegangen", berichtet Fehr. "Die Gespräche dauerten lange. Die Menschen sind dabei an ihre Grenzen gestoßen. Und auch mich als Forscherin hat das mitgenommen."
Betroffene Menschen ziehen sich zurück
Die Interviews zeichnen eindrückliche Bilder: Eine Frau, die beim Essen so sparte, dass sie stark untergewichtig wurde. Eine ehemalige Alleinerziehende, deren Rente nicht reicht und die sich wünscht, mit einer Ehrenamtskarte Museen kostenlos besuchen zu können. Oder ein psychisch erkranktes Paar, erwerbsunfähig, mit vier Kindern und Haustieren in einer 60-Quadratmeter-Wohnung. "Sie schlafen kaum noch und trauen sich nicht mehr nach draußen", erzählt Fehr. Besonders belastend seien auch für die Forscherin die hoffnungslos wirkenden Situationen.
Auffällig sei, dass alle Befragten nicht nur finanziell, sondern auch gesundheitlich eingeschränkt seien. "Oft haben Schicksalsschläge oder chronische Erkrankungen zur Armut geführt, und die Armut verschärft diese Probleme weiter." Hinzu komme große Scham. Viele nähmen Stigmatisierung sehr sensibel wahr, fühlten sich ausgegrenzt und zögen sich zurück. Aussagen wie "Ich habe Angst vor den Menschen um mich herum" oder "Ich habe Panikattacken" habe sie häufig gehört. Für Fehr ist klar: "Armut verursacht psychisches Leiden."
Steigende Energiepreise verschärfen Situation
Als armutsgefährdet gelte, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. In Kassel betreffe das rund 37.500 Menschen, etwa 18 Prozent der Bevölkerung. Armut sei damit kein Randphänomen, sondern ein Problem der gesamten Stadtgesellschaft. Steigende Energiepreise, teure Lebensmittel und schlechte Wohnverhältnisse verschärften die Lage zusätzlich.
Die Interviewten stammen aus verschiedenen Stadtteilen, sind zwischen 20 und 70 Jahre alt und haben unterschiedliche soziale Hintergründe. Gefunden wurden sie über Sozialträger, die Kasseler Tafel, einen Sportverein und öffentliche Aufrufe. Der Workshop "Meine Ideen gegen Armut", an dem 35 Menschen teilnahmen - darunter 25 Betroffene -, brachte zahlreiche konkrete Vorschläge hervor.
Aus Sicht von Fehr ein Erfolg: "Die Menschen waren dankbar, dass ihnen zugehört wurde." Die Stadt Kassel plane nun, ähnliche Formate regelmäßig anzubieten. Damit könnte das Projekt nicht nur lokal Wirkung entfalten, sondern auch als Modell dienen, wie Kommunen Armutsbekämpfung gemeinsam mit Betroffenen weiterentwickeln können.

