Die Gleichheit der Leberwürste

... wenn schon nicht der Schnitzel. Deutsche Fernsehkomiker machen weiterhin international Furore. Außerdem: eine neue Preis-Nominierung für einen bekannten Preisträger (wenn auch nicht -Entgegennehmer), die Aufmerksamkeitsökonomie und ihr Weiter-Bespielen, "das garstige Prinzip der digitalen Disruption", und woher die Öffentlich-Rechtlichen weggekaufte Stars ersetzen. Ein CIO für ARD & Co?

Die Knaller-Medienmeldung passt perfekt zum Wochentag. Wer freut sich nicht schon auf halb elf heute abend, wenn Olli Welke wieder "unterhaltend und geistreich zugleich" mit "gut gelauntem Politainment" das Wochenende einläuten wird?

Nun steht sitzt Welke endlich wieder auf Augenhöhe mit dem vielleicht noch geistreicheren jungen Kollegen, dessen seit Wochen beängstigende Medienpräsenz sich heute auch noch aus anderen Gründen (siehe weiter unten ...) nahtlos fortsetzt: Die erst kürzlich wieder bekannt gewordene, von Abschaffung bedrohte Strafvorschrift des StGB § 103 wird "gegen das ZDF ... neben dem Fall Böhmermann nun ein zweites Mal bemüht" (FAZ-Medienseite) - gegen die von Welke geleitete "heute-show".

Dieses Mal sind es nicht Vertreter des lange schon amtierenden Sultans, die Anzeige erstattet haben, sondern Sympathisanten des im zweitgrößten deutschsprachigen Staat im ersten, noch nicht entscheidenden Bundespräsidenten-Wahlgang  meistgewählten Kandidaten. Am schönsten erläutert Oliver Das Gupta in der SZ "die Sache mit dem Schnitzel" als "sehr austriakisches Kapitel" (inklusive einer "bemerkenswerten Wende um 180 Grad" des FPÖ-Parteivorsitzenden Heinz-Christian Strache, der übrigens wohl vom ZDF als "BRD-Staatsmedium" redet). Aufschlussreich sind auch die Meldung des österreichischen Standard sowie die Kommentare darunter. Primärquelle, die auch Namen und Vita eines der bislang zwei Kläger nennt, war die Tiroler Tageszeitung.

Das Positive an der Sache, die der "Trittbrettkläger im Windschatten von Erdogan" initiierte, identifiziert die TAZ. "Keine Klage im Zusammenhang mit Satire ist bescheuert genug, als dass die Medien sich nicht umgehend ganz aufgeregt darauf stürzen wie ein Piranha-Schwarm auf ein blutiges Stückchen Fleisch im Wasser", schreibt Heiko Werning zwar, lobt dann aber

"den österreichischen Schnitzler ..., weil er sich so engagiert gegen die Diskriminierung von Muslimen verdient macht. Denn fortwährend heißt es doch gerade aus den schmuddeligsten Ecken, ... dass diese Islamer ja dauernd wegen jedem Unsinn sofort schwerst beleidigt seien, das liege denen sozusagen im Blut. Jetzt aber haben wir es staatsanwaltschaftlich bestätigt: So leicht lässt sich der christliche Abendländler im sinn- und grundlosen Geschmolle noch lange nicht abhängen. Ganz egal, ob halal oder aus Wiener Kalbsfleisch – beleidigte Leberwürste sind letztlich alle gleich."

Der TAZ-Artikel ist online hübsch illustriert, wenngleich nicht vegetarisch und auch nicht mit dem Original-Bild des panierten Etwas in Hakenkreuzform (das übrigens wohl noch nicht im ZDF lief, sondern exklusiv auf Facebook verbraten wurde). Werfen Sie, falls Sie auf keinen der Links im dritten Absatz geklickt haben, auch darauf rasch noch einen Blick, denn ...

[+++] ... wegen genau so etwas, also weil sie eine

"Karikatur in ihren jeweiligen Kolumnen verkleinert abgedruckt"

hatten, sind die Cumhuriyet-Journalisten Ceyda Karan und Hikmet Çetinkaya in der Türkei gerade zu jeweils zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden (zeit.de). Es geht um eine nach dem Massenmord in der Charlie Hebdo-Redaktion aus Solidarität aus dem französischem Satireblatt übernommene Zeichnung, die "den Propheten Mohammed unter der Überschrift 'Alles ist vergeben'" (dw.com) zeigt.

"Cumhuriyet berichtet, nach dem Urteil hätten Nebenkläger im Gerichtssaal 'Gott ist Groß' gerufen. Anadolu meldete weiter, 1.280 Nebenkläger hätten Beschwerden gegen die Kolumnisten eingereicht. Darunter seien zwei Kinder von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan, Bilal and Sümeyye Erdoğan, sowie Sümeyye Erdoğans Ehemann Berat Albayrak. Bei Albayrak handelt es sich um den türkischen Energieminister ...",

fasst zeit.de die Meldungslage aus der Türkei zusammen (siehe auch englisch bei hurriyetdailynews.com). Wie islamistisch dieser außenpolitische Premiumpartner der Bundesregierung gerade wird, versuchten in den letzten Tagen diverse deutsche Leitartikel zu erörtern, z.B. dieser in der SZ. In der Justiz dort scheint es bereits enorm islamistisch zuzugehen, auch wenn dieses Urteil noch nicht letztinstanzlich ist.

[+++] Der junge Mann, der mit Mitteln, über die sich auch streiten lässt (und vielleicht irgendwann vor einem deutschen Gericht gestritten wird), dafür gesorgt hat, dass deutsche Medien zurzeit viel mehr als üblich auf die Medienfreiheit in der Türkei schauen, ist wieder für einen Preis nominiert worden. Nicht ganz für den, dessen Überreichung er neulich spektakulär fern blieb, aber für dessen kleinen Internet-Bruder, den Grimme Online Award.

Für preisverdächtig halten die Nominierer "das Bespielen seiner nahtlos verzahnten Online-Präsenz" (grimme-institut.de). Wenn das so ist, müsste die Medien-Pause, die Böhmi aktuell einlegt, die die irre Nahtlosigkeit seiner Omnipräsenz aber eher noch anfeuert, erst recht preiswürdig sein.

"Die Entscheidung darüber sei schon vor Böhmermanns Erdoğan-Gedicht gefallen, sagte ein Grimme-Sprecher" der Süddeutschen, die in ihrer Meldung überdies schön verdeutlicht, wie die Aufmerksamkeitsökonomie und ihr Weiter-Bespielen funktionieren: Sie nennt ansonsten überhaupt keinen der 27 weiteren Nominierten. Falls die Sie interessieren: Eine Auswahl gibt's hier nebenan in der EPD-Meldung, die gesamte Liste beim Grimmeinstitut.

[+++] Um ins engere Medienressort zu blicken: Eine frisch entfachte Diskussion mit Entwicklungspotenzial (Altpapier) gilt der Frage, was es bedeutet, wenn internationale Konzerne, die erst mal allen Medien infrastruktur-artige Verbreitungswege anbieten, besonders erfolgreiche Medienstars dann auf eigene Rechnung vermarkten wollen. Anlass war der Umstand, dass Spotify den öffentlich-rechtlichen ARD-Radios den schon erwähnten Jan Böhmermann sowie dessen Radio-Kompagnon Olli Schulz offenkundig weggekauft hat.

"Schicksal in Gestalt des garstigen Prinzips der digitalen Disruption", spottet Christian Meier bei welt.de aus dem Hause Axel Springer, wo sie sich mit digitaler Disruption ja auskennen, und fasst zusammen:

"Google, Facebook, Spotify und wie sie sonst noch heißen, sind wunderbare, geradezu ideale Verbreitungskanäle für die Inhalte klassischer Medienunternehmen. Doch gleichzeitig sind Konflikte programmiert, denn die Plattformen streben eine Vormachtstellung in der Informations- und Unterhaltungswelt an. Netflix und Amazon Prime Video spulen ja auch nicht nur abgelegte Serienware ab, sondern produzieren selbst wie entfesselt".

Schon jetzt reichen aus Nutzersicht ja 24 Stunden bei weitem nicht aus, um auch nur das Gute unter all den täglich neu produzierten Medieninhalten zu konsumieren (vom noch Besseren in den ebenfalls laufend anwachsenden Archiven ganz zu schweigen), und dieses Luxusproblem dürfte sich außer für Medienkonsumenten auch aus Produzentensicht, da weniger luxusproblematisch, weiter verschärfen.

Immerhin, auf die Frage, wie die Öffentlich-Rechtlichen weggekauftes Personal ersetzen sollen, bietet Meier indirekt Antwort. "Die Aufregung wäre vermutlich nicht halb so groß, wenn die sehr erfolgreiche Show von Böhmermann und Schulz von einem Privatsender weggekauft worden wäre", schreibt er. Dabei läuft es gemeinhin umgekehrt: Die Anstalten kaufen den knapp kalkulierenden (und lieber jede Menge neuer Kanäle eröffnenden statt teuer produzierenden) Privatsendern ihre relativen Stars weg. Schließlich sind sie durch den Rundunkbeitrag viel sicherer finanziert und können ggf. mit Paketen locken, wie Böhmi und Olli ähnlich vermutlich auch eines angeboten wurde.

Ein weniger prominentes, aber prägnantes Beispiel für so etwas aus dem WDR-Fernsehen beschreibt Reinhard Lüke für medienkorrespondenz.de:

"Nachdem die Blondine mit der markanten Brille 2005 zunächst bei RTL 2 als 'Die Superhausfrau' den Besen schwang, war ihr Name nur vier Jahre später bei Sat 1 zur titelfähigen Marke avanciert: 'Yvonne Willicks räumt auf' hieß dort ihr Sendeformat. Und seit nunmehr sechs Jahren putzt, ordnet und probiert die Frau für den WDR so ziemlich alles und überall."

Inzwischen ist das Privatfernseh-Gewächs Yvonne Willicks fürs westdeutsche Öffentlich-Rechtliche bis hin nach Japan unterwegs (und ein bisschen im Radio auch).


Altpapierkorb

+++ Rund 400 Millionen Euro geben die öffentlich-rechtlichen Anstalten im Jahr für die IT aus. Wie sie davon "mindestens 40 Millionen Euro einsparen, runde zehn Prozent also", könnten, hat die Kommission KEF die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young errechnen lassen. Z.B. durch einen gemeinsamen "Chief Information Officer (CIO)", berichtet Ulrike Simon in ihrer Madsack-Medienkolumne. +++

+++ "Für die Pressevielfalt ist das eine Katastrophe, aber die kam mit Ansage", sagt Zeitungsforscher Horst Röper im neuen epd medien über den Umbau der Mediengruppe Thüringen (siehe Altpapier aus dem Februar): "Die Funke Mediengruppe gehe jetzt in Thüringen so vor, wie sie es bereits in Nordrhein-Westfalen getan habe. Im Zentralisieren ist der Konzern inzwischen erprobt (...). Doch im kleinen Thüringen stellt sich die Situation besonders dar: Die Verbreitungsgebiete der drei Funke-Zeitungen erstrecken sich fast über das gesamte Bundesland mit seinen 2,2 Millionen Einwohnern. Geprägt waren die Zeitungen immer auch durch historisch begründete, regionale Unterschiede." +++ Hintergründe zu einer, im Vergleich natürlich kleinen, aber ungewöhnlichen Parteienspende derselben Funkes schlüsselte kürzlich abgeordnetenwatch.de auf. +++

+++ Wer als erster Bescheid wusste über Focus-Redakteur Michael Klonovsky , der ab Juni "publizistischer Berater" der AfD-Parteichefin Frauke Petry wird: rolandtichy.de ("Das journalistische Schwergewicht stärkt Petry's Rolle an der Parteispitze merklich"). +++ "Wie Talkshows mit der AfD umgehen sollten", versucht David Pfeifer auf der SZ-Medienseite zu analysieren. +++

+++ Der Nannen-Bambi ist wieder da. Per Liveblog ("so spannend war der Abend") berichtete stern.de. Agenturmeldungen gibt's anderswo, natürlich auch bei Gewinnern. +++

+++ Der laut mediadb.eu weltgrößte Medienkonzern kauft für rund 3,4 Mrd. Euro das Trickfilm-Studio Dreamworks Animation, das gerade das Studio "mit einem mehrjährigen Deal zur Produktion von Serien für ... Netflix" "eine neue langfristige Geldquelle fand" (Standard). +++

+++ Weniger Schmerzensgeld als die ursprünglich anberaumte Rekord-Summe muss womöglich der Springer-Verlag an Jörg Kachelmann. Darauf deutet die Verhandlung vor dem Oberlandesgericht Köln (Wolfgang Janisch in der Süddeutschen, Springer-Pressemitteilung). +++

+++ Die seltsame Entwicklung des von Andrej Nekrassow für Arte gedrehten Dokumentarfilms "Der Fall Magnizki", der am 3. Mai spät programmiert war, nun aber vorerst nicht gesendet wird, ist Thema einer DPA-Meldung. +++

+++ Sehr digital heute die gedruckte FAZ-Medienseite: "Wird Facebook Donald Trump verhindern?", fragt Adrian Lobe (es könnte es zumindest; schließlich ließen sich "Manipulationen durch den Newsfeed-Algorithmus kaum beweisen... Er ist ein streng gehütetes Betriebsgeheimnis, und er ist unter Umständen sogar als Code von der Meinungsfreiheit nach dem First Amendment der amerikanischen Verfassung geschützt"). +++ Fridtjof Küchemann informiert über die angeblich bedrohte Vielfalt der Emojis ("Auch dass sie katalogisiert und registriert sind, kann ihren Variantenreichtum nicht verhindern. Gebräuchliche Betriebssysteme wie die von Apple oder Google und populäre Dienste wie Facebook oder Twitter haben den über tausend Grinsgesichtern, Wesen und Zeichen ihre je eigene Gestalt gegeben. Was sich bei Microsoft zum Beispiel als Graugesicht mit zum Dank oder zum Gebet aneinandergelegten Handflächen zeigt, kann bei Googles Android auch als sich abklatschende Hände gelesen werden ...") +++

+++ Und wie die Deutsche Telekom als Fernsehanbieter ihren Kunden das Zappen ersparen möchte, berichtet von einer Präsentation in Berlin Peer Schader (dwdl.de). +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Montag.