Der Verbreitungsweg kauft ein

Der Verbreitungsweg kauft ein
Ein älterer Aufreger (der "Landesverrat"-Vorwurf aus dem letzten Sommer) kehrt zurück, und der tagesaktuell vorvorige BND-Chef half dabei. Jan Böhmermann lehrt und lehrt, nun auch die Öffentlich-Rechtlichen, wie digitaler Kapitalismus funktioniert. Was außerdem Fortschritte macht: die Musealisierung der deutschen Presse. Sowie leider auch die Verminderung ihrer Glaubwürdigkeit.

Eine Community, die in vielen grundsätzlicheren aktuellen Debatten in den und daher oft auch über die Medien ziemlich häufig genannt wird: alte Männer, häufig auch "weiße alte Männer". Hier im Altpapier wurde kürzlich etwa die Frage gestellt, ob es nicht vor allem alte Männer sind, die den jüngeren Kollegen Böhmermann (kommt weiter unten ...) gut finden. Obwohl oder weil in den deutschen Medien viele Männer unterwegs sind, die allenfalls früher jung waren, ist die Community-Bezeichnung selten positiv gemeint. Was nicht immer ganz fair ist ...

Falls Sie jetzt gespannt geworden sind: Hier gibt's viele ältere Männer zu sehen und hören, wie sie vom Journalismus früher erzählen. Der Link führt zur Subseite "Gedächtnis der Nation" des ganz neuen Portals hausderpressefreiheit.de. Dabei handelt sich um ein Projekt des Vereins Deutsches Pressemuseum Hamburg e.V., informiert das "Über uns":

"Ziel war der Aufbau eines realen Museums nach dem Vorbild des 'Newseum' in Washington DC. Als dieses Vorhaben an einer Finanzierung scheiterte, hat der neue Vorstand im Jahr 2012 beschlossen, einen anderen und sicher zeitgemäßen Weg zu gehen. Statt eines realen Museums entwickelten wir  die Idee eines virtuellen Auftritts – für jedermann problemlos nutzbar."

Nicht auszuschließen, dass die Presse da eine Musealisierung vorantreibt, die so nicht in ihrem Interesse liegen kann. Aber hier sind wir natürlich fair: Mit Gräfin Dönhoff ist in der "Hall of Fame" bereits eine Frau vertreten. Und das Segment "Deutsche Geschichte im Spiegel der Presse" verspricht durchaus interessant zu werden. Ja, wenn die bereits am Donnerstagmorgen prallvolle Webseite im Verlauf des Tages richtig live geht, soll im Kontext der Presefreiheit sogar "auch die Böhmermann-Affäre" (kommt weiter unten ...) Thema sein.

[+++] "Die Staatsaffäre", von der der Rechercheverbund correctiv.org, zeit.de und wohl auch Kölner Stadtanzeiger berichtet, ist noch eine andere, in all den Empörungswellen der jüngeren Echtzeit seither fast schon wieder vergessen gewesene. Es geht um den kurzfristig erhobenen "Landesverrat"-Vorwurf gegen die netzpolitik.org-Betreiber im Sommer 2015 (Altpapier).

"Alle dachten, dies sei ein massiver Angriff auf die Pressefreiheit. In Wahrheit ging es aber gegen das Parlament",

fassen die correctiv.org-Autoren Marcus Bensmann und David Crawford ihren lesenswerte Recherche ("Auswertung von Dokumenten und Gespräche mit Insidern") zusammen, die u.a. enthüllt, dass im Bundesinnenministerium seit Sommer '14 ein Referat "Spionageabwehr, Landesverrat, Wirtschaftsschutz, Proliferation, ABC-Kriminalität" tätig ist. Falls Sie solche Longreads scheuen: Eine einstündige Diskussion darüber mit netzpolitik.orgs Markus Beckedahl ist via Youtube inzwischen ebenfalls verfügbar.

Einer der Insider, der in dieser Recherche eine wichtige Rolle spielt, ist natürlich ein älterer ("großer, weißhaariger") Mann: der ehemalige BND-Präsident August Hanning. Wir schalten mitten in den Artikel:

"Nach der Sitzung strebt Hanning über die Flure des Bundestagsgebäudes dem Ausgang entgegen, seinen Rollkoffer hinter sich herziehend. Hanning läßt sich auf ein kurzes Gespräch mit Correctiv ein. Er wettert los: 'Die Öffentlichkeit und das Parlament haben kein Verhältnis zur Sicherheit.' Frage: Gilt das auch für den Fall Netzpolitik? 'Das ist eine Kultur der Durchstecherei. Geheime Akten landen bei Abgeordneten und werden sofort weitergegeben. Die sind noch stolz darauf.' Welche Strategie habe der Geheimdienst dagegen? Hanning: 'Maaßen wollte über den Netzpolitik-Fall vor dem Bundesverfassungsgericht klären lassen, dass der Geheimschutz der Regierung nicht derselbe sei wie der Geheimschutz des Parlaments.' ..."

Dass August Hanning ganz tagesaktuell nicht mehr der vorige, sondern bereits der vorvorige BND-Präsident ist (weil sein Nachfolger abgelöst wird), könnte zeigen, dass das Thema heiß ist. Eine "personelle Sensation", schreibt jedenfalls die FAZ im Politikressort zur frischen Personalie (bzw. "klärendes Gewitter" auf der Titelseite; und der altbekannte Rechercheverbund aus Hans Leyendecker und dem ja wohl NDR-Redakteur Georg Mascolo raunt in der SZ auch so allerlei ...).

[+++] "Der Gesetzgeber fiele der Justiz geradewegs in den Arm. Der Fall gliche dem der Entlassung des Generalbundesanwalts Range im Sommer vergangenen Jahres durch den Bundesjustizminister. Sie erfolgte deshalb, weil Range ein Ermittlungsverfahren betrieb, dessen Fortführung Maas nicht wünschte":

Diesen Vergleich zieht heute ebenfalls in der FAZ Hans Hugo Klein, und zwar für den Fall, dass Paragraph 103, also der aus jüngsten Diskussionen bekannte Majestäts- und Sultansbeleidigungsparagraph gestrichen würde, wie es Teile der Bundesregierungs-Koalition tun möchten. "Die Folge wäre, dass an die Stelle der bisher zwischen den Staaten befolgten Regeln der Höflichkeit Umgangsformen à la Böhmermann träten - unter Vorantritt Deutschlands!", teasert faz.net den Beitrag auf der "Staat und Recht"-Seite an.

Einerseits ist Hans Hugo Klein ehemaliger Bundesverfassungsrichter. Ob seine Argumentation verfängt, ist eine andere Frage. Schließlich hatte andererseits die Regierung nicht zuletzt durch Ranges Entlassung ja erreicht, was sie wollte, und die kurzzeitige Aufregung über den "Landesverrat"-Vorwurf gegen Journalisten gründlich erstickt. Will sie so etwas nicht auch nun?

Womit wir aber endlich bei Jan Böhmermann sind, der weiterhin jede Menge Strafanzeigen auf sich zieht (der Credit für die Nachricht, dass deren Zahl sich laut Leitender Oberstaatsanwältin "geschätzt im oberen dreistelligen Bereich" bewegt, gebührt der Rheinischen Post) und weiterhin viel Stoff zum Lernen bietet. Nur zum Beispiel: dass es in Deutschland weder Botschaften-Fotografierverbote gibt, noch eine Fotografierverbote-Erteilung aus Botschaften heraus. Da handelt es sich um eine Enthüllung der neuen öffentlich-rechtlichen "digitalen Informationsmarke rbb|24", für die Robin Avram von einem Erlebnis der freiberuflichen Fotografin Christine Müller berichtet.

[+++] Den RBB und Böhmermann verband bis vor kurzem noch etwas anderes, auch das stand gestern an dieser Stelle. Die bislang vom RBB-Radio Eins produzierte Sendung "Sanft & Sorgfältig" sei von Spotify  "rausgekauft worden auf Grund des Erfolges", sagt Radio Eins-Programmchef Robert Skuppin im NDR-"Zapp"-Interview (Video), und das sei "schon schade". Woraus Ulrike Simon bei horizont.net mit Aussagen des MDR- und ARD-Sprechers Steffen Grimberg ("Spotify ist einer der großen Mitbewerber in der digitalen Welt") einen neuen Diskussionsstrang entwickelt:

"Bisher war Spotify für mehrere ARD-Hörfunkwellen ein spannendes Experimentierfeld, vorneweg für den Bayerischen Rundfunk (Puls) und Radio Bremen ... . Die meisten stellen Spotify Playlists zur Verfügung, Deutschlandradio auch wortgetriebene Formate. ... Die Ansichten der ARD-Verantwortlichen dazu waren geteilt: Die einen begegneten dem Engagement mit Skepsis, die anderen freuten sich über die Kooperation mit Spotify. Der schwedische Streamingdienst war für sie schlicht ein zusätzlicher Verbreitungsweg, der mehr Reichweite vor allem bei jungen Nutzern versprach. Und jetzt?"

Jetzt ist es so, dass ein kommerzielles Angebot, dass die ARD einfach als Infrastruktur betrachtete, um mit ihren vielen, vielen, äh, digitalen Marken besser junge Leute erreichen zu können, groß genug geworden ist, um die jeweils attraktivsten Inhalte all derer, die seine Verbreitungswege nutzten, auf eigene Rechnung zu übernehmen.

Vor dem Hintergrund, dass das in Kürze anlaufende "Junge Angebot" von ARD und ZDF, einst als "Jugendkanal" angekündigt, ja "vor allem auf sozialen Netzwerken verbreitet" werden soll - etwa bei Googles Youtube und auf Facebook, also noch viel viel größeren Konzernen (und weniger europäischen) als dem schwedischen Spotify - ist das wirklich ein Denkanstoß für die öffentlich-rechtlichen Strategen.  


Altpapierkorb

+++ Gerade sind die an Bundesregierung beteiligten Parteien sehr rege beim Gesetzespläne-Machen. "In einem Entschließungspapier der Fraktionen CDU/CSU und SPD, das Telepolis vorliegt, wird gefordert, in einem geplanten Gesetz zur Umsetzung der Richtlinie 2014/26/EU "über die kollektive Wahrnehmung von Urheber- und verwandten Schutzrechten [….]" die "Beteiligung von Verlegern an gesetzlichen Vergütungen [zu] erhalten". Da geht's, wie heise.de meldet, um Konsequenzen aus dem in der Nische viel diskutierten Urteil zur VG Wort. +++ "Der Aufschrei der Verleger und der mit ihnen in dieser Sache verbündeten Journalistenverbände DJV und ver.di ist ... so hysterisch und panisch, als habe sich eine unvorhersehbare Naturkatastrophe ereignet", schreibt Stefan Niggemeier dazu bei uebermedien.de und zitiert den Urteil-Erstreiter Martin Vogel ("Keiner hat in den einschlägigen Artikeln ihre", der Autoren und eigentlichen Urheber, "Rechte dargestellt. Das hätte man von seriösen Blättern erwarten müssen, wenn man ihnen nicht allgemein eine verminderte Glaubwürdigkeit zubilligen will"). +++ Die Gegenseite schießt weiterhin aus allen Rohren, z.B. die Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst, z.B. bei zeit.de die Theaterautorin und Illustratorin Karen Köhler in Form eines offenen Briefs ("Lieber Martin Vogel, ... ich habe Sie eben gegoogelt ..."). +++

+++ Böhmi ist nicht der einzige Grimme-Preisträger, gegen den die Staatsanwaltschaft ermittelt. Daniel Harrich ("Tödliche Exporte", zuletzt in diesem Altpapier erwähnt), ist ein weiterer (meedia.de u.a. mit Bezug auf die Münchener AZ). +++

+++ Auch das könnte ein größerer Aufreger werden: "dass die EU-Kommission den Einsatz von Anti-Adblockern für mit dem Datenschutzrecht nicht vereinbar" halten wollen könnte (faz.net, digitalfernsehen.de). +++

+++ Und das: dass die EU-Kommission "Grundrechte wie die Meinungsfreiheit in die Hände von undurchsichtig agierenden Unternehmen ..., die frei jeder Rechenschaftspflicht sind", legen wollen könnte (netzpolitik.org). +++

+++ "Ich will weder digitaler Hundefutterverkäufer werden, noch möchte ich Event-Manager werden und mir nebenbei quersubventioniert eine Zeitschrift leisten. Es soll und muss in unseren Augen über das Kerngeschäft möglich sein – mit Zusatzkonzepten –, das Ding in den schwarzen Bereich zu kriegen. Wenn das nicht der Fall ist, dann hat das ja auch nichts mehr mit meinem Job zu tun. Wenn das Ganze nur noch ein Potemkinsches Dorf ist, eine Hülle, auf der Verlag draufsteht, und nebenbei kommt auch noch eine Zeitschrift dabei heraus, aber in Wahrheit wird da auf digitalen Kanälen alles Mögliche verkauft oder es werden große Events gemacht, wo Lobby-Organisationen dafür zahlen, dass sie einen Spitzenpolitiker am Kaffee-Tresen treffen, dann ist das nicht unser Ansatz". Sagt Cicero-Chefredakteur und ab Mai auch -Herausgeber Christoph Schwennicke im Interview auf der SZ-Medienseite. Es ist lesenswert (Claudia Tieschky: "Also wie würden Sie Ihre publizistische Linie beschreiben?" - Schwennicke: "Radikal bürgerlich." - "Holla."), aber nicht gratis. +++

+++ Außerdem nennt ebd. Wolf Schneider "vier Gründe" für Henri Nannens Erfolg, geht es um einen "ehrenamtlichen Werbe-Spot für die milliardenschwere Marke BMW", zu dem sich der Chefredakteur des "österreichischen Ablegers der altehrwürdigen Neuen Zürcher Zeitung" kurz hinreißen ließ (siehe auch Standard), sowie um den neuen "Zürich-Krimi" der ohne Unterlass Krimi nach Krimi ausstoßenden ARD ("Jede Figur trägt ihr Herz (oder den Stein, der dort als Platzhalter installiert ist) auf der Zunge"). +++ Ferner würdigt Hans Hoff die Fernsehlotterie, die ein Jubiläum begeht und "im Geburtstagsjahr um Bedeutung" ringt. +++

+++ Auf der FAZ-Medienseite geht es, holla, um digitale Museen. "Wer nicht persönlich vor die Kunstwerke tritt, kann Meisterstücke aus den großen Sammlungen dieser Welt online betrachten und dabei eine Menge lernen", lobt Ursula Scheer Onlineauftritte des Städel und des MOMA. +++ Außerdem befasst sich Adrian Lobe mit einer Qwartz (qz.com)-App, "die das Nachrichtengeschäft verändern könnte: Man liest Nachrichten nicht mehr, man chattet mit ihnen. Statt Überschriften bekommt der Nutzer Push-Nachrichten aufs Handy, die sich wie die SMS eines Bekannten lesen. Zum Beispiel öffnet sich ein Chatfenster mit dem Inhalt: 'Guten Morgen. Netflix ist bald in fast allen Ländern der Welt verfügbar.' Der Nutzer sieht die Nachricht und antwortet: "Fast alle?" Daraufhin schickt der Dienst eine Antwort: "Yeah. Es ist noch nicht verfügbar in China, Nordkorea und Syrien. ...' ...Die Nachricht wird nicht en bloc geliefert, sondern entwickelt sich aus einem Chatverlauf heraus, sie ist dynamisch." +++

+++ Ebd. kreisen Glossen um "die stärkste Mannschaft bei der Fußball-EM im Juni in Frankreich": "Mit 500 Mann (inklusive einiger Frauen) werden wir dabei sein". Anno Hecker plädiert dafür, "ARD und ZDF im Wechsel zu EM und WM zu schicken. Das wäre billiger – für den Beitragszahler". +++ Und um "Seine Majestät, Sultan Erdogan, der uns Europas Erpressbarkeit geradezu lustvoll oder mit einem gewissen Wahnwitz inzwischen täglich vor Augen führt" (schreibt Michael Hanfeld). +++ 

+++Den "Zürich-Krimi" findet Matthias Hannemann von der FAZ nicht gar so doof ("Auch wenn der Zuschauer nicht gerade verrückt wird vor Spannung: Christian Kohlund geht in seiner Rolle beachtenswert auf. Den Part der Anwältin an Borcherts Seite freilich hat zuerst Katrin Bauerfeind inne, dann Ina Paule Klink. Das sei aus Termingründen geschehen, erklärt die ARD-Produktionstochter Degeto. Sollen wir das glauben?"). +++ "Zumindest klingen die Dialoge anders als im 'Tatort' aus Luzern nicht künstlich" (Tilmann P. Gangloff hier nebenan). +++

+++ Und Joachim Huber vom Tagesspiegel stärkt den Standort und lobt schon mal ("Die ARD nimmt gesellschaftliche Fragen ernst"), dass der RBB mit Oliver Berben und der Degeto den von-Schirach-Theatererfolg "Terror" auch für die ARD verfilmt. +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Freitag.

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