Was Kirchen von einem Landeschef Özdemir erwarten können

Grünen-Politiker Cem Özdemir
epd-bild/Christian Ditsch
Da war er noch Bundesernährungsminister: der Grünen-Politiker Cem Özdemir im Sommer 2024 (Archivfoto v. 14.8.24). In seinem vermutlich nächsten politischen Amt stellt sich nun die Frage, was für Positionen der designierte Ministerpräsident von Baden-Württemberg, der keiner Kirche angehört, zu Glauben und Religion einnehmen wird.
Gretchenfrage zum Wahlsieger
Was Kirchen von einem Landeschef Özdemir erwarten können
Cem Özdemir wäre im Fall seiner Wahl der erste Ministerpräsident Baden-Württembergs, der keiner Kirche angehört. Religion hat ihn allerdings immer beschäftigt. Als schlechter Schüler schaffte er nur im evangelischen Religionsunterricht eine Eins.

Winfried Kretschmann war für die Kirchen in Baden-Württemberg eine sichere Bank. Der grüne Ministerpräsident, der auch im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK) mitgearbeitet hatte, ist vom christlichen Glauben tief geprägt, ließ sich das Amt des "kirchenpolitischen Sprechers der Landesregierung" als Ministerpräsident nicht nehmen und schlug sich in manchen Debatten auf die Seite der Kirchen. Sein designierter Nachfolger Cem Özdemir wäre der erste Regierungschef im Südweststaat, der keiner Kirche angehört.

"Wie hast du's mit der Religion?", fragt Gretchen in Goethes berühmtesten Bühnenstück "Faust" - und bei Özdemir ist diese Frage nicht leicht zu beantworten. Der Überraschungssieger bei der Landtagswahl vom 8. März wurde in einer muslimischen Familie in Bad Urach (Kreis Reutlingen) geboren.  Das Umfeld in der Kleinstadt am Fuß der Schwäbischen Alb war protestantisch mit pietistischer Färbung. 

Özdemirs Mutter schickte den Sohn in den evangelischen Religionsunterricht in der Überzeugung, dass er dort Nützliches über den Glauben an Gott lernen könne. Es war das einzige Fach, in dem der junge Cem an der Realschule glänzte und die Note eins schaffte, während er sonst ein "lausiger Schüler" war, wie der Journalist Peter Henkel dem Evangelischen Pressedienst sagte. Henkel hat mit seiner Frau Johanna Henkel-Waidhofer die erste Biografie über den Grünen-Politiker vorgelegt.

Als Muslim im evangelischen Religionsunterricht

Özdemir brüstet sich, er hätte "einen Vortrag über den Unterschied zwischen evangelischer und katholischer Kirche, die Bedeutung der Heiligen Sakramente, des Alten und Neuen Testaments, Ost-Rom, Byzanz, die Orthodoxe Kirche und den Protestantismus oder den Unterschied zwischen historisch-kritischer Exegese und der Verbalinspiration halten können".

Christ ist er dabei nie geworden. Der frühere Bundeslandwirtschaftsminister bezeichnet sich als "säkularen Muslim" und letztlich auch als Agnostiker, weil er einfach nicht wisse, ob es Gott gibt.

Seine Sicht auf den Islam hat sich allerdings gewandelt. Nahm er die Anhänger in jungen Jahren in Schutz, wenn ihr Glaube mit muslimischem Terror in Verbindung gebracht wurde, so änderte er nach den Anschlägen vom 11. September 2001 seine Einschätzung. Beim Bundesparteitag in Halle/Saale sagte er 2015, er könne es "nicht mehr hören, dass der Terror des IS nichts mit dem Islam zu tun hat". Er vertrat sogar die These, die IS-Terroristen könnten sich "auf den Koran berufen".

"Jesus und Mohammed sind Freunde"

Kritisch setzte sich der Politiker mit den Moschee-Verbänden wie Ditib und Milli Görus auseinander. Den Status der Körperschaft öffentlichen Rechts sollten sie nur erhalten, wenn sie sich vom Einfluss aus dem Ausland befreiten. Er fordert einen "deutschen Islam", der mit beiden Beinen auf dem Boden des Grundgesetzes stehen müsse.

In erster Ehe war Özdemir mit der argentinischen Katholikin Pia María Castro verheiratet, die beiden haben zwei gemeinsame Kinder. Denen brachten sie nahe, "dass Jesus und Mohammed Freunde sind und gemeinsam schauen, was die Menschen auf der Erde machen". In der Familie wurde Weihnachten gefeiert, der Papa singt gerne Kirchenlieder mit, wozu ihm auch seine Auftritte bei Kirchen- und Katholikentagen reichlich Gelegenheiten boten.

Kirchen können "absolut entspannt" sein

Die Kirchen dürfen nach Ansicht von Biograf Peter Henkel von einem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Cem Özdemir Kontinuität erwarten, auch wenn er nicht im christlichen Glauben verwurzelt ist. Sie könnten "absolut entspannt" sein, weil der Grünen-Politiker den gesellschaftlichen Nutzen der christlichen Gemeinschaften zu schätzen wisse.

Journalist Peter Henkel meint sogar, bei Özdemir den "heimlichen Wunsch" zu erkennen, "dem ewigen Schwanken zu entkommen und sich gewissermaßen aufs Festland des Glaubens zu retten".

Buch-Hinweis: Peter Henkel, Johanna Henkel-Waidhofer: Cem Özdemir. Brücken bauen. 256 Seiten, 24 Euro. Bonifatius-Verlag 2025.