Wenn Aggression auf Sanitäter:innen eskaliert

Silvesterböller explodieren vor  Rettungswagen
Robert Michael/dpa
Mit Böllern beschossen, mit Steinen attackiert: Alltag der Rettunsgkräfte? (Symbolbild)
Raketen auf Rettunskräfte
Wenn Aggression auf Sanitäter:innen eskaliert
Immer häufiger werden Rettungskräfte angegriffen. Exklusiv auf evangelisch.de sprechen Vertreter von ASB und DRK über die brutale Realität der Rettungssanitäter:innen. Gewaltexperte Manuel Heinemann erklärt, was hinter den Taten steckt und was jetzt dringend geschehen muss.

"Angriffe auf Rettungskräfte haben stark zugenommen." Thomas Müller-Witte, Geschäftsführer vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) - Landesverband Hessen, beschreibt die Arbeitsrealität seiner Mitarbeiter:innen.

"Zu Silvester wurden Rettungskräfte mit Feuerwerkskörpern angegriffen, wie es leider seit Jahren vermehrt vorkommt. Sie werden mit Böllern beworfen oder Raketen beschossen." 

In den vergangenen 24 Monaten habe der ASB einige außergewöhnlich schlimme Angriffe auf seine Rettungskräfte verzeichnen müssen. "In einem Fall hat ein Mann einen Notfallort mit Pflastersteinen beworfen, verletzt wurde nur durch Glück niemand. In einem anderen Fall wurde einem Rettungssanitäter, von einem vorbeifahrenden Fahrradfahrer, gegen den Hinterkopf getreten, der sich vermutlich darüber aufgeregt hat, dass der Rettungswagen (an einem Notfallort) auf einem Fahrradweg abgestellt gewesen ist."

Kleinere Übergriffe, wie Bedrohungen und Beleidigungen seien an der Tagesordnung. "Wir haben in den Großstädten aber insgesamt eine explodierende Gewaltkriminalität, bei der nicht nur Rettungskräfte Opfer werden. Der Staat muss dieses Problem umfassend in den Griff bekommen."

Aktuelle bundesweite Daten zeigen, dass Gewalt gegen Rettungskräfte einen traurigen Höchststand erreicht hat. Laut dem jüngsten Bundeslagebild des Bundeskriminalamts wurden im Jahr 2024 ganze 2.916 Beschäftigte von Rettungsdiensten Opfer von Gewalttaten. So viele wie nie zuvor seit Beginn der Erfassung im Jahr 2018. Die Zahlen machen deutlich, dass Übergriffe auf Rettungssanitäter längst kein Ausnahmephänomen mehr sind, sondern zum belastenden Alltag im Rettungsdienst gehören.

Manuel Heinemann ist Experte für Amokprävention. Er berät Behörden, Unternehmen und Zivilgesellschaft und beschreibt zwei Arten von Angriffen: "Das eine ist der Angriff aus dem Impuls heraus, die impulsive Aggression oder situative Gewalt. Das andere ist die instrumentelle Aggression und zielgerichtete Gewalt." Die impulsive Aggression entstehe aus dem Moment heraus. "Das können Gruppendynamiken sein, wo man zusammensitzt, vielleicht auch angetrunken ist, Stichwort Silvester."

Diese Gemengelage kann zu Übergriffen führen. "Das ist von außen oftmals in der Logik sehr schwer nachvollziehbar, weil diese Situationen gar keine von außen nachvollziehbare Logik haben", erklärt Heinemann. Angriffe auf Rettungskräfte werden aber auch bewusst und mit Vorbereitung geplant, berichtet der Gewaltexperte. "Unter einem falschen Notruf werden Rettungskräfte irgendwohin gelockt und angegriffen."

DRK-Perspektive

Mike Mann (Bereichsleiter Rettungsdienst und Notfallmanagement) und Hagen Schmidt (Referent Betreuungsdienst und stellvertretender Bereichsleiter des Katastrophenschutz, Bereitschaften und Suchdienst) vom Deutschen Roten Kreuz - Landesverband Hessen äußern sich zurückhaltender als ihr Kollege vom ASB: "Einsätze im Rettungsdienst finden jeden Tag und zu jeder Uhrzeit statt. Die große Mehrheit dieser Einsätze verläuft ruhig und respektvoll." Konflikte entstünden meist nicht aus "Feindschaft" gegen Rettungskräfte, sondern aus Stress, Überforderung, Emotionen und manchmal wegen Alkohol oder anderer Beeinflussungen. Das zeige sich besonders bei großen Veranstaltungen, in Abend und Nachtsituationen, an Wochenenden oder an Feiertagen.

"Die Silvesternacht ist ein bekanntes Beispiel dafür, weil dort Pyrotechnik, Menschenansammlungen und Alkohol häufiger zusammenkommen. Unsere Mitarbeitenden berichteten vereinzelt von gezielten Beschüssen mit Silvesterraketen, als sie zur Mitternachtsstunde mit Blaulicht und Martinshorn zur Hilfe eilten."

Ihrer Einschätzung nach kommt es oft zu verbalen, aggressiven Übergriffen oder Unverständnis wegen der Einsatzfahrzeuge. Die "müssen im Notfall dort stehen, wo Hilfe gebraucht wird. Das kann bedeuten, dass wir Verkehrswege vorübergehend blockieren, Zugänge sichern, Rettungswege freihalten oder den Motor laufen lassen, weil medizinische Geräte Strom benötigen oder der Innenraum des Rettungswagens geheizt werden muss".

Daraus entstünden "Diskussionen, Drängeln in den Arbeitsbereich oder das Ignorieren von Absperrungen". Nur selten eskaliere das aber zu körperlichen Übergriffen. Dennoch bleibt das Ergebnis gleich: "Jede solche Störung gefährdet nicht nur unsere Mitarbeitenden, sondern vor allem auch Patientinnen und Patienten, für die jede Minute entscheidend sein kann."

Täterpsychologie

Was treibt Menschen dazu, Rettungssaniäter:innen anzugreifen? Müller-Witte findet emotionale Worte:  "Unsere Wertvorstelllungen und unser Verständnis von einem dankbaren oder zumindest respektvollen Umgang mit Menschen, die anderen helfen, trägt diese Tätergruppe nicht in sich." Weiter sagt er: "Wir haben es ganz überwiegend mit Tätern zu tun, die viel Aggressivität in sich tragen, unseren Rechtsstaat nicht akzeptieren oder ihn nur als äußerst schwach erleben und sich in vielen Fällen wahrscheinlich auch langweilen, wenn sie in den Städten 'rumlungern'. Mitgefühl mit ihren Opfern, ganz gleich ob Rettungskräfte oder andere Betroffene, lässt sich zumeist gar nicht erkennen."

Gewalt-Experte Heinemann nennt weitere Faktoren: "Enthemmung, mangelnde Empathie, toxische Männlichkeit – solche Dinge haben immer einen entsprechenden Anteil." Ebenso spiele Hass auf den Staat eine Rolle. "Dann kann es völlig egal sein, ob einem ein Parkraumüberwacher, Rettungsdienst, Feuerwehr oder Polizei über den Weg läuft." Jeder Uniformierte repräsentiere den Staat und sei damit ein potenzielles Ziel. "Dass das nicht logisch ist, ist klar. Aber es geht wie gesagt oft nicht um Logik", sagt Heinemann.

Er weist darauf hin, wie wichtig es ist, kein Täterprofil zu erstellen, das vor allem Männer mit Migrationshintergrund ins Visier nimmt. "Das ist aus meiner Sicht unseriös. Natürlich gibt es statistische Häufungen. Aber Narrative, die daraus entstehen – insbesondere rechte Narrative –, sind problematisch." Es sei nicht seriös, individuelle Verhaltensweisen an menschlichen Merkmalen festzumachen.

Dennoch betont er: "Wir haben es hier natürlich mit Herausforderungen zu tun." Wenn man sich jedoch die neueste Studie des Ifo-Instituts anschaue, dann zeige sich, dass Migration kein Primärauslöser für Kriminalität sei, sondern soziale Faktoren. Ghettoisierung zum Beispiel sei ein Faktor wie auch ein niedriges sozioökonomisches Potential. Niedrige Möglichkeiten zur sozialen Teilhabe. "Da können genau diese Gruppendynamiken entstehen", so Heinemann. "Rechte Narrative versuchen das häufig als spezifische Ausländerkriminalität zu labeln. Aber so was gibt’s bei Deutschen schon auch." 

Rechtliche Folgen

Wer Rettungskräfte angreift, muss mit rechtlichen Folgen rechnen. Der Gesetzgeber schützt Einsatzkräfte ausdrücklich, unter anderem über § 115 StGB, der den tätlichen Angriff auf Personen erfasst, die Vollstreckungsbeamten gleichstehen. Das DRK sagt: "Wir begrüßen Bestrebungen, das Strafmaß zu erhöhen." Gleichzeitig sei die Strafverfolgung in der Realität nicht immer einfach, weil sich Kräfte im Einsatz auf die Versorgung konzentrieren müssten und Verursacher im Nachgang nicht immer eindeutig zu ermitteln seien.

Auch Müller-Witte appelliert an die Politik: "Wir brauchen eine konsequente Strafverfolgung solcher Übergriffe, zu häufig droht den Tätern rein gar nichts. Zumal wir es überwiegend mit einem Täterprofil zu tun haben, dass Gesetze und unsere Rechtsordnung überhaupt nicht interessiert, warum auch, wenn sowieso nichts passiert."

Was sollte jeder tun, der Zeuge eines Übergriffs während eines Rettungseinsatzes wird? Ist es besser, den Ort zügig zu verlassen, um die Unruhe nicht noch zu verstärken oder sollte man den Rettungskräften zur Hilfe eilen? "Wer einen Übergriff beobachtet, sollte umgehend die Polizei informieren und das Beobachtete zeitnah notieren, damit Details nicht vergessen werden", sagt das DRK.

Die beste Unterstützung bei einem Unfall sei es prinzipiell Abstand zu halten, Rettungswege freizulassen, Absperrungen zu respektieren und Anweisungen zu befolgen. "Wenn wir tätig werden, geht es immer um eine individuelle Notlage. Hierfür wünschen wir uns Respekt und Verständnis." Müller-Witte sagt: "Den Rettungskräften laute verbale Unterstützung zu geben, das kann Täter abschrecken und wenn man sich darin sicher fühlt den Rettungskräften helfen einen Angriff abzuwehren. Hilfreich ist auch, wenn mit der Handykamera Fotos von den Tätern gemacht werden, damit steigen die Chancen, diese später ermitteln zu können."
 
Müller-Witte glaubt an eine drastische Veränderung: "Wenn die Entwicklung weiter anhält, müssen Einsatzstellen in einem risikoreichen Umfeld zukünftig zusammen mit der Polizei angefahren werden, das kann dann zwar Verzögerungen für den Hilfeersuchenden bedeuten, aber wir haben als Gesellschaft auch die Pflicht die Sicherheit der Einsatzkräfte zu priorisieren."

Längst ist es fester Bestandteil der Ausbildung im Rettungsdienst, wie Mitarbeitende auf solche Vorfälle reagieren sollen. "Sie erhalten in Ihrer Ausbildung sowie Fortbildungen grundlegende Schulungen zum Umgang mit Stress und belastenden Ereignissen", sagt das DRK.

Vor allem die Unterstützung aus den eigenen Reihen habe sich bewährt. Es gibt so genannte Kollegiale Ansprechpartner. Dies seien besonders aus- und fortgebildete Kolleg:innen, erste vertraute Ansprechpartner:innen, und können hilfereiche Tipps zum Umgang mit Stress und Belastung geben. Beim ASB reagiert man auf die veränderten Arbeitsbedingungen damit, dass die Mitarbeitenden immer im Team arbeiten. "Der erste Schritt in der Bewältigung von solchen Erlebnissen ist immer das Gespräch unter Kollegen", sagt auch Müller-Witte. 

Wie die Einsatzkräfte mit dem Stress umgehen, das ist individuell, so Mike Mann und Hagen Schmidt vom DRK. "Im Zentrum steht die Frage: Was tut mir gut? Sport, gutes Essen, Ablenkung oder Gespräche. Für andere ist es eher Abstand, Ruhe und Routine. Ein wichtiger Bestandteil der persönlichen Resilienz ist daher die Kenntnis über die eigenen Ressourcen und Strategien im Umgang mit außergewöhnlichen und belastenden Ereignissen."

Prävention statt Strafen

Ob härtere Strafen Täter tatsächlich abschrecken können, daran glaubt Manuel Heinemann nicht. "Bei Impulstaten wird in der Regel nicht über mögliche Konsequenzen nachgedacht. Die Höhe der Strafen hat auf das Auftreten von Kriminalität meist nur geringe Auswirkungen", erklärt der Experte. "Sonst gäbe es ja weder Diebstähle noch Tötungsdelikte oder andere Vergehen – schließlich existieren die Strafen ja bereits. Mal ehrlich: Einem Mörder ist es völlig egal, ob er 20, 25 oder 30 Jahre ins Gefängnis muss."

Heinemann hat jedoch einen Lösungsvorschlag: "Ich halte es für wichtig, die soziale Arbeit zu stärken, insbesondere in Brennpunktvierteln. Das ist eine der zentralen Komponenten." Soziale Räume für junge Menschen seien notwendig, meint er, um ihnen die Möglichkeit zu geben, toxische Narrative zu hinterfragen und aufzubrechen. Auch spezielle Kontaktbeamte bei der Polizei, die mit jugendlichen Intensivtätern arbeiten, seien denkbar. "Das hat einen großen Effekt."

Eine enorme Hebelwirkung entstehe zudem, wenn man jungen Menschen mit Wertschätzung und Respekt begegne. "Wenn bei der Polizei ein gewisser Respekt vorhanden ist, wird sie auch anders wahrgenommen." 

Am Ende kommt es auf Respekt an, auf beiden Seiten.