Wie Minneapolis dem Protestsong neues Leben einhaucht

Menschenmassen während einer Demonstration
am 30.01.2026 in Minneapolis.
Alex Brandon/AP/dpa
Am 23. Januar beteiligte sich jede:r vierte Wahlberechtigte aus Minnesota entweder selbst an den Protestaktionen oder eine nahestende Person, wie eine Umfrage des Forschungsinstituts Blue Rose Research ergab.
Widerstand gegen ICE
Wie Minneapolis dem Protestsong neues Leben einhaucht
In Minneapolis traf die US-Einwanderungsbehörde ICE auf heftigen Widerstand. Der Sound der Proteste kam von Blaskapellen, Rockbands und von Chören wie "Singing Resistance". Nachdem ICE aus der Stadt abgezogen ist, scheint der Chor erst richtig loszulegen. Worin liegt seine Kraft - und was können Protestsongs bewirken?

Minneapolis, 1. Februar: Mit einem Mikrofon in der Hand steht Annie Schlaefer auf der Ladefläche eines Trucks. In die Häuserschlucht um sie herum drängen sich Hunderte Demonstrierende. Es ist kalt, viele Menschen tragen Mütze und Daunenjacke. Das Lied habe sie gestern geschrieben, erzählt Schlaefer, und singt im Stakkato den Refrain vor. "It’s – o - kay - to - change your miiind". Die Melodie macht schnell die Runde, und Schlaefer sagt die nächsten Zeilen an: "Then you can join us, join us anytime." Sinngemäß: Ihr dürft eure Meinung auch ändern, dann könnt ihr bei uns mitmachen. Amüsiert stimmen die ersten Menschen ein und wenden sich rhythmisch klatschend dem Marriott Hotel zu, wegen dem sie gekommen sind.

Denn in dem Gebäude übernachten angeblich Mitarbeiter der Einwanderungsbehörde ICE, und das Protestkonzert soll die Beamten um ihren Schlaf bringen - wenige Tage nachdem ICE-Agenten tödliche Schüsse auf den Krankenpfleger Alex Pretti und die 37-jährige Renée Good abgefeuert haben. 

Der breite Widerstand aus Minneapolis, zu dem Chöre wie Schlaefers "Singing Resistance", außerdem Blaskapellen und Rockbands den Sound lieferten, dürfte dazu beigetragen haben, dass sich die ICE-Beamten inzwischen aus der Stadt zurückgezogen haben. Dieser Sound des Protests kam von lokalen Musiker:innen und ganz normalen Menschen - und er hallt nach. Einige Protestsongs nehmen sogar gerade erst Fahrt auf. Was macht diese Musik so kraftvoll - und was können Protestsongs bewirken?

Als der Chor "Singing Resistance" im Januar beginnt, in Wohnvierteln und an Kreuzungen der Stadt gegen ICE anzusingen, schließen sich schon bald 600 Menschen an, heißt es in einem Bericht des US-Senders CNN. Bei einem Gottesdienst in einer methodistischen Kirche, wenige Stunden nach dem Tod Alex Prettis singen schon 1.400 Menschen. Und als die Folkrock-Sängerin Brandi Carlile am 21. Februar ein Benefizkonzert in der Stadt mit "It’s okay to change your mind" beendet, sind schon 15.000 Menschen dabei. Ableger des Chors formieren sich laut Medienberichten derzeit in über 20 weiteren US-Staaten, Songtexte und Tipps zum Organisieren stehen im Netz bereit.

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Ein Kanal für umherwabernde Gefühle

Auch von der Zeitschrift The New Yorker kommt Zuspruch. Die Protestsongs von Megastars wie Bruce Springsteen ("Streets of Minneapolis") oder Jesse Welles hält der Autor und Literaturwissenschaftler Mitch Therieau im Vergleich mit den Straßenmusiker:innen und Chören für eher blass. Denn denen gelingt es aus seiner Sicht sehr viel besser, die umherwabernden Gefühle des Schreckens zu "kanalisieren und fokussieren".

Ein Grund hierfür mag sein, dass "Singing Resistance" Songs zum Mitsingen macht - anders als Welles, und zumindest entschiedener als Springsteen. Die Protestlieder kommen ohne Strophen aus, passen gut in kurze Tiktok-Videos und eher schlecht zum konzentrierten Musikhören im Ohrensessel. Die Melodien sind eingängig und die Texte gleichen oftmals Slogans, etwa: "This is for our neighbors who are locked inside, together we will abolish ICE" (Das ist für unsere Nachbarn, die sich verstecken müssen, gemeinsam werden wir ICE abschaffen). 

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"Wir versammeln unseren Mut"

Dieses Rezept erinnert an Songs aus der Gewerkschafts- und Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 60er-Jahre, an "Which side are you on?" oder "Oh Freedom". Dazu passt der Hinweis von CNN, dass "Singing Resistance" keinen Chor mit definiertem Ensemble bezeichnet, dass dort vielmehr Menschen zum ersten Mal außerhalb der heimischen Dusche singen. In Videoclips ist zudem zu sehen, wie die Gesangsgruppe Anwohner:innen in Wohngegenden zum Mitlaufen auffordert.

Für "Singing Resistance" sei ein Song ein Hilfsmittel, um zu trauern und die eigene Wut zu spüren, erklärt eine Chorleiterin, die anonym bleiben möchte, im Interview mit CNN. Eines der Lieder, das sie singen, heißt "We are not afraid" (Wir haben keine Angst). Dabei machten ihr die Ereignisse in ihrer Stadt große Angst, sagt sie. Wenn sie diese Zeile singen, gehe es vielmehr darum, "unseren Mut zu versammeln". 

Auch Alsa Bruno betont in einem Interview mit einem lokalen Podcast die emotionale Kraft seiner Musik. Bruno singt in der Blaskapelle "Brass Solidarity", die bereits seit dem Mord an George Floyd im Jahr 2020 regelmäßig an Gedenkorten spielt. Künstler:innen müssten Widerstand "unwiderstehlich" machen, habe die afroamerikanische Denkerin Audre Lorde geschrieben. "Damit die Menschen nicht allein mit ihren Geschwüren Zuhause hocken."

Eine ähnliche Beobachtung stellt der Kultursoziologe Ronald Eyerman an: Wie eine Verführungskünstlerin entfalte Musik eine unterbewusste Macht über die menschliche Psyche, bringe Menschen dazu, "sich in einer Weise zu verhalten, wie sie es normalerweise nicht tun würden", schreibt er in einem Gastbeitrag für ein französisches Online-Portal. Dieses einzigartige Vermögen der Musik werde jedenfalls bereits seit der Antike diskutiert. Schon der Ependichter Homer habe es mit den Sirenengesängen und Odysseus' Versuchen, ihren Rufen zu widerstehen, veranschaulicht. 

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Protestsongs erklären, weshalb protestiert wird

Eyerman hat ein Buch darüber geschrieben, wie US-Protestmusik soziale Bewegungen im 20. Jahrhundert formte; das tat sie auch, indem sie still Protestierende aus ihren Häusern lockte. Die musikalischen Rhythmen und Melodien laden ein, schreibt Eyerman, und wirken zudem wie ein kollektiver Klebstoff, insbesondere unter hohem Druck.

Aus Eyermans Sicht hat Protestmusik aber nicht nur einen emotionalen Wert für soziale Bewegungen: "Musik enthält im politischen Protest oft eine explizite Nachricht, einen Text, der erklärt, wogegen oder wofür protestiert wird und weshalb." Protestmusik sorgt für Orientierung, indem sie Momente wie den vor dem Marriott-Hotel in Minneapolis mit einer Tradition verbindet, etwa aus der Bürgerrechtsbewegung. Versammlungen können aber auch Traditionen durchbrechen und Protest neu erfinden, schreibt Eyerman: durch Protestsongs.

Eine Protestbewegung entsteht

Eines der Beispiele, das Eyerman und sein Mitautor Andrew Jamison in ihrem Buch Music and Social Movements nennen, ist der Song "We Shall Overcome". Zunächst ein Spiritual, sei das Lied von der Arbeiter:innenbewegung aufgegriffen worden. 

Als 1959 in Tennessee, am Ende eines Workshops von Bürgerrechts- und Gewerkschafts-Aktivist:innen, die Polizei ins Gebäude platzte, habe jemand begonnen, "We Shall Overcome" zu summen. "In der Hitze des Augenblicks begann eine Schülerin aus Alabama eine neue Zeile zu singen, "We are not afraid"" (Wir haben keine Angst). Dies habe dem Song neues Leben und Kraft eingehaucht, der schon bald bei allen Aktivitäten der Bewegung gesungen worden sei.

Von Belgrad nach Minneapolis

Auch für "Singing Resistance" sind die Spirituals und Folksongs der Bürgerrechtsbewegung wichtig. Für "It’s okay to change your mind" ließ sich Annie Schlaefer aber in Serbien inspirieren, bei der Jugendbewegung Otpor ("Widerstand"), wie auf der Webseite des interreliösen Verbands "Interfaith Alliance" nachzulesen ist. Otpor war mit kreativen und satirischen Protestaktionen maßgeblich am Sturz des Machthabers Slobodan Milošević im Jahr 2000 beteiligt. Spätere Demokratie-Bewegungen, etwa in der Ukraine, Georgien und Ägypten, kopierten Otpors Ideen.

Wenn sie aus der Haft freikamen, schreibt "Interfaith Alliance", seien Otpor-Mitglieder regelmäßig vor Polizeistationen und Wohnhäusern von Polizisten aufgetaucht und hätten gesungen: "You may not join us today, but you can join us tomorrow" (Morgen dürft ihr euch uns anschließen, heute lieber nicht). Vielleicht sollte also, wer nach Hoffnungsvollem sucht, ab und an einen Videoclip von "Singing Resistance" ansehen - womöglich springt ja wieder eine neue Zeile auf die Menge über, so wie 1959 in Tennessee.