Die Vorgeschichte von Rassenhygiene und Euthanasie

Patientenakten aus Berliner Nervenklinik
© epd-bild / Marko Priske/Marko Priske
Historische Patientenakten der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Berlin-Reinickendorf wurden dem Berliner Landesarchiv übergeben. Sie stammen aus der "Städtischen Irren- und Idioten-Anstalt zu Dalldorf" der Jahre 1880 bis etwa 1960. Einen Schwerpunkt stellen Patientenakten insbesondere aus der NS-Zeit und von Opfern der NS-Euthanasie dar.
Evangelische Eugenik
Die Vorgeschichte von Rassenhygiene und Euthanasie
Bei den Begriffen Eugenik und Euthanasie denken die meisten wohl zuerst an die Nazi-Zeit. Ab April 1940, also vor genau 86 Jahren, wurde die Dienststelle zur Organisation des Massenmordes an Kranken und Pflegebedürftigen in einer Villa in der Berliner Tiergartenstraße 4 untergebracht. Daher rührte auch der spätere Name T4 für die Tötungsaktionen. Kaum bekannt aber ist, dass es die Ideen für Eugenik und Euthanasie schon im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik gab. Wie stand die evangelische Kirche dazu?

"Nach 1918, mit dem Ende des Kaiserreiches, wurde das auch in der Ausbildung der Ärzte stark diskutiert. Es war, wenn man so will, eine moderne Spielart der praktischen Psychiatrie. Es hat sehr viele Leute fasziniert", sagt der evangelische Theologe Jochen-Christoph Kaiser, zuletzt Professor für Kirchliche Zeitgeschichte, historische Frauenforschung und Diakoniegeschichte am Fachbereich Evangelische Theologie der Phillips-Universität Marburg.

Die Eugenik wurde seit Ende des 19. Jahrhunderts auch international stark diskutiert, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Skandinavien, in der Schweiz und Österreich, selbst in den USA. Es ging einerseits um die dauerhafte Pflege behinderter Menschen, anderseits um die Kosten und das vermeintliche Ideal einer Rassenhygiene durch Eugenik. "Man meinte damals wissenschaftlich belegen zu können, dass psychisch Kranke wiederum kranke Patientenkinder erzeugen. Das sollte möglichst verhindert werden", ergänzt Kaiser. Der Berliner Medizinhistoriker Uwe Kaminsky erläutert: "Man meinte die Fürsorgeleistungen eingrenzen zu müssen, also die so genannten Minderwertigen nicht mehr zu fördern."

Überraschend ist, dass diese Debatte nicht nur in der Medizin, sondern auch in der Evangelischen Kirche geführt wurde. Denn im Mai 1931 konstituierte sich im hessischen Treysa der Eugenische Ausschuss der Inneren Mission (also der späteren Diakonie). Zur Jahreswende 1933/34 wurde er in "Ständiger Ausschuss für Rassenhygiene und Rassenpflege" umbenannt. 

Jochen-Christoph Kaiser und Uwe Kaminsky haben zusammen in den Archiven der Diakonie recherchiert. In Sachen Eugenik wollten die Evangelischen bei der medizinischen Diskussion dabei sein. Federführend war der Arzt und Volkswirt Hans Harmsen, der 1926 zum Geschäftsführer des Deutschen Evangelischen Krankenhausverbandes berufen wurde. Auch übernahm er bei der Inneren Mission das "Referat Gesundheitsfürsorge". Harmsen wollte, dass die Eugenik in Erwägung gezogen wurde, gegen alle Skepsis der älteren Anstaltsleiter. 

Uwe Kaminsky dazu: "Die Kirche hatte immer auch den Geruch, man sei nicht vorne am Zeitgeist. Da wollte man sich absetzen. Man selbst war im protestantischen Feld Befürworter von eugenischen Maßnahmen, also die Förderung von vermeintlich nur erbgesunden Ehen."

Parallel zur Diskussion um die Eugenik entwickelte sich die Euthanasie-Debatte zum Beispiel für Krebskranke. Beide Stränge liefen Ende der 1920er Jahre und spätestens in der Nazizeit zusammen. Da wollte die evangelische Innere Mission zumindest mitdiskutieren, sagt Uwe Kaminsky: "Zugleich setzte man sich auch in der Konfessionskonkurrenz zur katholischen Kirche ab, denn Ende des Jahres 1930 hatte Papst Pius XI. die Enzyklika Casti Connubii veröffentlicht, die ein Verbot von eugenischen Maßnahmen wie der Zwangssterilisierung ausgesprochen hatte."

Debatten in evangelischen Kreisen

Obwohl es auch katholische Stimmen für die Eugenik gab. Neben dem Naturwissenschaftler und ehemaligen Jesuitenpater Hermann Muckermann etwa Joseph Mayer. Am Institut für Caritaswissenschaft in Freiburg schrieb er seine 700-seitige Dissertation "Gesetzliche Unfruchtbarmachung Geisteskranker". Ein allgemein beachtetes Referenzwerk. Grundsätzlich aber galt für Katholiken das Veto aus Rom.

Für die Evangelischen aber gab es zu keiner Zeit ein Verbot, über Eugenik, Sterilisation, ja sogar über Euthanasie nachzudenken. Der ständige Ausschuss für Eugenik (später für Rassenhygiene) wurde ab 1931 so etwas wie der protestantische Thinktank dazu. Gegründet im hessischen Treysa traf sich der eugenische Fachkreis in den folgenden Jahren in den unterschiedlichsten Anstalten im Deutschen Reich.

Von 1931 bis 1938 nahmen rund 130 Fachleute an den Sitzungen des Ausschusses teil: Theologen, Mediziner:innen, Jurist:innen, Soziolog:innen, Missionare, Fürsorger:innen, Funktionäre der Inneren Mission, des Evangelischen Oberkirchenrates in Berlin und Anstaltsleiter. Eine protestantische Elite.

Ringen um Positionen

Es war ein Ringen um das, was Evangelische noch dürfen und was ihnen theologisch-ethisch verboten war. Bis 1933 ging man bei der Inneren Mission noch von der Freiwilligkeit einer Sterilisation aus. In den evangelischen Anstalten gab es zunächst noch einen gewissen Schutz für die Bewohner. Im Januar 1934 trat aber das Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses in Kraft. Sterilisierung war damit auch gegen den Willen der Patienten möglich. 

"Sie sind zurückgewichen in der Zwangssterilisierung, weil es auch gesetzlich vorgeschrieben war. Und das wird man auch sagen müssen, dass hier eine gewisse Mitverantwortung für die allgemeine Debatte ergangen ist", erläutert Jochen-Christoph Kaiser.

So heißt es im Ergebnisprotokoll der 7. Arbeitstagung des Ständigen Ausschusses für Fragen der Rassenhygiene und Rassenpflege vom 10./11. April 1935: "Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses erlaubt im Interesse der Gesunderhaltung unseres Volkes bei einer nicht unerheblichen Zahl von Menschen einen operativen Eingriff, durch den die Betreffenden von der Fortpflanzung ausgeschlossen werden. In der Kette der Geschlechter, in der wir alle stehen, wird dieser Mensch durch einen "künstlichen" Eingriff isoliert. Es wird ihm an seinem eigenen Leibe bescheinigt: Deine Kinder müssen ungeboren bleiben, weil sie sonst die Zukunft des Volkes gefährden."

Die kirchlichen Anstalten führten sogar eigene Sterilisations-Statistiken, die sie dem NS-Staat übermittelten. Die evangelischen Anstalts-Leiter hatten Angst, die Behörden würden ihnen sonst Sabotage vorwerfen. Nur der Leiter der Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal bei Bernau, Pfarrer Paul Gerhard Braune, sprach sich gegen das Sterilisationsgesetz aus. Braune war aber nie Teil des Eugenischen Ausschusses der Inneren Mission.

Obwohl es dazu nie ein Gesetz gab, drangen nationalsozialistische Rassenhygieniker mehr und mehr auch noch auf Tötung des ihrer Meinung nach unwerten Lebens, auf Euthanasie. Doch da war für die allermeisten Evangelischen dann eine Grenze erreicht, sagt Jochen-Christoph Kaiser: "Dass die Leute, die sich damit beschäftigt haben, nun gleichzeitig ganz nah dran gewesen seien an den tödlichen Konsequenzen einer radikal zu Ende gedachten Eugenik, das will ich ja nicht in Abrede stellen. Aber sie haben es eben nicht getan."

Auf Widerrede folgte Verhaftung

Tatsächlich regt sich Widerstand gegen die Euthanasie. Pfarrer Paul Gerhard Braune fand sowohl Belege für den Gasmord in Brandenburg, Sachsen und Württemberg als auch für ein Hungersterben in den sächsischen Anstalten. Er verfasste eine Denkschrift, die er zusammen mit der Leitung der Inneren Mission Mitte Juli 1940 der Reichskanzlei vorlegte. Braune wurde daraufhin am 12. August 1940 verhaftet. 

Von katholischer Seite aus erhob sich Protest. Berühmt sind die Predigten des Bischofs von Münster, Clemens August von Galen, gegen die Mord-Aktionen der Nazis. Bei den Evangelischen aber blieb der öffentliche Aufschrei aus, so Kaminsky: "Man macht eine Denkschrift, wie sie von Paul Braune im Sommer 1940 erstellt worden war, und sendet die dann an die Reichskanzlei. Was es auf evangelischer Seite nicht gibt, zumindest nicht auf der Bischofsebene, ist ein öffentlicher Protest."

Auch aus der Diakonieanstalt Hephata in Treysa, wo es 1931 begann mit dem Eugenischen Ausschuss, wurden 388 Patienten zur Tötung abgeholt. Rund 300.000 Menschen fielen insgesamt der Euthanasie zum Opfer. Zudem befürworteten auch manche Teilnehmer im Ständigen Ausschuss für Rassenhygiene und Rassenpflege die Euthanasie - etwa  die beiden ehemaligen Betheler Chefärzte Carl Schneider und Werner Villinger. Sie waren Mitorganisatoren der Mordaktion. Zur Rechenschaft gezogen wurden sie dafür nie. Und nach dem Krieg konstituierte sich der Eugenische Ausschuss der Diakonie in der jungen Bundesrepublik sogar erneut, so als sei nichts geschehen.

Lesetipp: Biologiepolitik und Evangelische Kirche, Die Protokolle des "Ständigen Ausschusses für Rassenhygiene und Rassenpflege" der Inneren Mission 1931−1938, Herausgegeben von Jochen-Christoph Kaiser und Uwe Kaminsky, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2024, ISSN 1868-047X, ISBN 978-3-7395-1543-4